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Zug der Kinder. Nach einer kurzen Ansprache des ersten | Besonderes vorfällt, so wird es das Thema sein noch drei Lehrer» war die Feier für die Kinder aber nur für die I Wochen lang bis zum nächsten Jahrmarkt.
Kinder — beendet, die nun vergnügt nach Haufe gingen-
Jetzt ging es zum lustigen Tanz.
W Der Bauer Sommerfeld, der die größte Stube im Dorfe hatte, stellte dieselbe gern zur Verfügung. Tisch, Commode und Betten wurden schnell nach dem Garten gebracht und alsbald fanden sich die Bauernsöhne und Töchter, die Jnspee- toren, die jungen Forstleute, auch verschiedene junge Damen und Herren aus der Stadt dort ein. Die beiden Lehrer mit ihren Frauen folgten auch sehr bald, und wenn diese auch schon mit fünf und sieben Kindern aufwarten konnten, so fegten sie doch ganz gern noch einmal über die Dielen.
Der kleine Jnspector Helm führte die Polonaise an nach den lustigen Klängen des Radetzkymarsches.
Aber der kleine Helm war ein Schalk. Er führte die Gesellschaft aus der Stube in den Garten und durch die bunte Bohnenlaube ging es am Gänsestall vorüber, wo sie mit dem lauten Geschnatter empfangen wurden, das diese Thiere schon im alten Rom zur gewiflen historischen Berühmtheit gemacht. Unter Pflaumen- und Aepfelbäumen ging es zurück, den Weg entlang zwischen Runkelrüben- und Gurkenbeeten, dann an den hohen Sonnenblumen am Hausgiebel vorbei und zum vorderen Eingang wieder hinein.
„Wilhelm," sagte Mutter Sommerfeld, „nun krauch mal in den Rauch und hole mal den großen Schinken und die dicke Wurst herunter, wir wollen unfern Gästen — so nannte sie die Gesellschaft — auch etwas vorsetzen. Vater, der ohnehin dazu nicht zu gebrauchen ist, ist von der Musik nicht wegzukriegen."
Viele Erinnerungen waren es, die in Vater Sommerfeld wieder auftauchten; war es doch die Musik seines Bataillons, die ihn zum heißen Kampfe geführt und wenn auch nur noch Wenige dabei waren, welche die glorreiche Zeit mitgpmacht, so war doch vor Allem der Dirigent ein alter Kriegskamerad.
Zwei Brode schnitt Wilhelm unverdrossen zu Stullen und „die Gäste" ließen sich auch nicht lange nöthtgen. Für einige Faß Bier hatten die jungen Männer inzwischen gesorgt, das sie eiligst von dem Gastwirth herbeigeholt.
Nun kam der Tanz erst gründlich an die Reihe und alle Winkel wurden tüchtig ausgekehrt. Polka, Walzer und Galopp, auch Walzer und Damenengagement, so ging es dann egal fort, lustig und vergnügt, bis die Sonne von gestern Abend auf der anderen Seite des Hauses in die Fenster schien.
Aber auch im Kruge war heute „Ballmusik". Dort sanden sich die Holzschläger, Knechte, Mägde und die sogenannten kleinen Leute ein. Nach Harmonika und Geige drehten sich die Paare nach der wilden polnischen Mazurka. Besonders oft wurde „Krakoviak" gespielt und bei dieser Polka sang dann die ganze Gesellschaft in polnischer Sprache mit; denn was bei den feinen Polen der in Rußland verpönte „Sensenmarsch" ist, der dort nur hin und wieder verstohlen gespielt wird, denn der Himmel ist hoch und der Czar ist weit, das ist bei dem gewöhnlichen Polen der „Krakoviak".
Und den „Krakoviak" spielte die Fidel auf dem Jahrmarkt, die Flöte des Hirten und die Harmonika an lauen Sommerabenden vor den Hütten oder im Kruge beim Tanz.
Aber die Pfeifen ließ man heute auch nicht ausgehen und von außen war kaum die Hängelampe zu erkennen, die mitten in der Stube hing und das Licht spendete; sie sah so aus wie der Mond, der einen Hof hat. Als dann später die Fenster geöffnet wurden, kam es so hoch, als wenn der kleine Mann auf dem Lande bäckt und das Holz noch grün ist. Aber auch hier herrschte die denkbar beste Stimmung und als am hellen Morgen endlich Harmonika und Geige Ruhe fanden, hatten sich schon Verschiedene im Freien ausgeschlafen und Andere gingen im Schlangenlauf nach Hause.
