Ausgabe 
22.1.1895
 
Einzelbild herunterladen

allen Ernsterffgethsilt hast. Arme, thörichte Kinder, als wenn ein solcher Plan überhaupt hätte ausgeführt werden können."

Du stehst aber, beste Tante, daß ich unter diesen Um­ständen dem ärztlichen Gebote nachkommen muß," beharrte Elisabeth,ich weiß, daß er sich selbst in seinen Fieberträumen nach mir sehnt und daß meine Gegenwart ihn beruhigen, ihn retten wird."

Ein starker Glaube," meinte die alte Dame etwas ironisch.Aber die Liebe soll ja Alles überwinden, wie es in der Schrift heißt, auch den Tod, ob Du indeß den Papa willfährig machen, ihn zu Deinem Glauben bekehren wirst, ist eine zweite, sehr ernste Frage. Hat er überhaupt, mit Dir schon über Willibald gesprochen?"

Keine Silbe, die Aerzte haben ihm das Sprechen ver­boten."

Fürchtest Du nicht, daß Dein Entschluß, Willibald im Krankenhause zu pflegen, ihm einen zweiten gefährlicheren Schlaganfall zuziehen, ihn vielleicht gar tödten kann?"

O, Tante Dorothea, Du bist grausam I" klagte das junge Mädchen, fassungslos die Hände emporringend.

Nein, mein geliebtes Kind, nur aufrichtig. Wenigstens müssen wir erst fondiren, wie Papa jetzt über den armen Jungen denkt, ob er ihn noch verurtheilt oder seinen soeben bewiesenen Heldenmuth mit geringerem Maße abschätzt, als bei einem Fremden. Wenn das wäre, dann, arme Seele, fürchte ich, wird er, wenn's in seiner Hand liegt, ihn nicht retten wollen."

Hältst Du Deinen eigenen Bruder für einen Mörder?" fragte Elisabeth entsetzt.

Ach, was wissen wir von den starren Ehrbegriffen eines Soldaten vom Schlage Deines Vaters, meine Liebe! Er befindet sich jetzt in einer Sackgasse, aus welcher ihn nur eiserner Trotz oder Waffenstreckung befreien kann. Sein un­bändiger Stolz wird ihn lieber ungerecht und grausam als nachgiebig machen, ich kenne ihn zu gut, da schon als Knabe ein starres Festhalten seines vermeintlichen Rechts ihm eigen war."

Und um seines ungerechten Stolzes halber soll Willibald zu Grunde gehen?" rief Elisabeth vorwurfsvoll.Kannst Du dar verantworten, Tante Dorothea?"

Still, Kind, wer sagt denn das; ich will ihn ja nur die Sache mit fich selber abmachen lassen. Vielleicht siegt auch in ihm die Liebe"

Und mittlerweile stirbt Willibald."

So sei doch nur ruhig, ich will ja nichts dagegen reden, obwohl der tttte Sanitätsrath mir recht sonderbar vorkommt mit seinem neuen Heilmittel. Es soll wohl eine Art Hypno­tismus sein, ich glaubte, die Aerzte seien sammt und sonders darüber erhaben."

Die alte Dame seufzte schmerzlich bei diesen Worten, da ihr das neue Heilmittel den überzeugenden Beweis gab, daß der alte Arzt bei dem armen Willibald am Ende seiner Wissenschaft war und er ihm sowohl wie Elisabeth den letzten Trost der Beisammenseins nur noch gönnen wollte.

Ja, ja, Du sollst ihn pflegen, mein Kind," setzte sie, wie aus jenem Gedanken heraus, hinzu,es ist Dein Recht, ich will dem Papa gegenüber die Verantwortung auf mich nehmen und sollte ich zur List, selbst zur Unwahrheit greifen müssen. Willibald ist auch meines Bruders Sohn"

In diesem, Augenblicke ertönte eine Glocke im Neben­zimmer.

Das ist Papa," sagte Elisabeth erregt, indem sie rasch dar Zimmer verlassen wollte.

Bleib', laß mich zu ihm gehen," flüsterte die Tante, sie zurückhaltend.

Tante Dorothea trat an das Bett des kranken Bruders, der sie unruhig anblickte.

Du bist es," knurrte er,es that nicht nöthig, Dich au« Deiner Ruhe aufzustören."

Ich bin nur zufällig auf einem Spaziergange hier vor­getreten. Wie befindest Du Dich letzt, lieber Max?"

