Ausgabe 
20.8.1895
 
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gehen, wird man es bei den Unseren erfahren und dann er­warten Sie von den Voltigeuren vom dreizehnten Regiment keine Gnade. Sie sind nicht weit und werden bald hier sein. Erinnern Sie sich an die Mühle von Valmyl Ihre Ge­fangenen werden für uns Zwei bezahlen. Mein Mann, der Capitän ist, wird un» rächen, so wahr ich Catherine Lefebvre heiße."

Der Offizier im Mantel, den man Oberst genannt hatte, machte eine Bewegung der Ueberraschung.

Er trat ein paar Schritte vor und suchte im Dunkeln die Sprechende zu erkennen.

Madame," sagte er höflich,find Sie vielleicht eine Verwandte eines Lefebvres, der bei den Garden in Paris diente und eine Wäscherin geheirathet hat, die man Madame Sans-Gsne nannte?"

Die Wäscherin, die Sans-Göne, bin ich; Lefebvre, der Capitän Lefebvre, das ist mein Mann."

Der Oberst, sichtbar in lebhafter Bewegung, that ein paar Schritte auf Catherine zu, dann öffnete er seinen Mantel und sagte, indem er ihr sest in» Gesicht blickte:Erkennen Sie mich denn nicht?"

Catherine wich zurück und sägte:Ihre Stimme, Ihre Züge, mir scheint Ihre Figur erscheint mir wie in einem Nebel."

Ein Nebel, der durch die Rauchwolken der Kanonen ge­bildet wird. Haben Sie den Morgen des 10. August vergessen?"

Den 10. August? Sie sind also der Verwundete, der österreichische Offizier?" rief Catherine.

Ja, ich bin es, Graf Neipperg, den Sie gerettet haben und der Ihnen ewige Dankbarkeit bewahrt. Laflen Sie sich von mir umarmen, meine Lebensretterin I"

Und er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu, um sie an sich zu ziehen.

Aber Catherine sagte lebhaft, indem sie zurückwich: Herr Oberst, ich danke Ihnen, daß Sie ein so gutes Ge- dächtniß haben. Was ich am 10. August für Sie that, ge­schah aus Menschlichkeit. Sie waren verfolgt, waffenlos, außerdem verwundet; ich habe Sie beschützt, ohne mich darum zu kümmern, unter welcher Fahne Sie verwundet wurden, in welcher Sache Sie stehen. Heute finde ich Sie wieder und Sie tragen die Uniform der Feinds der Nation, find der Commandant von Soldaten, die in mein Vaterland einbrechen. Ich will mich nicht mehr erinnern, was in Paris vorgegangen ist. Meine Freunde, die Soldaten meine» Regiments, mein Mann, dieser brave Junge, den Sie da neben mir sehen, alle Patrioten könnten mir vorwerfen, daß ich da» Leben eine» Aristokraten, eine» Oesterreichers, eines Obersten gerettet habe, welcher Leute, die sich ergeben, füsiliren läßt. Herr Graf, erwähnen Sie nichts mehr vom 10. August, ich will nicht wiffen, daß ich einen Feind wie Sie gerettet habe."

Neipperg beherrschte sich, die energischen Worte Catherine Lefebvres versetzten ihn in außerordentliche Bewegung.

Catherine, meine Wohlthäterin," sagte er in aufrichtigem Tone,machen Sie mir keine Vorwürfe, weil ich meinem Lande so diene, wie Sie bem. Ihren. So wie Ihr tapferer Mann seine Fahne vertheidigt, schlage ich mich für die meinige. Das Schicksal hat uns getrennt, indem es uns unter einem verschiedenen Himmel auf die Welt kommen ließ, und scheint un» nur in den Stunden größter Gefahr zu nähern. Kränken Sie mich nicht durch Ihre Feindschaft. Wenn Sie den 10. August vergessen wollen, so muß ich mich seiner erinnern und der Generalstab»-Oberst der siegreichen kaiserlichen Armee . . ."

Noch nicht siegreich," unterbrach ihn Catherine trocken.

Morgen wird sie es sein," fuhr Neipperg fort und fügte hinzu:Der kaiserliche Oberst, der hier commandirt, hat nicht vergeffen, daß er die Dankesschuld des Vertheidtgerr der Tuillerien, de» Verwundeten des Wäscheladens in der Rue Saint-Roche bezahlen muß: Catherine Lefebvre, Sie sind frei 1"

(Fortsetzung folgt.)

