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im Begriff, sich dem Hause zuzuwenden, als nahende Schritte sie zurückhielten. Sie verbarg sich hinter einer Baumgruppe, bis sie den Herankommenden genauer sehen konnte.
Er kam so langsam und nachdenklich daher geschritten, daß sie ihn mit Muße betrachten konnte, und Marian mußte sich gestehen, daß ein eigenthümlicher Reiz in der ganzen Erscheinung des jungen Mannes lag.
Und in der That zeichnete sich Rupert Falkner — denn es war kein anderer als er — durch auffallend edle Züge und eine imponirende Gestalt aus und Lady Marian Biddulph meinte, sogar in Hofkreisen nie das Gepräge so vollständig angeborener Aristokratie bemerkt zu haben, wie es diesen einfach gekleideten Wanderer auszeichnete.
Muhamed schien aber anderer Meinung zu sein oder er wollte sich den ihm durch dar feste Gebiß auferlegten Zwang nicht gefallen lassen, denn plötzlich that er einen Satz und bäumte sich, daß er seine schöne Reiterin fast abgeworfen hätte und bevor sie wieder recht zu sich kommen konnte, that er wie in einem heftigen Wuthanfall einen weiten Sprung nach der gegenüberliegenden Anhöhe.
Lady Marian schrie nicht, aber sie stieß einen leisen Ruf aus, der ihre Angst vielleicht noch mehr verrteth. Sie glaubte den sicheren Tod vor sich zu sehen; Muhamed war so wüthend und die gegenüberliegende Anhöhe so steil und gefährlich.
-Aber wie sie so unfreiwillig vorwärts schoß, war es ihr, wie wenn Jemand hinzuspränge, obgleich es ihr wie ein Schleier vor den Augen lag.
Sie fühlte einen Ruck, es legte sich eine Hand fest um ihre Taille, und dann verlor Marian für kurze Zeit die Besinnung.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie halb auf dem Rasen, der den Hügelabhang deckte und halb ward sie von dem Arme dessen gestützt, der die unfreiwillige Ursache des Unfalles gewesen war.
„Fühlen Sie sich wohler, Lady Marian?" fragte er, während er den Arm unter ihrer Taille wegzog.
„Ja, ich danke ... es ist mir ja nichts geschehen," erwiderte sie, sich aufrichtend. „Wo ist Muhamed? Was hat ihn nur so unruhig machen können?" setzte ste hinzu, während sie unwillkürlich wieder zurücksank.
„Ruhen Sie eine Weile," versetzte er. „Sie sind zu sehr erschrocken und verloren dadurch die Kraft. Ihr Pferd ist ruhig und unbeschädigt. Doch fürchten Sie sich wohl, es wieder zu besteigen?"
„O nein, durchaus nicht," entgegnete sie rasch. „Aber woher wissen Sie meinen Namen?" sagte sie, sich plötzlich daran erinnernd, daß er ste erkannt hatte, während er ihr völlig fremd war.
„O, ich hübe sowohl von Ihnen gehört als gesehen, Lady Marian, obwohl ich hier fremd bin," entgegnete er. „Doch was wollen Sie nun thun? Sie fühlen sich gewiß unwohl und Ihr Diener ist vermuthlich nicht in der Nähe, daß ich ihn rufen könnte."
„Nein, neinl" unterbrach sie ihn hastig. „Ich bin ganz wohl. Bitte, helfen Sie mir beim Aufsteigen und sagen Sie mir, welche Zeit es ist, denn ich fürchte, es ist schon spät."
„Sie fürchten es?" entgegnete Rupert sanft. „Lady Marian ist doch gewiß ihre eigene Herrin."
„So weit es die gewöhnlichen Formen des Lebens anbelangt, allerdings," sprach sie kalt. „Aber ich kam in einer Absicht hierher, die ich infolge dieser Laune Muhameds werde unausgeführt lassen müssen."
„Was meine Schuld war, fürchte ich," erwiderte er. „Ich erschreckte da» Thier .... doch hatte ich allerdings keine Ahnung davon, daß zu dieser Stunde eine Dame hier sein könM."
^Vermuthlich kamen auch Sie in einer bestimmten Absicht hierher?" fragte das Mädchen.
„Sie vermuthen sehr richtig," entgegnete der junge Mann. „Leider blieb auch meine Absicht unerreicht wie die Ihre, wenn sie sich auch schwerlich demselben Gegenstände zuwandte."
Die junge Dame trat stolz einen Schritt zurück.