38

Gut, wenn ich die rechte Hand nur erst wieder mobil hätte- Setz' Dich, Dorothea, ich muß mit Dir reden."

Wollen wir das nicht lieber auf morgen verschieben? Der Doctor"

Ach was, das Reden ist die beste Medicin für mich; ich werde verrückt von meinen Gedanken. Hast Du es gewußt, wer der der na, der Fremde der Retter in der Sturmfluth gewesen ist? Oder hat die Melchior es nur aus Bosheit gesagt, um mir damit den Todesstoß zu versetzen?"

Die letzten Worte hatte er nur leise, mit großer An­strengung hervorgebracht, seine Kraft war offenbar zu Ende. Die Schwester beugte sich angstvoll über ihn.

Du tödtest Dich selber mit dieser Aufregung," sagte sie so ruhig wie möglich, da sie nicht wußte, ob sie ihm die Wahr­heit sagen durste. Wie erlöst athmete sie deshalb auf, als in diesem Augenblick der Sanitätsrath eintrat-

Mein Bruder regt sich unnöthig auf," nahm sie sofort das Wort,er quält sich mit Gedanken."

Bah, lieber Hauptmann, Sie haben doch gut geschlafen?" fiel der Arzt, nach seinem Puls fühlend, rasch ein.Böse Träume vielleicht gehabt?"

Der Kranke starrte bald ihn, bald die Schwester an.

War es vielleicht ein Traum mit dem Besuch der Mel­chior?" fragte er leise.

Nein, gewiß nicht," erwiderte der Doctor,sie ist auch nicht aus Bosheit zu Ihnen gekommen, sondern einzig von ihrem Gewissen ober sagen wir lieber von einer Art Dank­barkeit oder Pflichtgefühl getrieben, das für sie offenbar zum Zwang geworden ist. Sie konnte es allerdings nicht vor­aussetzen, daß Hauptmann Ehrhard die hohen Verdienste eines solchen Helden nicht gebührend anerkennen"

Er hat es nur zu sehr gethan," murmelte der Kranke.

Nun ja," fuhr der Sanitätsrath unbekümmert fort, ob­wohl Tante Dorothea ihn ängstlich flehend anblickte,so lange es einem räthselhaften Unbekannten galt- Aber dem eigenen Neffen, dem heimgekehrten Sohne des für's Vaterland gestor­benen Bruders diesen Lorbeer zuzuerkennen, davor entsetzte sich der wackere Hauptmann Ehrhard so sehr, daß er einen Schlaganfall erlitt."

Der Kranke lag nach diesen etwas gewagten Worten seines^ Arztes eine Weile unbeweglich still. Er hatte die Augen geschloffen, aber im Gesichte zuckte es verrätherisch und plötzlich drang durch die Lider eine Thräne, welche langsam über die gefürchtete Wange in den grauen Bart herabtropfte,

Sich mit der linken Hand hastig übers Gesicht streichend, fragte er, etwas scheu die Augen wieder öffnend:Ist er noch am Leben, Doctor?"

Ja, aber dieser kostbare Leben schwebt an einem dünnen Faden. Meine Hoffnung ist gering."

Ist er bei Besinnung?"

Nein, das Fieber rast in ihm und verzehrt seine letzten Kräfte."

Der Kranke seufzte tief und schmerzlich auf.

Lassen Sie mich sterben, Doctor!" stöhnte er,war ist an der Ruine gelegen, aber retten Sie ihn. Könnte ich den Jungen nur einmal noch sehen, ein Wort mit ihm reden!"

Der Versöhnung und Liebe?" fragte Tante Dorothea, welche ihren Thränen nicht mehr gebieten konnte.

Meinst Du, ich wollt' ihm meinen Fluch noch extra mitgeben?" knurrte der Hauptmann.

Ruhig, ruhig," gebot der Arzt,ich bin durchaus nicht im Stande, zu behaupten, daß mein tapferer Patient sterben muß. Schonen Sie Ihre Kräfte, Herr Hauptmann, damit Sie bald wieder aufstehen und den Kranken noch lebend be­grüßen können. Der arme Kerl ruft fortwährend nach seinem Schutzengel, vielleicht wäre dieser im Stande, ihn zu

Wollen Sie mich hänseln, Doctor, oder gibt's einen ' solchen für ihn?"