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sich den Einfluß, den sie überall ausgeübt hatte, auch hier versprechen konnte. Und ihr Gesicht nahm allmälig einen düsteren, trotzigen Ausdruck an . . . da» war vielleicht die unvorsichtigste Herausforderung, die sie dem einsam lebenden Mann hätte bieten können.
„Ich fürchte, es war ein großer Fehler," entgegnete der Graf kalt. „Mein Bruder hätte kaum einen ungeeigneteren Vormund wählen können."
„Deine Worte überraschen mich, -Bruder," erwiderte Lady Emily. „Als Haupt unseres Hauses mußtest Du die Vormundschaft annehmen und Netta hat als Erbin und Waise einen besonderen Anspruch auf Deinen Schutz."
„Hm! Du stellst die Sache gewissermaßen in das rechte Licht," unterbrach sie Graf Treville. „Es ist sowohl für Netta als für Dich selbst gut, wenn Ihr von vornherein wißt, daß mir nichts daran gelegen ist, sie unter meiner Obhut zu haben. Ich nehme Netta nur unter der Bedingung in meinem Hause auf, daß sie sich, so lange sie hier ist, unbedingt meiner Autorität fügt. Du verstehst mich, Nichte, und auch Du, Schwester," fügte er ernst hinzu.
„Gewiß! Netta ist sanft und nachgiebig, und wird sich gewiß stets gern Deinen Wünschen unterordnen," erwiderte Lady Emily. „Doch, liebe Netta, Du bist sicherlich sehr müde," setzte >ie schnell hinzu, als sie auf dem Gesicht der jungen Dame einen ziemlich beunruhigenden Ausdruck vernahm. „Es wäre wohl besser, wenn Du Dich jetzt auf Dein Zimmer zurückzögest ... bei Tische sehen wir uns wieder."
Kaum hatte sich die Thür hinter Netta geschloffen, so nahm Lady Emily die Unterhaltung mit ihrem Bruder auf.
„Ist sie nicht ein schönes Mädchen?" fragte sie.
„Das weiß ich wirklich nicht," erwiderte er zerstreut.
„Du weißt es nicht? Wahrhaftig, Du bist wunderlicher denn je!" bemerkte Lady Emily ärgerlich.
„Meine liebe Schwester," entgegnete der Graf, „wenn Du es wünschest, will ich erklären, daß Netta ein Engel ist, aber ein Engel, von dem ich mich in meinem eigenen Hause nicht gern belästigen lassen will Aber lassen wir dieses Thema fallen und sprechen wir von etwas Wichtigerem! Sage mir," fuhr er nach einer kleinen Weile fort, „was war die Ursache des unglückseligen Duells?"
„Nun, ich sollte meinen, daß Du das recht gut wüßtest," antwortete sie nach kurzem Schweigen. „Du wirst unserem armen Bruder freilich eine solche Thorheit nicht zugetraut haben, doch leider ist es nur zu wahr, was Du ohne Zweifel schon gehört hast. Ein unwürdiges, aber sehr hübsches Mädchen verleitete den Armen dazu, sie unter dem Vorwand, sie sei eine Gesellschafterin für Netta und solle diese bei ihren Studien aneifern, mit sich zu bringen. Aber sie war schlau genug, aus ihrem hübschen Gesicht auf die verschiedenste Weise Vortheile zu ziehen. Sie bestrickte nicht nur unfern Bruder, sondern wußte auch Lord Belfort in ihre Netze zu locken. Was den eifersüchtigen Streit zwischen den Beiden herbeiführte, vermag ich Dir nicht zu sagen. Das Uebrige wirst Du ja wissen."
Bei den letzten Worten zitterte Lady Emily» Stimme sehr merklich und da» Taschentuch wurde rasch an die Augen geführt.
Lord Treville schien jedoch die Rührung seiner Schwester nicht zu bemerken.
Seine Augen waren in tiefem Nachsinnen auf den Fußboden gerichtet. Plötzlich hob er rasch den Kopf.
„Wie hieß das Mädchen, Emily? Jemand sagte mir, sie heiße ... laß mich nachsinnen ... ja ... sie heiße Falkner."
„Weich' sonderbare Idee! Nein, Cora vom Meere wird sie genannt, weil sie al» kleines Kind aus einem Schiffbruch gerettet wurde und eigentlich gar keinen Namen besitzt. Doch entschuldige, jetzt fällt mir ein, daß die Leute, bei denen sie aufgezogen wurde, vielleicht doch Falkner heißen."
„Du hast keine Ahnung, wo das Mädchen jetzt ist?"
