Nr. 72.
Donnerstag -en 29. Amt
1895
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,zlnterhaU«ngsdlatt jum Gießener Aniriger (Gcnrral Anreiger).
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Die Tochter des Meeres.
Stemmt Mn X. Steele.
Tora lief rasch den steilen Berg hinab.
„ .«Lord Belfort, hier ist Wein und Brod!« rief sie, als sie die Höhl« erreicht hatte.
Der Lord aber war fast außer Stande, ihren frohen Gruß zu erwidern. Schmerz und Angst hatten ihn völlig erschöpft.
War er nur geflohen, um hier in dieser traurigen Ein- öde zu sterben?
Aber Cora durfte nicht dulden, daß er sich so traurigen, entmuthigenden Gedanken hingab.
,, «Sehen Sie," sagte sie, „hier ist Wein, der vermuthltch seiner hübschen Flasche entspricht und diese feinen Brödchen könnten einer Prinzessin Appetit erregen."
Lord Belfort lächelte matt.
.. danke Ihnen von ganzem Herzen für die viele Mühe, die ich Ihnen verursache."
Er führte die Flasche an die Lippen und der feurige Wein belebte wunderbar den erschöpften Körper.
Ernst betrachtete nun erst genau die Flasche und die Schachtel.
. «Wissen Sie denn, daß dieses Wappen eine Herzogskrone trägt? Wie sind Sie zu der Flasche und der Schachtel gekommen?" fragte er fast ängstlich.
.. Sora zögerte mit der Antwort, aber sie wagte nicht, ihm °ie Wahrheit vorzuenthalten, um so mehr, als Lord Belfort augenblicklich an jebet ihrer Handlungen betheiligt war. Sie gab einen kurzen Bericht ihrer Abenteuer, jedoch ohne von Rupert Falkner» Anwesenheit in dem Häuschen zu erzählen.
Lord Belfort hörte ihr mit Verwunderung zu.
«. allerdings ein sonderbarer Abenteuer!" sagte
nä^tcL0?®?68 Wappen kennen, doch bin ich so lange ES S? ^wesen, daß ich dergleichen schon wieder x* freut wich nur, daß Ihnen weitere Mühe ^"d Angst dadurch erspart worden ist, edles Mädchen. Ach, bin-r^-^^bklage manchmal, daß ich Sie mit in mein Elend hineingezogen habe! Cs wäre bester gewesen, wenn ich mich
gleich in das mir bestimmte Loo» ergeben und das Schlimmste ertragen hätte."
„Und allerhand Unangenehmes an's Licht gebracht!" fügte sie ruhig hinzu. „Nein, Lord Belfort, dar hätte mir unendliches Elend verursacht... doch jetzt ist es jedenfalls vorüber und wir müssen tapfer fein und, wenn möglich, widerwärtiges Mißgeschick abzuwenden suchen. Meinen Sie, daß er mit Ihrem Fuße besser geht?"
„Ich weiß er selbst kaum," antwortete er niedergeschlagen. „Ich glaube, er schmerzt weniger und ist nicht mehr so geschwollen, aber der Fuß hat keine Kraft und ich weiß er nicht, wie wir über die nächsten Tage hinwegkommen werden. Wer weiß, ob Ihr Leben nicht meiner Selbstsucht zum Opfer fällt!" setzte er hinzu.
„Nein, nein! Diese Angst ist grundlos!" sagte sie beruhigend. „Das Wetter ist — Gott sei Dank — warm und schön. So lange er so bleibt, können wir getrost hier im Freien campiren. In einem Tag kann der Fuß viel besser werden und ich will sehen, ob es nicht einen bequemeren Aufgang aus dem Steinbruch gibt."
Ueber seinen Kummer vergaß sie ihren eigenen; sie hatte ein wunderbares Talent, Andere in ihrem Unglück zu trösten. Aber in den einsamen Stunden der Nacht, die dem aufregenden Tage folgten, trat ihr Rupert Falkners Bild mit seinem Zorn und seiner Eifersucht wieder lebhaft vor die Augen und schwere Thränen rollten über ihre Wangen herab, als nur das Auge des Allmächtigen die stumme Klage lesen konnte, die sie verriethen.
XXVIII.
„Du siehst, Hugh, wie besorgt ich war, den Wünschen unseres armen verstorbenen Bruders nachzukommen. Ich habe seine hübsche Netta ohne Aufschub unter den Schutz gestellt, den er besonders für sie ausgewählt hat."
Und Lady Emily richtete ihre hohe Gestalt stolz auf, als sie ihre schöne junge Nichte Graf Trevilles prüfendem Auge vorstellte.
Das junge Mädchen hielt mit selbstbewußterer Miene als die Dame die Prüfung ihres unbekannten alten Onkel» aus.
Vielleicht gefiel ihr der Ausdruck seiner noch schönen, aber abgezehrten Züge nicht recht. Es lag zu wenig Bewun- derung und zu großer Ernst auf seinem Gesicht, als daß sie