„Sie können doch kaum einer der Beamten sein, die aus- gesandt sind, um hier nachzuforschen," sagte sie mit scheuem Blick, der schlecht mit ihrer bisherigen Freundlichkeit übereinstimmte.
„Allerdings nicht, wenn Sie Lord Faros Mord meinen," antwortete er ebenso stolz.
„Mord!" wiederholte sie. „So halten Sie es für ein Verbrechen?"
„Ja und die dabet Betheiligten halte ich für strafbar," versetzte er heftig. „Lady Marian, ich will offen gegen Sie sein. Der Zweck meiner Wanderung war, ein junges Mäd- chen aufzufinden, das ich zur Erkenntniß ihrer Schuld bringen möchte, obgleich ich sie um der Vergangenheit willen nicht be« strafen würde, wie sie es wohl verdient."
„Sprechen Sie von Cora vom Meere?" rief Lady Marian. „Was wissen Sie von ihr?"
„Ach, zu viel, und gleichzeitig zu wenig!" antwortete er. „Sie war mir einst so theuer, da ich ste gerettet und in ihrer Kindheit überwacht hatte. Aber ich hatte mich in ihr getäuscht. Ich glaubte sie genau zu kennen und nach Gebühr zu schätzen Sie hat sich falsch und leichtfertig erwiesen und doch kann ich sie nicht ihrem Schicksal überlassen."
„Dann ist es also wahr .... sie ist hier?" erwiderte Lady Marian erregt.
„Ich habe sie in den letzten vierundzwanzig Stunden ge- sehen," sprach Rupert, „doch ist sie seitdem spurlos verschwunden. Seit Tagesanbruch suche ich fie."
„Würde es Sie wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich zu demselben Zwecke hier bin?" sprach sie ruhig. „Ich wollt« sie, wenn möglich, von ihrer eigenen Thorheit und vor dem Verderben retten, das ihrer harrt, obwohl ste mich tief "gekränkt und verletzt hat."
„Sie Edle!" erwiderte Rupert feurig. „Jetzt weiß ich, welch' wahre Großmuth im edlen Blute wohnt, Lady Marian, wenn Sie für eine undankbare Fremde so viel wagen! Aber Sie sollen nicht länger darunter leiden!" fuhr er ernst N „Ueberlassen Sie das Suchen mir, Lady Marian. - .btt heißt, wenn Sie mir vertrauen wollen, was Sie über sie erfahren haben. Ich habe nichts zu verlieren. Cora hat meinen Frieden zerstört ... mir das Leben zu einer Last gemacht. Sie find reich, begabt, glücklich. Ein einziger Makel aus Ihrem stolzen Namen kann Ihnen theuer zu stehen kommen."
Ueber das Gesicht der jungen Dame ergoß sich eine tiefe Röthe.
„Ich danke Ihnen," entgegnete sie, „aber ich fürchte nicht für mich. Doch könnte es Jemand verrathen, der mir einst so theuer war, wie Ihnen das Mädchen, und ihn in Gefahr zu wissen, würde mich tief bekümmern."
„Ich verstehe," sagte der junge Mann, „ich bin längs genug hier, um Manches zu kennen. Dieselben bestätigen nur meine Vermuthungen. Lady Marian, Sie sind großmüthigsr als ich, lieber unterstützen Sie eine Nebenbuhlerin in ihrem Glücke, als baß Sie den, den Sie lieben, zu Grunde richten."
„Ich liebe nicht mehr," antwortete ste stolz. „Meim Liebe ist dahin, nun eine so unwürdige Nebenbuhlerin mtlm Stelle eingenommen hat; aber wie Sie sagen, es geschieht'» der Erinnerung an die Vergangenheit."
„Sehr wahr," sagte er, „und hierin besteht eine Sy«' pathie zwischen uns, die uns gegenseitig Vertrauen einflSßs« sollte, Lady Marian; vertrauen Sie mir und sagen Sie mit, was Sie wünschen. Ich will, wenn möglich, die Schuldigen von einander trennen und den unglücklichen Flüchtling, den Sie vermuthlich meinen, retten."
„Das wollen Sie?" rief sie. „So hören Sie und neh« men Sie dieses Geld!" fuhr sie, ihm ihre Börse hinhaltend, fort. „Er ist für ihn, bis er in Sicherheit ist . - . auch sie soll einen Zufluchtsort haben ... das Haus, das ich ihr an- bot, schlug ste au». Mir ist, als könnte ich Ihnen völlig vertrauen," sprach sie zögernd weiter. „Ihre Augen verrathen, daß Sie aufrichtig sind." .
Bei diesen Worten reichte Lady Marian ihm die W


