Ausgabe 
20.8.1895
 
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raucht und etwas von Leetüre genascht, denn eine Kiste Bücher hatte ich mir vorausgeschickt.

Mittags bin ich durch die Wälder gestreift, bin oft auf verschneiten Höhenwegen knieetief eingesunken. Todtenstill war'L im winterstarren Forst. Ein Viertelstündchen schaute die Sonne vom Himmel. Welch' Zauberschöne umfing mich da. Diamantenbestreut standen die Bäume, Diamanten glitzerten auf dem Schnee der Erde, ein großes gewaltiges Diamantenlicht war die Sonne selbst . . . Hase und Hästn habe ich gesehen und Rehe und unweit des Dorfes gar einen Fuchs. Mit rother Nase, steifen Ohren und eifigen Füßen kam ich heim, innerlich aber erwärmt, gleichwie heute früh beim knisternden, knatternden, prasselnden Eichenholzfeuer wohlig den sich dehnenden Gliedern geschah.

Und nun habe ich schon zum zweiten Male in illustrer Stammtischrunde gesessen und bin dann zeitig, solid, wie ich es in der Stadt so selten war, hinaufgestiegen auf mein großes, Helles Zimmer, und Lis hat mir geleuchtet, das Bett aufgedeckt (man versinkt darin bis über die Ohren), hat noch einmal dem Ofen Futter gegeben und hat mir Gute Nacht gewünscht.

Ich zweifle aber, daß ihr Wunsch in Erfüllung geht- Es ist mir, als habe ich mich durch die neuen Eindrücke seither nur täuschen lassen das Weh, dem ich entfliehen gewollt, ist mit mir gegangen und beherrscht mich ganz. In dieser Stimmung lege ich mich nicht gern schlafen. Ach, ich gäbe etwas d'rum, wenn ich mir jetzt irgend ein lichtes, traulich Bildchen vor die Augen zaubern könnte. Doch wenn man mit Absicht daraufhin auszieht, erreicht man es nie.

Soviel sonnige Tage auch meine Knabenzeit, meine Studienjahre gehabt und sie mir auch späterhin nicht gefehlt kaum mochte ich jetzt an einen derselben denken, blitzschnell mischte sich ein trüber» schmerzender Gedanke darein-

Und vor allem immer wieder stieg vor mir die letzte, schwere, wehe Zeit auf-

Ich begann in der Stube auf und ab zu gehen; ich trat an das Fenster und öffnete es. Im Dorf weiter unten schien eben gerade eine Spinnstube aus zu sein. Am Brunnen, da wo der Weg zum Wirthshaus abzweigt, schien die über- müthige, junge Gesellschaft zum Abschied stehen zu bleiben, ich hörte das Kichern der Mädchen, das Lachen und Ge­schwätz der Jungburschen. Zu guterletzt gab es noch einmal einen Hauptlärm, wahrscheinlich als die lang zurückgedrängts Lust der Burschen ausbrach, und sie sich kleine, harmlose Ueber- griffe zu erlauben wagten, die in der Stube die scharfen Augen der Spinnmutter nicht geduldet hätten. Dann trennte man sich. Zwei Gestalten dicht aneinander kommen näher- Schräg mir gegenüber vor dem Haus des Schmiedes blieben sie stehen da wußte ich es, daß es Gretel war, des Schmieds blondes Töchterlein, diewas Liebes hatte." Ueber Sickendorfer Herzensgeschichten bin ich stets bestens unter­richtet. Ich wußte auch, daß zu eben dieser Gretels Vater noch schief sah. Doch es hat sicher nichts auf sich. Ich habe ihm gestern auch wacker zugeredet.

(Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Gsne.

Hemmt nach Biet orten Sardou und F. Morrean.

Deutsch von «dele Berger.

(Fortßchtma.)

In diesem Momente wandte sich der Priester der Ver­sammlung zu, indem er seine Arme ausbreitete und murmelte: Benedicat vos, omnipotentem Deus! Dominus vobiscum!

Und er erwartete, daß man ihm antworte:Et cum spiritu tuo.

Doch die Aufregung war zu allgemein, als daß Jemand der Liturgie hätte folgen können.

Die österreichischen Offiziere waren näher getreten.

Eine Französin, eine Marketenderin," sagte Derjenige, welcher der Anführer zu sein schien, mit komischem Schrecken.