Literarisches

,,Die Württemberger bei Villiers-Ch ampigny" betitelt sich ein prächtiger, doppelseitiger Farbendruck nach einem Original von R. Knötel, der die vorliegende vierte Lieferung des Prachtwerkes: Kriegs-Erinnerungen. Wie wir unser Eisern Kreuz er, warben-' (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., & Heft 50 Pfg.) schmückt. In den Text eingestreut ist eine Reihe flotter Illustrationen einzelner Gefechtsmomente, unter denen wir besonders die Darstellung eines Hornisten hervorheben möchten, der seinem durchschossenen Instru­ment vergebens das Rückzugssignal zu entlocken suchtder Ton blieb aus". Die zahlreichen Porträts sind musterhaft ausgeführt und ver­gegenwärtigen die Helden der einzelnen Episoden abwechselnd, lheils in dem mit Ehren getragenen Rock des Königs, theils im Civilkleide, dessen Brust das Eiserne Kreuz schmückt. Der gesammte illustrative Schmuck des Heftes entspricht wieder durchaus den rühmlichen Traditionen des Bong'schen Verlages. Der Text ist außerordentlich geschickt zusammen­gestellt. Erzählt hier ein braver Füsilier des 13. Regiments, wie er mit ein paar Mann, von seinem Bataillon abgekommen, den Ansturm der Feinde stundenlang aufgehalten, so wird in dem sonstigen reichen Inhalt dieser geradezu unentbehrlichen Kriegsgeschichte in Einzel­darstellungen noch manches andere Bravourstückchen von Dem, der es erlebt unb, durchgefochten, in schlichten Worten erzählt zur Erinnerung und Nacheiferung für alte und junge Krieger Es ist geradezu bewun- dernswerth, in wie bescheidenem und doch lebhaftem Ton die Hunderte von Mitarbeitern des volksthümlichen Werkes von ihrem Antheil an den Ereignissen 1870/71 zu berichten wissen und mit welchem Verständniß die Redaction die Eigenart der Erzählung wahrt. Das Ganze macht den Eindruck einer Veteranen-Ruhmeshalle, in der Jeder seinen Namen mit der ihm eigenthümlichen Schrift verzeichnet. Der billige Preis des Werkes, das auf etwa 15 Hefte berechnet ist, sowie die Erscheinungs­form in Lieferungen ä 50 Pfg. sichert dieser interessantesten aller Kriegs­geschichten einen echt volksthümlichen, durch seine Eigenart wohlverdien­ten Erfolg.

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Das Erinnerungsjahr an die großen Ereignisse 1870/71 gibt in dem soeben erschienenen Heft 24 derModernen Kunst-' (Berlin W. 57, Verlag von Rich. Bong, ä Heft 60 Pfg.) Gelegenheit zu einer eigenartigen Publikation. An die Schlachtenbilder Georg Bleibtreus anknüpfend, schildert der Sohn Carl Bleibtreu das künstlerische Mitwirken seines Vaters an dem großen Einigungswerke. Der Artikel gewinnt besonderes Interesse durch die Auszüge aus Briefen des Künstlers, die dircct von den Schlachtfeldern aus an die Seinig«. gerichtet, überraschende Streiflichter auf die große Zeit werfen. Auch durch den illustrativen Schmuck an Kunstbeilagen und Textbildern, meist nach Originalen von Georg Bleibtreu, characterisirt sich das Heft als Jubiläums-Publikation, indem es gleichzeitig einen der bedeutendsten Schlachtenmaler aller Zeiten feiert. Das neu sie Heft derModernen Kunst" liefert den sich stets wiederholenden Beweis, daß diese Zeitschrift in jeder Nummer Ueberraschendes zu bieten weiß und alle ähnlichen Blätter in Text und Illustrationen überflügelt.

Vergessen.

Ich gab Dir einst ein Blümlein, Es war so himmlisch blau;

Du sahst, wie ich es pflückte Auf frühlingsgrüner Au.

Schaut' Dir dabei in's Auge Du senktest es zur Erd'. War denn das blaue Blümlein Nicht Deines Blickes werth?

Wir schieden voneinander, Ich kehrt' allein zurück; Ich sah nicht mehr Dein Auge Und fand nicht mehr mein Glück.

Die Tage ohne Ruhe, Die Nächte ohne Schlaf Sie trieben bald mich wieder Dahin, wo ich Dich traf.

Doch als ich Dir zu Füßen Mein Herz Dir aufgethan, Schaust Du mit kaltem Blicke Den kühnen Fremdling an.-

Das Dir gereichte Blümchen

Sprach eine Bitte schlicht Du hast sie nicht verstanden. Mein Kind, ich zürn' Dir nicht.g.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Universttats-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.