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Ihr Vater erwiderte nichts und wenn Netta den plötzlichen Ausdruck des Aergers gesehen hätte, würde sie geglaubt haben, es sei nur seine Mißbilligung einer so überflüssigen Aufmerksamkeit gegen die unbedeutende Fremde.
Aber Lord Faro wartete nur, bis die Gäste wieder zu tanzen anfingen, um sich halb unbemerkt aus dem Salon zu entfernen und einige Zimmer zu durchschreiten, bis er ein kleines Zimmer erreichte, das wenig benutzt, eigentlich nur zu großen Gesellschaften wie diese geöffnet wurde.
Sein Schritt wurde rascher und seine Augen lebhafter, je weiter er sein erfolgloses Suchen fortsetzte.
Und als er endlich die halboffene Thür des Zimmers erreicht hatte und die von ihm Gesuchten darin entdeckte, blieb er einen Moment stehen, um seine Ruhe wieder zu gewinnen und den Ausbruch de« Zorns zu unterdrücken.
Ja, da waren sie, Cora und Lord Belfort, und des letzteren Stimme erklang in dem Augenblick im Tone ernsten Jntereffes.
„Es ist unmöglich," waren die ersten Worte, die Lord Faros Ohr vernehmen konnte. „Alles an Ihnen widerspricht einer solchen Idee. Sie sind kein Mädchen aus dem Volke, Cora, auch wenn Sie im Meere gefunden und von Leuten aus dem Volke erzogen wurden. In jeder Linie Ihres Gesichts und Ihren Formen, in jedem Wort, in jedem Ton liegt feine Bildung und eine edle Herkunft. Nein, es ist zwecklos, das als Vorwand zu benutzen. Sie sind eine vom Himmel begnadete Dame und stehen als solche hoch über uns einfachen Sterblichen," fuhr er lächelnd fort, als sie mit vorwurfsvollem Ernst den Kopf schüttelte.
„Für Sie, Mylord, mag ja meine dunkle Herkunft keinen Unterschied bedeuten," entgegnete sie mit stolzer Miene, die ihr jeder Zeit zu Gebote stand. „Miß Nettas Ansichten würden aber in der Beziehung sehr abweichend von den Ihren sein, und als die mir Ueberlegene, als meine Herrin, muß ich mich natürlich nach ihren Wünschen richten."
„Ihnen überlegen? Worin?" Hub der junge Lord heftig an, als Lord Faro plötzlich vor ihm stand.
„Entschuldigen Sie, Lord Belfort, aber es würde sich nicht mit meiner Ehre vertragen, wollte ich auf so schmeichelhafte Urtheile über meine Tochter hören, so leichtfertig Sie auch über Dergleichen denken mögen," sagte er mit strengem, finsterem Blick, der Cora bis in's Tiefinnerste erschreckte.
„Soll ich das als eine Beleidigung ansehen?" versetzte der junge Edelmann hitzig. „Dann, Lord Faro, können mich selbst unsere verwandtschaftlichen Beziehungen zu einander nicht daran hindern, es wie ein Ehrenmann aufzunehmen."
„Und ich dagegen habe nicht Lust, meine Tochter und Erbin von dem ihr bestimmten Gemahl verachtet und vernachlässigt zu sehen," entgegnete Lord Faro ernst. „Cora, ver- laffen Sie uns," fuhr er, zu dem jungen Mädchen gewendet, fort, das bei dem so plötzlich entstandenen Streit bleich daneben stand. „Das ist kein paffendes Thema für Ihre Ohren. Gehen Sie, ich werde Ihnen gleich folgen und Ihnen meine Wünsche mittheilen."
Das Mädchen schlich sich davon, ängstlich und eingeschüchtert von der ungewohnten Strenge ihres Beschützers; und die beiden Herren waren allein.
„Jetzt, Vetter Ernst," Hub Lord Faro wieder an, „lasten Sie uns einander verstehen. Was soll dieses Benehmen bedeuten? Ist es nur eine herzlose Spielerei mit einem littet# sahrenen, hilflosen Mädchen, oder ist es ein freiwilliger Bruch Ihrer Verpflichtung meiner Tochter, meinem einzigen schönen Kinde, gegenüber?"