I x t »Ja wohl! Eine Französin, Catherine Lefebvre, Marke­tenderin vom Dreizehnten! Was, das ärgert Euch, meine Jungens!" rief Madame Sans-Gene, sich ihres langen Mantels entledigend und bereit, dem gefoppten Bräutigam in's Gesicht zu lachen, dem wüthenden Marquis die Zunge herauszustrecken und den österreichischen Offizieren ein Schnippchen zu schlagen, die sich beunruhigt umsahen, ob die Soldaten vom 13. Regb ment, deren Nummer Catherine so stolz wie ein Trompeten- appm, wie ein Kampfsignal hinausgerufen hatte, am Ende gar unter dem Schutze des Gottes der Heere au» dem Beicht- stuhle hervorbrachen oder aus dem Tabernakel heraustreten würden.

XVIII.

Eine Dankesschuld.

Nachdem der erste Moment der Ueberraschung verstrichen war, legte einer der Offiziere die Hand auf die Schulter Catherinens.

Madame, Sie find meine Gefangene!" sagte er ernst, Hört mir auf!" rief Catherine.Ich bin ja kein Sob dat ich bin hier zu Besuch als Parlamentär."

Höhnen Sie nicht I Sie sind in dieses Schloß eingedrungen von dem ich im Namen Seiner Majestät des Kaisers von Oesterreich Besitz ergriffen habe. Sie sind Französin und auf österreichischem Territorium. Ich verhafte Sie also."

Sie verhaften jetzt gar Frauen? Das isi nicht galant!" Sie sind Marketenderin!"

Marketenderinnen find keine Soldaten!"

Ich nehme Sie nicht als Soldat gefangen, sondern als Spionin," antwortete der Offizier und commandirte, indem er ein Zeichen gab:Es sollen vier Leute kommen und diese Frau fortführen und so längs bewachen, bis beschloffen wird, was mit ihr zu geschehen hat!"

Baron Lowendaal, der hinausgestürzt und in das Zimmer Blanches gelaufen war, kehrte jetzt verstört zurück.

Meine Herren," sagte er mit erstickter Stimme,diese Frau ist die Mitschuldige einer Entführung. Sie hat die Flucht des Fräuleins von Lavaline, meiner Braut, erleichtert. Wo ist Fräulein von Lavaline?" wandte er fich wüthend zu Catherine.

Diese begann zu lächen.

Wenn Sie Fräulein von Lavaline sehen wollen, müssen Sie diese österreichischen Herren verlassen und sich in da» französische Lager begeben dort erwartet sie Sie."

In's französische Lager? Was hat sie dort zu thun?" Der Marquis beugte sich an das Ohr des Baron»: Das beruhigt Sie doch. Bei den Franzosen findet sie diesen Neipperg, auf den Sie so eifersüchtig sind, entschieden nicht."

Er suchte damit den getäuschten Bräutigam z« beruhigen.

Das ist möglich," antwortete der Baron.Aber noch­mals, was hat sie dazu bewogen, sich zu den Franzosen zu flüchten? Ist sie vielleicht in Dumouriez verliebt?"

Sie ist zu ihrem Kinde gegangen," sagte Catherine.

Ihrem Kinde?" schrieen der Marquis und der Baron, beide gleich verblüfft, auf.

Jawohl, der kleine Henriot, ein reizendes Engelchen, wie Sie nie eins haben könnten I" rief die Sans-Gone familiär, den genarrten Bräutigam verhöhnend.

Aber Lowendaal war zu verblüfft und auch zu bestürzt, um die höhnischen Worte Catherinens zu beachten.

Leonard jedoch, der dieser Scene ganz starr beiwohnte, verzog die Lippen zu einer kläglichen Grimasse. Alle feine Pläne wurden zunichte gemacht: Nachdem Blanche fort war, hörte da» Kind, von dessen Existenz der Baron erfuhr, auf, ein Mittel zur Einschüchterung, eine Drohung, eine stets bereite Waffe gegen Die zu sein, die in wenigen Augenblicken Baronin Lowendaal hätte sein sollen. Er hatte keine Hoffnung mehr, die vortheilhaften Combinationen zu verwirklichen, welche der Besitz de» Geheimniffes Blanches in ihm erweckt hatte.

Rasch überlegte er, was er nun zu thun habe.

Dieser Leonard war ein sehr kluger Mensch, der keine Skrupel kannte, außer die Furcht vor der Galeere, die sein