Ausgabe 
21.9.1895
 
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Hertha nickte leicht.

Nun, ich hatte mich als den müden Wanderer betrachtet und mich der herrlichen Natur erfreut. Sie, Fräulein, wollen nun gewiß dasselbe thun, und da möchte ich Sie in Ihrem Vorhaben nicht stören," und Heyd erhob sich.

Aber ich bitte recht sehr, Herr Baumeister, bleiben Sie doch hier, e» ist ja genug Platz für zwei, denn mich stören Sie durchaus nicht."

Wie ich sehe, befinden Sie sich recht wohl, und wie geht es Ihrem Herrn Vater?" fragte Heyd, nachdem er sich gesetzt hatte.

Danke, recht gut, Herr Baumeister, er ritt heute nach Jagen 49. Doch Sie wissen vielleicht nicht, wo dies liegt?"

Nein, ich glaube nicht, daß ich jemals dort gewesen."

Nun, so drehen wir uns um. Dort drüben über Lindenheim hinweg sehen Sie zwischen jenen Tannenwipfeln die Ihnen wohlbekannten Schornsteine der Mühlen von Heidefließ und ein wenig links ab liegt Jagen 49. Morgen kommt nämlich der Herr Oberforstmeister aus Marienwerder zur Revision, und da sieht der Vater noch einmal nach dem Rechten."

So, so, nun danke ich Ihnen, Fräulein. Wie ich eben merke, waren Sie fromm, Sie kamen aus der Kirche, ich glaube es an Ihrem Gesangbuch zn ersehen."

Sie haben Recht, ich kam von daher, aber Sie gehen doch auch gewiß recht oft zur Kirche?"

Leider nein! Zwar gehe ich hin und wieder einmal in ein Gotteshaus, doch kommt es nicht all zu oft im Jahre vor. Sie sehen mich überrascht an, denn Sie halten mich gewiß nicht mit Unrecht für keinen frommen Menschen."

Ich kann nur Gutes von Ihnen denken," erwiderte Hertha. Ihre gute Meinung rührt mich sehr, doch gestatten Sie mir, daß ich Sie mit dem vertraut mache, was ich glaube: Recht thun und Niemand scheuen, das sind meine Grund« sätze. Gern will ich zugeben, daß es die Seele stärkt, das Auslegen des Evangeliums von einem treuen Seelsorger zu hören; doch sagen Sie selbst, Fräulein Steuer, haben Sie jemals in der Kirche ein inniges Gebet, so innig, wie Sie es in Ihrem Kämmerlein oder allein in Gottes freier Natur sprechen können, zum Thron des Schöpfers gesandt? Ich glaube nicht! Schauen Sie hinauf zu lichter Höhe, zu der unendlichen Wölbung des Himmels, das ist mein Dom, das ist meine Kirche. Hören Sie nur den herrlichen Gesang der Vögel das ist mein Gesang, meine Orgel, mein Kirchenchor, und sehen Sie hinaus, soweit Ihr Auge blickt, hier und dort und überall empfinden Sie Gottes Odem, das ist Gottes Wort, das ist meine Predigt.

Unerschütterlich steht in meinem Innern das Glaubens- bekenntniß unserer Kirche; wohl weiß ich, daß ich ein sündiger Mensch bin und dennoch hoffe ich als Zöllner einst Gnade zu finden vor dem Thron des Allmächtigen."

Schweigend vergingen einige Secunden-

Leider werde ich nicht oft Gelegenheit haben, von dieser Stelle herabzusehen in das liebliche Thal, das das Herz er­hebt, denn meine Arbeit hier ist bald vollendet."

Sie wollen fort!" fragte Hertha und blickte den Bau­meister überrascht an.

So ist es in drei Wochen vielleicht, dann gehe ich nach der nordöstlichen Seite unseres deutschen Vaterlandes, nach Memel, Heydekrug, dort werde ich wohl ein Jahr zu thun haben- Cs sind daselbst größere Bauten auszuführen als auf dieser Strecke und ich werde vielleicht nie mehr nach dieser Gegend kommen."

Ihr Scheiden wird uns schwer fallen," sagte Hertha ruhig.Auch mir wird es so ergehen."

Heyd fuhr fort:Nirgends Beständigkeit, Kommen und Gehen, das ist nun einmal der Welten Lauf und wenn ich die» auch nicht ganz in diesem Sinne auf mich anwenden kann, so ist doch wenigsten« Ihr Vers ganz wie für mich ge­schaffen:

Denn vielleicht Du niemals siehst Dieses Plätzchen wiederI"

Wieder schwanden einige Secunden schnell dahin untz Jeder schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Dann erhob Hertha ihre Augen, sah ihren Nachbar ruhig an und sagte:Herr Baumeister, ich möchte Sie wohl um etwa« bitten, wenn ich die Ueberzeugung hätte, Sie nicht zu be­trüben- Ein Gedanke ist es, der mich viele Stunden, Tag und Nacht, beschäftigte und den ich nicht ergründen kann!"