Lord Belfort wich trotz seiner kühlen Selbstbeherrschung ein wenig vor dem kalten, bitteren Ton in des alten Herrn Stimme zurück, aber rasch schüttelte er die momentane Verlegenheit wieder ab und sagte ruhig: „Ich wüßte nicht, daß irgend schon ein festes Band zwischen mir und Miß Netta bestand, außer dem ausdrücklichen Wunsch meines Vaters, daß ich sie zu meiner zukünftigen Gemahlin wählen möge, sobald sie das paffende Alter erreicht hat," versetzte er. „Und so viel kann ich Ihnen sagen, Vetter, daß, wenn ich gewußt hätte,
daß man eine so unbestimmte Idee als ein Verlöbniß betrachtet, ich Ihr Haus nie mehr betreten hätte. Netta ist schön und reich, aber ich laffe mich weder mit einer goldenen Kette noch mit einer seidenen Schnur in die Ehe ziehen."
„Vielleicht ziehen Sie eine freiere und weniger ehrenvolle Verbindung vor, Lord Belfort," sagte Lord Faro bitter. „Mein unglücklicher Schützling hat vielleicht Ihre Leidenschaft auf sich gezogen und ich werde wissen, eine solche Gefahr ab- zuwenden."
Lord Belfort warf einen scharfen Blick auf das erhitzte Gesicht, in die wilde Leidenschaft des Mannes, den er in feinem jugendlichen Ungestüm stets für einen alten Mann gehalten hatte, und ein spöttisches Lachen drang von seinen Lippen.
„Das ist zu spaßhaft," sagte er, „ich könnte wirklich glauben, mein ehrwürdiger Onkel sei mein Nebenbuhler, nur ist es ein zu furchtbarer Gedanke, den ich nicht so rasch zu fassen vermag."
Die Worte waren kaum von seinen Lippen, als Lord Faro die Hand erhob und seinem Vetter einen schweren Schlag in’« Gesicht gab.
Lord Belfort wurde leichenblaß, und vor Wuth zitternd, verließ er sofort Lord Faro« Haus. Noch an diesem Abend wurde aber Lord Faro von Lord Belfort zum Duell gefordert.
IX.
Coras elegantes Ballkleid lag vernachlässigt auf einem Stuhl in ihrem Schlafzimmer. Ihr schmerzender Kopf ruhd in ihren fieberheiße» Händen, denn sie hatte die Nacht fast schlaflos verbracht und ihre Stirn brannte von den beängstigenden Träumen, die sie während ihres kurzen, unruhigen Schlafes gehabt hatte.
Armes Mädchen! Ihr war, als ruhe ein Fluch auf ihr, als brächte ihre Gegenwart überall nur Kummer und Uneinigkeit mit sich. Auch jetzt wußte sie, daß ein Sturm am Horizonte drohte. Auf wessen Haupt würde das Gewitter sich entladen? Für wen fürchtete Cora am meisten?
Das waren Fragen, die sogar des Mädchen« eigener Herz kaum noch beantworten konnte.
„Es ist nur eitel Gespött!" dachte sie. „Sie lieben nicht wirklich, sie haben nur eine vorübergehende Neigung für dar schutzlose Findelkind. Aber er, ja, er muß einige« Interesse für mich haben. . . . Warum sollte er sonst so gütig gege» mich sein?"
Und mit halb bedauerndem Blick schaute sie aus dar Kleid und die Perlen, die am vorhergehenden Abend im Ballsaal so bewundert worden waren.
„Und wenn es nichts weiter wäre," dachte sie, „wenn er mich nur gewissermaßen als Tochter ansähe, so wäre ich
Da wurden ihre Gedanken plötzlich unterbrochen. Dar Mädchen wurde durch ein plötzliches Schwirren dicht an ihrem Kopfe erschreckt und etwas fiel neben ihr zu Boden.
Hastig sah sie um sich.
Es war ein kleiner Kieselstein, der durch das offene Fenster geworfen worden war und an welchem ein Streife» Papier hing.
Derselbe trug die wenigen Worte in wohlbekannter Hand schrift: „Kommen Sie sofort in mein Arbeitszimmer, ich muh Sie sprechen. Lord Faro."
Cora zitterte an allen Gliedern, obwohl sie sich selbst kaum erklären konnte, warum.
Es war noch so früh, daß von der Dienerschaft noch Niemand wach war.
Cora wußte wohl, wie sie Lady Emilys Zorn auf sich lud, wenn diese von einer so geheimen Unterredung erfuhr, aber sie mußte dem Rufe Folge leisten.
Hastig vollendete sie ihre Toilette und stieg dann langsam und geräuschlos die Treppe hinunter, die Hand auf ihr bang klopfende» Herz gelegt, dasselbe zu beruhigen und sich zu stärken für die Prüfung, die, wie sie instinktmäßig fühlte,
Und als sie ihre Hand auf den Thürgriff legte, zitterte


