Ausgabe 
22.1.1895
 
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Freilich existirt ein Schutzengel, der aber nicht pariren will, weil er behauptet, einem anderen gehorchen zu müssen. Mit einem Wort, es ist Ihr Töchterchen, Herr Hauptmann!"

Elisabeth will ihn nicht retten!" fragte der alte Herr mit ungläubiger Mienesie, die immer seine Partei ergriffen

Bah, Hauptmann Ehrhard, sie kennt Disciplin!"

Ueber des Kranken Gesicht zuckte es wie ein zufriedenes Lächeln.

Meinen Sie, daß ihre Gegenwart Willibald nützen, ihn zum Bewußtsein bringen könnte?" fragte er leise.

Ich hoffe es, und wenn sie ihm auch vielleicht nur die letzte Stunde versüßen sollte, so meine ich, daß es ein Gebot der Nächstenliebe wäre. Uebrigens würden die Damen unserer Stadt insgesammt wetteifern, ihm diesen Liebes­dienst zu erweisen."

Sie soll gehen," entschied der alte Herr jetzt hastig, hat Urlaub so lange Sie es für nöthig halten, Doctor! Rufe sie herein, Dorothea!"

Diese gehorchte und mit Elisabeth erschien auch Leonore Carlsen im Krankenzimmer.

Willst Du vielleicht mein Schutzengel sein?" fragte der Hauptmann mit einem Anflug von Humor die letztere.

Ja, Onkel Hauptmann, ich will Ihre rechte Hand sein, und die Grillen von Ihrem Lager verscheuchen," erwiderte Leonore,darf ich bleiben und Elisabeth gehen?"

Hm, Kleine, ich bin mit dem Tausch zufrieden, da Dein Herz wenigstens hier bei dem alten Krüppel sein wird. Geh' in Gottes Namen zu Deinem Kranken, meine Tochter!" setzte der Hauptmann, zu Elisabeth gewandt, mit mühsamer Fassung hinzu,und nimm meinen Segen mit Dir, falls der Augenblick kommen wird, wo er Dich erkennt. Vielleicht thut der Herrgott ein Wunder und läßt die Liebe triumphiren, wie er es an dem harten Herzen meiner Feindin bewiesen hat."

Mit einem Ausruf der Freude eilte Elisabeth auf ihren Vater zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie mit innigen Küffen, während Freudenthränen ihren Augen entströmten.

Gott hat mein Flehen erhört, er wird mir auch ferner gnädig zur Seite stehen!"

XI.

Der Winter hatte seine Strenge verloren und in dem Herzen unserer Freunde begann es Frühling zu werden. Mit freudiger Theilnahme hatte die Bürgerschaft die aus dem Krankenhause kommenden Nachrichten über die Besserung des Zustandes des heldenhaften Retters aus schwerer Roth ver­nommen. Wenn auch nähere Details über die wunderbare Rettung des scheinbar dem Tode Verfallenen nicht bekannt ge­worden waren, so sprach man doch allgemein von einer Wunderkur, die der Sanitätsrath an dem Kranken vorgenom­men habe. Auch im Hause des Professors Carlsen war sie in den letzten Wochen täglicher Gegenstand der Unterhaltung gewesen.

Daran erkennt man so recht die Zusammengehörigkeit der Menschen," bemerkte Leonore Carlsen, als Hamson ihr gegenüber seine Verwunderung über dieses merkwürdige Wunder aussprach.Uebrigens ist es gar kein Wunder," setzte sie mit werser Miene hinzu,da die Hypnose doch im Grunde an- erkannt ist, wenn sie auch von der Wissenschaft angezweifelt rt0' 3ch habe in Dresden eine solche Vorstellung angesehen, sollte selber durchaus hypnotisirt werden, weil ich die Ge­schichte bezweifelte, bedankte mich aber und würde es unter keinen Umständen thun."

Sind Sie denn überzeugt worden, Fräulein Leonore? Pardon, meine Gnädige, der Name klingt so schön, daß ich »hn häufig in meinen Gedanken wiederhole."

.. "Ab s^d unverbesserlich, wie ich sehe, mein Herr! Nun also, ich bin in der That davon überzeugt worden, daß es viele Dinge im Himmel und auf Erden gibt, von denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt, wie der edle Dänen­prinz Hamlet schon behauptet hat. Was nun das Genesungs- wunder Ihres Freundes betrifft, so müssen wir ein solches

doch einfach auf die Sympathie, welche ihn von Kindheit an mit Elisabeth verbunden, zurückführen."