„Gott sei Dank, nein," erwiderte Lady Emily. „Sie kam, wie sie ging, ohne sich um meine Wünsche und Befehle zu kümmern. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie in
schlechte Gesellschaft und auf schlechte Wege gerathen ist. Viel- leicht hat sie Lord Belfort ausfindig gemacht. Das wäre ein der ganzen elenden Angelegenheit würdiger Ende."
Des Grafen Gesicht verfinsterte sich und er sagte: „Emily, halte Deine Zunge im Zaum I Wenn Deine Verdäch, tigungen nur bloße Vorurtheile sind, schleuderst Du schändliche Verleumdung aus ein armes, unglückliches Mädchen. Wenn sie schuldig ist, wird sie die gerechte Strafe für ihren Fehltritt ohne Dich erhalten."
Lady Emily richtete sich mit stolzer Miene auf, aber sie hatte nicht den Muth, sich in einen Wortkampf mit ihrem ihr unverständlichen Bruder einzulaffen und mürrisch begab sie sich in ihr Zimmer, in dem Netta sie erwartete.
„Tante Emily, mir ist es ganz unmöglich, hier in diesem düsteren Gefängniß zu bleiben!" rief ihr da» Mädchen entrüstet entgegen. „Und wenn Onkel Treville meint, mich auf so schändliche Weise behandeln zu dürfen, so kann ich ihm sagen, daß er sehr im Jrrthume ist. Lieber laufe ich davon!"
„Beruhige Dich, Netta! Du weißt, e» ist ja nur für kurze Zeit. In tiefer Trauer müßtest Du doch jetzt überall in völliger Abgeschlossenheit leben und Netta, wenn Du klug und gehorsam bist, kann sich Dein Vermögen, wenn der Graf stirbt, nahezu verdoppeln."
Netta gab keine Antwort. Sie war außer sich vor Aerger und wollte nichts von ihrer Tante Trostesworten hören.
Glücklicherweise machte das Eintreten der Dienerin btttt Zwiegespräch ein Ende und die Totlettevorbereitungen für du Mittagseflen stillten den Zorn, der in Nettas Brust kochte. Und als sie in den Salon trat, erschien ihre schlanke Gestalt in dem schwarzen Krepkleid so anmuthig und das Haar war so geschmackvoll in künstliche Flechten arrangirt, daß sie In der That eine Erscheinung war, wie sie sich ein jugendlicher Lieb- Haber, ein schwärmerischer Künstler oder Maler nur wünschen konnte.
Aber Gras Trevilles Auge glitt weniger mit bewunderndem, als mit kritischem Blick über des jungen Mädchens Gestalt hin.
„Es ist schade darum, daß so viel Mühe an einem blinden Onkel verschwendet wird," sagte er spöttisch, „an Deinen Onkel, der wenigstens blind für solche Künste ist, wie Du sie entfaltest . . - aber merke wohl, Netta: nicht blind für andere Dinge!" fuhr er ernst fort. „Und laß Dir ein für allemal sagen, daß Du jede Freiheit und jedes Vergnügen, das mein Haus und mein Park Dir bieten kann, genießen darfst, daß ich Dir aber verbiete, denselben ohne Deine Tante oder mich zu verlassen. Ebenso verbiete ich, daß ohne meine besondere Erlaubniß irgend ein Gast meinen Grund und Boden betrete. Das soll kein Vorwurf noch Mißtrauen gegen Dich sein, Emily," fetzte er, sich seiner Schwester zuwendend, hinzu, „aber nach dem, was geschehen ist, muß ich auf strenger Befolgung meiner Befehle bestehen."
XXIX.
«Ich hoffe, Sie haben mir meine späte Ankunft und dir Verzögerung des Mittagsessens vergeben, Lady Marian," W der Herzog von Dunbar, während er der jungen Erbin i» dar Gartenzimmer folgte, das nach der besonderen Angabt des Mädchens eingerichtet worden war- M
„Ist es ein so surchtbare« Verbrechen, daß Sie deshalb eine besondere Entschuldigung für nöthig halten?" entgegnet« Lady Marian mit einem Anflug von Muthwillen, der ihr seit längerer Zeit fremd gewesen war.
Die Stimmung Marians schien in der That während der letzten Stunden einen seltsamen Wechsel erfahren zu haben- Entweder au» Höflichkeit oder au» Aerger oder irgend einer anderen weiblichen Empfindung war Lady Marian in ihrem Wesen wie in ihrer Toilette außergewöhnlich blendend und anziehend, und, wie ihr Vater gehofft hatte, ihr hoher Gast war offenbar sehr entzückt von dem stolzen Mädchen, da» zu gewinnen er herangekommen war. „
Er war während der Saison in London öfter mit tyr zusammengetroffen und hatte sie sich al» paffende Braut aus-


