Ausgabe 
21.5.1895
 
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Hotel Continental erhebt. Dreihundert Schweizer und drei­hundert Nationalgardisten escortirten ihn. Die Schweizer halten eine Stärke von nmnhundertfünfzig Mann und waren gut bewaffnet und disciplinirt. Die meisten sprachen bloß deutsch. Diese Haustruppe, der Person des Königs ergeben, vor allem ihrer Soldatenpflicht treu, war entschlossen, sich für den Herrn zu opfern, der sie beworben und besoldet hatte. Außerdem glaubte die Schweizer-Garde, die Situation verkennend, von ihren Anführern getäuscht und von den Rittern vom Dolche aufgehetzt, noch in der Dämmerung des 10. August, daß es sich um die Verthsidigung der Person des Königs gegen Briganten handle. Viele, so wie später einer ihrer Obersten, Herr Pfyffer, bezeugte, waren erstaunt und bestürzt, als sie außer dem gegen das Schloß andringenden Volkshaufen auch Nationalgardisten vorrücken sahen. Die Uniform brachte sie in Verwirrung. Sie glaubten es nur mit der Hefe des Volkes, mit Wahnsinnigen zu thun zu haben, gegen welche die ehrlichen Bürger protestierten, und fahen nun die bewaffnete und organistrte Nation auf sich loskommen.

Man kann wohl annehmen, daß an diesem Tage, dessen Resultate durch den Rückzug Ludwigs XVI. bereits erzielt waren, Blutvergießen vermieden worden wäre, wenn nicht einer jener surchtbaren Zufälle, wie sie sich in solchen wirren Momenten zu ereignen pflegen, das Signal zu einem er­barmungslosen Gemetzel gegeben hätte.

Die Marseillaiser und Bretagner, deren Commandant ein Freund Dantons, ein ehemaligrr Unteroffizier Namens Westermann, ein Elsässer und sehr energischer Soldat war, drangen in die Schloßhöfe ein. Es gab zu jener Zeit deren drei, und das Carouflel, bedeutend beschränkter als heute, war mit Häusern bedeckt.

Westermann hatte seine Truppe in Schlachtordnung aufgestellt. Die Schweizer waren an den Fenstern de» Schlosses postiert und in Feuerbereitschaft.

Man beobachtete einander. Westermann sprach auf Deutsch einige Worte zu den Schweizern, um sie davon abzubringen, auf das Volk zu schießen und um sie zum Fraternistren zu ermuthigen.

In der That warfen bereits einige dieser Unglücklichen zum Zeichen der Entwaffnung Patronen zum Fenster hinaus, und die Patrioten, von diesen friedlichen Demonstrationen ermuthigt und beruhigt, sammelten sich im Vestibül des Schlosses.

Am Fuße der großen, zur Capelle führenden Treppe war eine Barriöre errichtet. Auf jeder Stufe hielten zwei Schweizer, der eine gegen die Mauer, der andere gegen die Menge gelehnt, unbeweglich, stumm und streng, das Gewehr an der Wange, bereit zu feuern.

Mit ihren hohen Gestalten, den bebuschten Mützen und rothen Röcken sahen diese Gebirgssöhne imposant aus und mußten Furcht einflößen.

Allein es gab in dieser Menge nicht bloß bretagnische oder Marseiller Verbündete, auch die Spaßmacher au» den Vorstädten hatten sich eingeschlichen. Gavroche gehört allen Zeiten und allen Festen an: man ist sicher, ihn am Tage der Schlacht, am Morgen von Hinrichtungen und bei nächt­lichem Feuerwerk zu treffen.

Einigen dieser Pariser unerschrockenen Possenreißern fiel es ein, mittels Haken und Piken zwei oder drei der zu­nächst stehenden Schweizer heranzuziehen.

Die derart Harpunirten ließen sich ziemlich leicht her­ausziehen, vielleicht zufrieden, so einem möglichen Getümmel zu entgehen. Dieses Fangen der Schweizer nahm unter dem lauten Gelächter dec Theilnehmer seinen Fortgang, als plötzlich, ohne daß man in der Hitze des Kampfes je den Urheber des ersten Schusses und den für das Signal zum Gemetzel Verantwortlichen herausfinden konnte, eine Trombe von Kugeln in die bisher inoffensive, eher foppende, als drohende Menge fegte.