Ganz recht, sagen wir, die Hypnose der Liebe vollbrachte das Wunder," sagte Hamson, sie unverwandt anblickend,wie beneidenswerth, so fest von der Gegenliebe eines angebeteten Wesens überzeugt zu fein! Ich würde mich mit Vergnügen in derartige lebensgefährliche Unternehmungen stürzen, dürfte ich hoffen, eine solche Sympathie zu finden."

Hm, Willibald Ehrhard hatte bei seiner Heimkehr immer­hin Glück," meinte Leonore, den Amerikaner schalkhaft an» blickend,man sollte wähnen, der Herrgott habe ihm eigens die Sturmfluth gesandt, um seinen größten Widersacher, den Onkel Hauptmann, mürbe zu machen, abgesehen von den feu­rigen Kohlen, die er nebenbei auf verschiedene Häupter gesam­melt hat. Was nun Ihren neidischen Wunsch anbetrifft, Herr Hamson, so fürchte ich, es könnte Ihnen mit dieser sympathe­tischen Kur ebenso schlimm ergehen, wie dem kranken König in LangbeinsHemd des Glücklichen". Sie kennen das Ge­dicht wohl nicht?"

Leider nein."

Leonore erklärte ihm den Inhalt dieses bekannten Ge­dichts, wonach der kranke König nur durch das Hemd eines Glücklichen gesund werden kann, aber doch zu Grunde gehen muß, weil der endlich gefundene Phönix kein einziger Hemd besitzt."

Sehr gut, eine vortreffliche Satire," lachte Hamson, Sie setzen darnach voraus, daß es mir mit der erhofften Sympathie ebenso ergehen könnte?"

Ja, man würde Ihnen wie unferm Willibald auch sicher­lich von allen Seiten Sympathie entgegenbringen, ob aber die erhoffte heilsame, wäre doch sehr sraglich."

Das schöne Mädchen saß ihm gegenüber in dem behag­lich durchwärmten Wohnzimmer ihres Elternhauses. Draußen war es wieder winterlich geworden, große Schneeflocken wir­belten lustig durcheinander, im Kamin loderten die Flammen wie in dem Herzen dieser beiden jungen Menschenkinder, die heute zum ersten Male allein miteinander waren, da der Pro­fessor ihn zwar ausgesucht höflich, doch noch immer mit einem Mißtrauen behandelte, das den verwöhnten Amerikaner mit hellem Zorn erfüllte. Heute aber wollte dieser ein Ende machen und eine Erklärung herbeiführen.

Wie ihre braunen Augen ihn schelmisch anblitzten, diese Augen, die ihn um seinen ganzen Halt, seine Ruhe und selbst, bewußte Sicherheit brachten, wie sein Herz ihr stürmisch ent- gegenschlug!

... x »Gewiß, Herr Hamson," setzte sie schalkhaft hinzu,ich lurchte, dasHemd des Glücklichen" würde sich für Sie nirgends finden und auch Sie müßten wie der arme König elendiglich - sterben."

Der junge Mann erhob sich ungestüm und trat rasch zu ihr. Aus seinen blauen Augen blitzten leidenschaftliche Liebe und Entschlossenheit.

So würden auch Sie mich elendiglich sterben lassen, Leonore ?" fragte er mit bebender Stimme, sich tief zu ihr herabneigend.

Das blaffe Gesicht des jungen Mädchens erglühte zu Purpur Sie senkte den kecken Blick und vermochte kein Wort hervorzubringen, unwillkürlich preßte sie die Hand auf's Herz, als fürchtete sie den verrätherisch lauten Schlag desselben, der sie zu ersticken drohte.

Antworten Sie mir, theuerste Leonore," fuhr er, un­gestüm ihre Hand ergreifend, fort,würden Sie die ersehnte lebenrettende Sympathie nicht für mich haben? Richt Ihr Glück mir geben, es in meiner Erhaltung wiederfinden?"

.. »Mein Gott," stieß sie jetzt, ihre Hand ihm entziehend, erschreckt hervor,ich glaube, meine Eltern kommen! Was habe ich gesagt, gethan, um Sie zu einem solchen Ueberfall zu ermuthigen?"

Hamson richtete sich auf und trat rasch zurück. Sein Gesicht war todtenblaß, er athmete schwer und mühsam.

Un, Verzeihung, mein gnädiges Fräulein," murmelte er,