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Dienstag den 22. Januar
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' Ml Gießener Anzeiger (General Anpiger).
1895
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Sturmfluth.
Roman Don Em. Heinrichs.
(Fortsetzung.)
„Er schläft jetzt sehr fest infolge eines Schlafpulvers," fuhr Elisabeth dann im Flüstertöne fort. „Es ist, Gott sei Dank, nur ein leichter Schlaganfall, von dem Papa wieder gänzlich genesen wird, wie der Sanitätsrath versicherte. Du weißt wohl, daß die Melchior hier war, Tante?"
„Hamson erzählte es mir, es ist tragisch, daß die Unglückselige selbst in ihrer Gewissensangst und Reue unserer Familie Verderben bereiten muß. Was mag ihr dieser Gang gekostet haben und in welcher Verfassung mag sie heimgekehrt sein? Sie dauert mich trotz alledem!"
„Ich verurtheile sie ja nicht, aber was trieb sie dazu, von Willibald anzufangen, da sie doch nicht wissen konnte, ob Papa seine Heimkehr schon erfahren hatte? O, Tante, wie fürchte ich mich vor seinem Erwachen, was soll ich ihm antworten, wie ihn beruhigen?"
„Ich bleibe hier, Kind," versetzte die alte Dame mit bewunderungswürdiger Fassung. „Du sollst dies furchtbare Leid nicht allein tragen. Wir werden auch einen Krankenwärter zur Hilfe bekommen, wie mir Hamson sagte. Dieser junge Amerikaner will durchaus nicht an eine Lebensgefahr unseres Willibald glauben. Er besitzt eine merkwürdige. Ueber- zeugungskraft, welche sich selbst mir mitgetheilt und mich in der That mit einer gewissen Zuversicht erfüllt hat. Uebrigens war der Sanitätsrath auch vorhin bei mir, um mich zu beruhigen und eine sonderbare Zumuthung an mich oder vielmehr an Dich zu stellen."
„An mich?" fragte Eisabeth erstaunt.
„Ja, es hat mich einigermaßen überrascht, zumal er vom ärztlichen Standpunkte aus diese Forderung stellte. Er verlangt von Dir, in den nächsten Tagen, wo sich die Krisis vorbereitet, die Pflege im Krankenhause zu übernehmen."
Eine freudige Ueberraschung malte sich in Elisabeths Zügen. Ihr feines blasses Gesicht färbte sich mit dunkler Gluth und aus den schönen Augen leuchtete die tiefe Herzenserregung.
„Hm, Du scheinst dieser Aufforderung nachkommen zu wollen, Kind!" sagte Tante Dorothea kopfschüttelnd, „bedenke wohl, was dabei für Dich auf dem Spiele steht. Dein guter Ruf —"
„Ich glaube, daß in diesem Falle sich keine Dame unserer Stadt weigern würde," fiel Elisabeth leidenschaftlich erregt ein, „und ich sollte mich nur einen Augenblick bedenken, der ärztlichen Aufforderung Folge zu leisten, wo es sich um Leben und Sterben eines geliebten Angehörigen handelt? O, Tante, wie klein denkst Du von mir!"
„Rein, Elisabeth, ich denke nicht klein von Dir, hier kommen aber noch andere Punkte in Betracht, — zuerst Dein Papa, — was soll ich ihm sagen, wenn er nach Dir fragt?"
„Die Wahrheit, — er müßte kein Herz haben, wenn er mir das verwehren und nicht dem Manne, den er selber begeistert als Held gepriesen, jeden erdenklichen Weg zur Rettung ebnen wollte, und nun gar dem Sohne seines seligen Bruders!"
„Das möchte ich denn doch nicht wagen," meinte die Tante, sie unruhig forschend betrachtend, „und wenn auch, so wäre das doch nicht Alles, was bei dem ärztlichen Experiment in Frage käme. In erster Reihe rechnet der Doctor auf eine gegenseitige Herzensneigung, die er seltsamerweise zwischen Dir und Willibald voraussetzt."
Alles Blut schoß Elisabeth in's Antlitz und blitzschnell wieder zurück zum Herzen. Dieser verrätherische Wechsel sagte der Tante genug.
„Armes Kind," sagte sie, ihr mitleidig die Wange streichelnd, „hast Du ihm so fest und treu Deine Liebe bewahrt? Wie steht's aber mit ihm? — Fast ist es- mir freilich vorgekommen, als ob er nur um Deinetwillen den gefährlichen Heimweg angetreten hat."
„Ja, Tante," erwiderte Elisabeth jetzt, freimüthig den Blick zu ihr erhebend, „wir lieben uns noch ebenso treu und innig wie vor zehn Jahren, als er von dem Kinde Abschied nahm, und Willibald ist in der That mit dem Vorsatze heimgekehrt, mich als sein Weib mit hinüber zu nehmen in seine zweite Heimath." ,
„Ja, er sagte mir davon," nickte die Tante trübe lächelnd, „ich hielt es für Wahnwitz, sehe aber nun, daß Du denselben


