Ausgabe 
21.5.1895
 
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Dienstag den 21. Mai

1893.

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HnterhaltungsbLaU zum Gießener Anzeiger (General Anzeiger).

M.

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Die Tochter des Meeres.

Roman von A. Nicola.

(Fortsetzung.)

Er entstand ein leises Geflüster von Bewunderung und Fragen, als die reizende Fremde sich mit dem reichsten und angesehensten jungen Mann der ganzen Gesestschast im Saale herumdrehte, und in dem Herzen mancher jungen Dame, die eine jede ihrer Bewegungen beobachtete, stieg' ein Gefühl des Neides und der Bitterkeit auf.

Cora wußte, daß sich in Lady Emily eine ganze Lawine des Zornes ansammeln würde. Sie war auf Nettas Spötte­leien und Beleidigungen vorbereitet. Aber sie wußte nicht, daß an dem offenen Fenster, da» unverhüllt geblieben war, um die kühle Sommerluft eindringen zu lassen, ein Mann mit düster zusammengezogener Stirn und vorgebeugtem Kopfe stand und sie scharf beobachtete.

Auf seinen finsteren Zügen lag Verzweiflung ausgeprägt und in dem Blicke seiner ausdrucksvollen Augen verrieth sich ein innerer, bitterer Kampf, als er auf die glänzende Gestalt des geliebten Mädchens fiel.

Rupert Falkner war es und er sah Coras Taille von dem Arm des schönen jungen Mannes umschlungen, er sah ihre Hand in der seinen, er bemerkte das in die Höhe gerich- tete Gesicht, das auf eine Bemerkung des Tänzers mit einem halb schüchternen Lächeln antwortete.

Nie war ihre Schönheit so aufgefallen als jetzt, wo sie mit allen Künsten der Toilette ausgestattet war, aber Rupert hätte e» auch nie für möglich gehalten, daß Cora, fein Findel« kind, feine Geliebte, einen so tiefen Schmerz und ach! eine solche Verachtung in seiner Brust erwecken könnte-

' .Undankbare!" murmelte er.Undankbare! Das sollen mir Jene verantworten, die sie verführten, wenn ich ihr ihre Untreue um ihrer Jugend und Unerfahrenheit willen verzeihe I Aber Rnpert Falkner wird diese befleckte Hand nicht wieder drücken, auch jenes Mädchen in seinem Herzen treu bewahren und er wird nicht ruhen, bi» er gerächt ist und sie ge« demüthigt ihm zu Füßen liegt! Ich schwöre es bei der Liebe, die ich einst für sie hegte!"

Er verweilte noch, als wolle er den bitteren Kelch der

Enttäuschungen bis auf die Neige leeren, obgleich jeder Augen­blick die Gefahr der Entdeckung erhöhte. Aber endlich ver« stummte die Musik und die Paare promenirten im Saale auf und ab. Cora und ihr Begleiter näherten sich dem offenen Fenster, an welchem der Lauscher stand.

Amüstren Sie sich, liebe Cora?" flüsterte Lord Belfort mit sanfter Stimme, indem er sich zu dem schönen Mädchen an seiner Seite niederbeugte.

O, herrlich, herrlich!" erwiderte sie.Soll man dies unschuldige Vergnügen nicht genießen, so lange es sich Einem bietet?"

Für Sie ist es erst der Anfang," erwiderte der junge Edelmann.Sie haben ein glänzendes, glückliches Leben vor sich, liebe Cora, wenn ich Einfluß auf Ihr Schicksal haben darf. Und Netta soll nicht meinen, daß sie Jemand quälen darf, den ich beschützen will."

Rupert konnte die letzten Worte nicht hören, denn ein Geräusch in seiner Nähe zwang ihn, sich zurückzuziehen, und als er sich wieder heranwagte, waren die Beiden vom Fenster weggetreten. Ruperts Augen suchten forschend in dem Zimmer umher, aber weder Cora noch ihr Begleiter waren zu sehen.

Seine erhitzte Phantasie malte sich die möglichen Ursachen ihres Verschwindens aus.

Vielleicht flüsterte ihr1 der Verhaßte im Schatten des Gartenzimmers, hinter schweren Gardinen, von üppigen Blumen umgeben, zärtliche Worte in'» Ohr?

Der Gedanke machte Rupert fast wahnsinnig und der junge Mann knirschte mit den Zähnen und floh dann den Ort, al» ob ein Feind ihn verfolge . - > weit, weit fort von ihr, deren treues Herz den Glanz, der sie umgab, und die Schmeicheleien, die ihr in's Ohr geflüstert wurden, hingegeben hätte für einen Blick, ein Wort von Dem, den sie mit so wahrer und ernster Liebe liebte, wie sie eines jeden Mädchens Herz nur einmal empfindet-

Wo ist Cora?" fragte Lord Faro, als der Walzer zu Ende war und seine Tochter einen Augenblick in der Nähe stand.

Ich weiß e» wirklich nicht, Papa," sagte Nelta in sehr ärgerlichem Ton, der ihren Worten widersprach.Sie tanzte, glaube ich, mit Lord Belfort. Ich finde es wirklich sehr gut von ihm, daß er so herablassend ist."