Alle blickten aber froh zurück auf das gestrige Walvfest und nicht zum wenigsten Frau Rendant und Frau Controlleur, denn nun hatten sie wieder Stoff auf lange Zeit. Heute wird nun das Fest erst recht vorgenommen und wenn nichts
Elftes Capitel.
Zu den Gewohnheiten des Baumeisters Heyd gehörte ein pätes Schlafengehen und ein frühes Aufstehen.
Als großer Naturfreund und ganz mit sich selbst zu- rieben, konnte er stundenlang Felder und Wälder durch- keifen. Hundertmal konnte er dasselbe sehen, dasselbe hören und sein Interesse und seine Freude daran waren immer die- elben.
Wenn die goldene Abendsonne des Samstags einen schönen Tag prophezeite, dann war er schon besonders früh auf und ein Ziel war gewöhnlich die Waldeshöhe bei Jagen 14 und 15. Es war ihm eine innige Freude, zu sehen, wie die grauen Nebel in die Höhe stiegen, wenn die Sonne in ihrer majestätischen Erhabenheit den jungen Tag begrüßte, wenn Hirsche und Rehe aus dem Walde treten, scheu umherspähen und dann ruhig am Wiesenrande ihr Frühstück suchen.
Amseln und Finken melden sich vereinzelt, wenn der Tag erwacht. Bald ruft der Kuckuck, dann wird es lebendiger in den grünen Laubwohnungen. Immer mehr Sänger finden sich, immer heller klingen die Stimmen, bis sie endlich einem Liede gleichen, das die Vogelschaar zum Himmel sendet.
Seit des Baumeisters Anwesenheit in hiesiger Gegend war es heute das erste Mal, daß er zu späterer Stunde auf der Anhöhe erschien. Dienstlich war er verhindert, — es mochte 11 Uhr sein; aber er wollte nicht auf sein gewohnte» Vergnügen verzichten, um so mehr, da seine Arbeiten hier zu Ende gingen und er nicht wußte» wie oft er noch von hier hinabsehen konnte in die ihm heimisch gewordene Landschaft.
Unter der hohen finsteren Tanne erblickte er heute zum ersten Male eine Bank — ein abgehobeltes Brett auf zwei in die Erde gerammten Pfählen befestigt. Lange konnte sie noch nicht stehen. Wer mag sie nur hergebracht haben, fragte sich Heyd. Vielleicht der alte Rudow, vielleicht war es auch der alte Herr Oberförster, der sie herbringen ließ.
Einen Vers, mit Bleistift geschrieben, bemerkte der Baumeister auf derselben, er bückte sich und las:
Wandrer, wenn Du müde bist, Laß Dich ruhig nieder, Denn vielleicht Du niemals siehst Dieses Plätzchen wieder I
Denn vielleicht Du niemals stehst dieses Plätzchen wieder, wiederholte Heyd nachdenkend und setzte stch aus die Bank. Sinnend sah er hinaus über Waldesabhang und Wiesenrain; er konnte nicht müde werden, dieses Panorama zu bewundern, dessen herrlicher Anblick ihn immer und immer wieder anzog.
An seinen Betrachtungen störte ihn das Geräusch einer Wagens, der vom Kreuzwege herzukommen schien-
Es wird Jemand nach Lindenheim fahren, sagte er sich und sah den Fußweg hinab, der zum Dorfe führte.
Von Weitem bemerkte er jetzt einen Menschen der Weges kommen. Er blickte aufmerksam hin und sah wieder hin- Wenn mich nicht alles täuscht, dachte er, so ist es der Oberförsters Tochter. Heyd hatte sich nicht getäuscht.
Langsam ging er ihr wenige Schritte entgegen uyd grüßte sie ehrbietigst. , .
„Guten Tag, Herr Baumeister," sagte Hertha lächelnd und reichte ihm die Hand. „Ich bin überrascht und erfreut zugleich, Sie hier zu sehen."
„Und ebenso ergeht es mir, Fräulein Steuer." „Waren Sie schon hier oben, Herr Baumeister?" „Fast an jedem Sonntage mit Sonnenaufgang, heute war ich so früh verhindert, sonst wäre ich längst wieder fort.
„Auch ich weile sehr oft hier und des Sonntags fast immer um diese Zeit." .
„Aber seit wann mag nur diese Bank hier stehen, die ich heute zum ersten Male erblickte.-"
„Seit vorgestern, Herr Baumeister, der Papa ließ sie von einem Holzschläger herzustellen." , „
„Und diese freundliche Einladung rührt dann auch von Ihrer Hand her?"


