Ausgabe 
22.6.1895
 
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MterhaUungsbtatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

1895.

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SamStag de« 22. Juni

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Die Tochter des Meeres.

Semen »en Ä. Steele.

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»Mir scheint, Sie halten uns Männer für entsetzlich thörlcht, Lady Marian," antwortete der Herzog. »Würden Sie sich in Ihrer Wahl von solchen Beweggründen leiten lassen?"

Das weiß ich nicht," sagte sie bitter.Ich bin in meinen theuersten Wünschen und Neigungen getäuscht worden. Warum sollte ich jetzt nicht etwas Sicherem trauen?"

Und war dieses unglückliche Mädchen die Ursache Ihrer Enttäuschungen, welcher Art dieselben auch gewesen sein mögen ?" fragte er mit einem Blick wirklicher Theilnahme-

Sie hat Vielen Kummer verursacht . . . Anderen noch viel mehr als mir . . . und das Unglück läßt sich nicht wieder gut machen," war die leise, traurige Antwort.Aber bitte, dringen Sie nicht weiter in mich. Wenn sie verrathen würde, würden auch Andere in entsetzliche Gefahr kommen."

Und doch kann sie Hunger leiden ... kann zu Grunde gehen," sprach er.

Ueberlaffen Sie das mir! Ich werde sehen, ob sich etwas thun läßt, ohne Andere in's Verderben zu stürzen," sagte Lady Marian.Nicht wahr, ich richte eine solche Bitte doch nicht vergebens an Sie?"

«Nein, nein! Es sei, wie Sie wünschen!" erwiderte der Herzog nach kurzem Besinnen.Sie können gegen eine arme Aurgestoßene nicht grausam sein. Und doch," fuhr er zögernd ftrt,würde ich es als ein große« Vertrauen ansehen, Lady Marian, wenn Sie meinep Beistand annehmen wollten "

Vielleicht thäte ich es, aber ich kann nicht nach eigenem Belieben entscheiden, wo es sich um die Sicherheit Anderer handelt," entgegnete sie mit bezauberndem Lächeln.Doch ich « k«'c daß. Papa sehnsüchtig nach dem Thee ausschaut ... wir dürfen ihn nicht länger auf dar duftende Getränk warten lassen.

. Aii.t diesen Worten eilte sie in das Nebenzimmer, ohne sine Antwort abzuwrrten.

Herzog folgte ihr langsam und kam gerade zurecht, um zu sehen, wie Marian ihren weißen Arm um ihrer Vater-

Hals schlang, während sie ihm mit der andern Hand eine Tasse Thee reichte.

Sie sah reizend aus, wie sie so dastand, und der junge Herzog mußte sich gestehen, daß ein entschiedener Reiz darin lag, in diesem kleine» Kreis den Abend zu verbringen.

Und doch weilten des Herzogs Gedanken mehr bei Coras ernstem, ausdrucksvollem Gesicht, als bei der eleganten und reichen Erbin von Biddulph, um welche zu werben er ge­kommen war.

XXX.

Lady Marian hatte seit ihrer Anwesenheit auf Schloß Biddulph oft wunderliche Einfälle und die Dienerschaft wagte nicht, sich ihren oft eigenthümlichen Befehlen offen zu wider­setzen.

Als sie daher Auftrag gab, am nächsten Morgen «ach des Herzog» Ankunft früh um sieben Uhr ihr Lieblingspferd Muha- med zu satteln und selbst an die Stallthür kam, um da auf­zusteigen, wagte Niemand, auch nur durch einen Blick seine Verwunderung zu verrathen.^

Soll Friedrich Sie begleiten, Milady? Ich habe sein Pferd bereit," fragte der Stallbursche, der den schönen Braunen festhielt.

Nein, ich wünsche allein zu reiten," erwiderte ste ent­schieden.Ich werde in ungefähr einer Stunde wieder zurück sein und will nicht, daß weiter darüber geredet wird, Jennigr."

Der Bursche verneigte sich stumm.

So ritt Marian unbelästigt und gemächlich davon; sobald sie aber außer Sicht war, gab sie Muhamed einen leichten Schlag, der den Schritt zu einem Galopp beschleunigte und sie mit einer Schnelligkeit über den ziemlich holprigen Weg trug, vor dem Viele angstvoll zurückgeschreckt wären.

Aber Lady Marian fühlte, daß die Zeit kostbar war.

Ihre Augen waren erwartungsvoll auf die Straße vor sich gerichtet, als hoffe sie bei jeder Wendung des Weges irgDd etwas Besonderes zu entdecken. w

Endlich aber war die Straße zu Ende und Lady Marian sah dieselben zwei Wege vor sich, an welchen Rupert Falkner vor Kurzem unentschlossen gestanden hatte, während in der Ferne eine leichte Rauchwolke aus dem Häuschen aufstieg, in welchem Cora Hilfe gesucht hatte.

Marian überlegte einen Augenblick und war dänn eben