Man hat Recht anzunehmen, daß die auf dem obersten Treppenabsatz postierten Edelleute, als sie sahen, wie die an- gehakten Schweizer sich ohne Wiederstand sortziehen ließen, und zum Fraternistren bereit waren, plötzlich feuerten, um den Abfall aufzuhalten und einen blutigen Graben zwischen dem Volk und der Garde zu zieh'«.

Die beiden bereits unter dem Volk befindlichen Schweizer fielen als erste, und das von den Vertheidigern von oben herab eröffnete und kaltblütig geleitete Feuer übte eine furcht­bare Wirkung.

Im Nu war das Vestibül mit Leichnamen angefüllt. Das Blut floß in Bächen über die Fliesen, eine dichte Rauch­wolke erfüllte die Halle.

Auf das Signal der Schüsse im Innern wurde dar Feuer überall ausgenommen.

Die Schweizer und die Edelleute, von denen viele die Uniform der Garde angelegt hatten, schossen unter dem Schutze der verbarrikadierten Fenster. Alle ihre Schüsse trafen.

Die Höfe hatten stch geleert, das Caroussel war reinge- fegt. Nun machten die Schweizer einen energischen Ausfall in die Rue Saint-Honorö. Aber die Marseillaiser, die Bretagner, die Nationalgardisten kamen verstärkt mit Ka­nonen zurück. Die Schweizer wurden überrumpelt, das Schloß erstürmt. Nichts widerstand der triumphierenden Menge.

(Fortsetzung folgt).

Literarisches.

Die Jahreszeiten auf dem Mars behandelt ein instructiver, sehr anziehend geschriebener Artikel der beliebten Familienzeitschrist

Guten Stunde* (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong u. Co., Preis des Vierzehntagheftes 40 Pfg.). Die Verbesserung der astronomischen Instrumente gestattet heule eine Genauigkeit der Beob­achtung, die noch vor einem Jahrzehnt unmöglich erschienen wäre. Unsere Nachbarn im Weltall, deren Entfernung immerhin Millionen von Meilen beträgt, sind uns dadurch so nahe gerückt, daß der wissenschaftliche Traum, uns mit ihnen durch Signale in Verbindung zu setzen, sür , phantasievolle Menschen nicht mehr zu den Utopien gehört. Das große , Fernrohr des Sick-Observatorium auf Mount Hamilton in Kalifornien s ist derart construirt, daß der Beobachter, ohne von seinem Stuhl auf- | zustehen, eine Reise durch das Weltall antritt, deren Stationen er durch einen bloßen Hebeldruck auf eine der vielen Kurbeln des Apparates mit absoluter Leichtigkeit und Sicherheit bestimmt. Besonders dem Mars schenken die Astronomen ihre Aufmerksamkeit, und nach dem ver­änderten Bilde, das die Oberstäche des Planeten zu den verschied« Zeiten bietet, haben die Forscher ihm Jahreszeiten beigelesi, die dem der Erde ähnlich, nur bedeutend länger sind, denn das Marsjahr be trägt 687 Tage.Zur Guten Stunde" erläutert verschiedene meti- würdige Erscheinungen auf der Marsoberfläche auch durch Bilder, und gestaltet dadurch den hochwillkommenen Artikel, der sür Jedermann interessant und verständlich ist, noch anschaulicher.

Die illustnrte Pracht-Ausgabe, in der die deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart den beliebtesten unter den zahlreichen Romanen des älteren Dumas, »Di« drei MuSkrtierr", erscheinen läßt, nähert sich ihrem Abschluß. Soeben sind uns Lieferung 11 bis 18 des Werkes zugegangen, die das würdig begonnene Unternehmen glänzend weiterführen. Wir können unsere Leser nur wiederholt aus diese klassische Ausgabe einer klassischen Dichtung Hinweisen, die in keiner Bibliothek eines echten Literaturfreundes fehlen sollte. Immer von Neuem entzückt uns der Geist und die Grazie in den Zeichnungen Maurice Leloirs, die M. Huyot in wahrhaft congenialer Weise wieder- gegeben hat. Es ist geradezu erstaunlich, daß ein künstlerisch und technisch so reich und so vollendet ausgestattetes Werk für den fabelhaft billigen Preis von 50 Pfg. für die 3 bis 4 Bogen starke Lieferung in den Buchhandel gebracht werden konnte. Wir sind überzeugt, daß sich das Prachtwerk die Welt der Bücherfreunde im Sturme erobern wird.

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Saectiea: X. Schryda. Bert rmdMertag ^»rLhs'fch« ä&Brtp und SÄindrrterei (Ptelsch * Sch«,da) iuUfa«-