Ueberrascht sah Heyd in ihre treuen Augen.

Sprechen Sie nur, Fräulein Steuer, wenn ich Ihnen irgendwie und wo mit Rath und Thal mit meinen schwachen Kräften dienlich sein könnte, so würde ich es mit tausend Freuden thun für die Ehre Ihrer Bitte und Ihre« Ver­trauens."

Ich danke Ihnen, Herr Baumeister, denn ich wußte, daß Sie so sprechen würden, so hören Sie denn: An einem unfreundlichen Februartage war es, leichte Schneeflocken sandten uns die finsteren Wolken, die, ein Ganzes bildend, unbeweg­lich am grauen Himmel hingen. Auf einer kleinen Bahn­station hielt unser Zug, der mich von Tante Walten brachte. Ein Herr stieg ein, vornehm und ernst, wie ich ihn später oft und gern gesehen. Ganz theilnahmslos für alle Anderen, schien er sich selbst genug, denn so erschien er mir. Sein Blick traf bald ein unscheinbares Mädchen, das sinnend nur an ihren Vater dachte. Doch wie ich nach dem Herrn hinüber­blickte, schien er erbleicht wie ringsumher die Landschaft. Was war es wohl, das jenen Herrn erbleichen machte? Nur Zufall war'« so dachte ich lange Zeit- Auf jenem Balle sah ich Sie wieder, Herr Baumeister, und lebhaft trat mir der Moment vor Augen, wie Sie damals krank den Zug ver­ließen. Mein Interesse erwachte von Neue.n. Wir tanzten; und als Sie mich dann wiederfahen schwand abermals die Farbe von Ihrem Gesicht und Sie glichen bald der weißen Landschaft an jenem Februartage. Jetzt war es mir fast klar, daß ein tiefer Schmerz in Ihrem Innern wohnen müßte, daß ich die Veranlassung war, dis den Sturm herausbewegte und Schmerz in Ihnen wachrief. Ich fühlte nur den einen Wunsch Ihnen nie mehr im Leben zu begegnen, damit Sie Ruhe fänden. Und dennoch; das Geschick führte Sie bald in unser Haus und wenn ich Sie auch dann und ferner scheinbar ruhig fand, ja, von einer imponirenden Ruhe und Erhabenheit, so schien es mir immer, als wäre in dieser Stille ein Vulkan, der nur ruhig arbeitet nach einer großen Erregung, die vorausgegangen. Oft habe ich im Stillen ge­wünscht, Ihr Vertrauen zu besitzen, oft habe ich gedacht: Könntest Du seine Schwester sein, Du würdest Alles daran setzen, diesen edlen Mann zu trösten, ihm Muth zuzusprechen und ihm seinen Kummer tragen helfen denn getheilter Schmerz ist halber Schmerz. Ich wußte, daß Sie oft in unserem Walde weilten und habe oft stundenlang gesucht, und wenn ich glaubte, Sie wären dort, so erfuhr ich am folgenden Mittwoch stets, daß Sie an anderen Orten waren. So habe ich Ihnen denn heute meine Bitte vorgetragen, die mich eine große Ueberwindung kostete, die mir manche schlaflose Nacht bereitete. Verzeihen Sie mir, Herr Baumeister, ich konnte nicht anders. Erwägen Sie nun .selbst; sagen Sie mir, daß Sie meine Hilfe nicht mögen und nicht bedürfen, dann werde ich ruhig sein, selbst wenn Sie niemals Wiedersehen dieses Plätzchen und diesen stillen Wald."

Hertha war zu Ende.

Als sie begonnen, klangen die vibrirenden Saiten seines Herzens wie Aeolsharfentöne in wilder Sturmesnacht. Ihm war wie einem Greise, der nach trüben Erfahrungen seiner müden Wanderjahre still und ruhig jetzt das Lied hört:Es ist bestimmt in Gottes Rath," jenes Lied, das ihm im Knaben­alter einst am Grabe seiner Mutter viele, viele Thränen, Kummer und Herzeleid gebracht.

Nun, an der Wende seines Lebens, eines Daseins voller Sorgen, Mühe und Arbeit, klingt ihm aus allen bitteren Er­fahrungen immer und immer wieder: Was Gott thut, das ist wohlgethan.

Unzählige Bilder jagten wieder aiNseinem geistigen Auge vorüber, die er unverwandt in der Ferne erblickte.