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schwacher Dank für Ihre Leistung als Ophelia sein. Wirklich wundervoll, ich war ganz begeistert davon."
„Durchlaucht sind zu gütig."
„Aber nun setzen Sie sich, Kind, und erzählen Sie mir etwas Neues. Sie sind heute Abend wieder beschäftigt?"
„Nein, heute nicht," lächelte da» junge Mädchen heiter, „es ist ganz schön, einmal wieder auszuruhen, denn die vielen Proben ermüden doch recht sehr."
„Wisien Sie was, Fräulein zur Stetten, Sie müssen dann heute bei mir den Thee trinken und etwas musiciren. Nicht wahr, Sie schlagen mir die Bitte nicht ab?"
„Leider muß ich er doch, gnädigste Fürstin, ich bleibe gern bei Papa, damit er nicht ganz allein ist, zudem kommt Onkel Hohenthal zu uns und da kann ich nicht anders, als dankend ablehnen."
„Böses Kindl Aber ein andermal fange ich Sie doch! Ich habe an jedem Mittwoch Abend Gäste und Sie dürfen unter denselben auch nicht fehlen. Ah, und beinahe hätte ich vergessen — eine grandiose Idee, liebes Fräulein, bei der ich auch mit auf Ihre Hilfe rechne."
«Durchlaucht sind sehr gnädig. War in meinen schwachen Kräften steht, soll gern geschehen."
„Wir wollen zum Besten von Armenbescheerungen zum Weihnachtsfest im November einen Bazar veranstalten, bei dem Damen verkaufen müssen, um den Reiz zu erhöhen. Natürlich sollen Sie einen sehr guten Tisch erhalten, wenn Sie einwilligen, sich an der Sache zu betheiligen."
„O, sehr gern," rief Nora kindlich fröhlich, „ich habe mir schon längst gewünscht, bei einem Bazar verkaufen zu dürfen."
Der Kammerdiener trat abermals ein und überreichte seiner Herrin auf einer silbernen Platte eine Visitenkarte. Melanie erröthete vor Vergnügen, al» sie den Namen las.
„Ich lasse sehr bitten. Aber nein, Herzchen, Sie müssen noch bleiben," wehrte sie liebenswürdig, al» Nora sich erhob. „Graf Wildenstein ist ein langjähriger, guter Bekannter, ein Jugendfreund von mir und wird sich gewiß auch freuen, Sie persönlich kennen zu lernen. Er war gestern auch im Theater."
Die Thür flog auf und Graf Rudolf trat, sich tief ver« neigend, über die Schwelle. Niemand hätte wohl an seine Kriegslist geglaubt, daß er um die Porrcu'sche Villa so und so oftmals gewandert war, bis er Nora hineinschlüpfen sah, dann erst folgte er ihr, um sich gleichfalls melden zu lassen.
„Sie kommen mir doppelt erwünscht, lieber Graf," rief die Fürstin mit schmachtendem Blick, „so kann ich Sie gleich unserer lieblichen Jeanna d'Arc, alias Fräulein zur Stetten, vorstellen."
Äug' in Auge standen sich diese beiden Menschen gegenüber, zwischen denen ein so großer Abgrund gähnte, und die sich doch hätten so innig aneinanderschließen sollen.
„Ich erinnere mich, Herr Graf, Sie gestern im Theater gesehen zu haben," begann Nora nach der ersten Befangenheit ruhig die Unterhaltung, „Sie saßen neben Onkel Hohenthal."
„Gewiß, mein Fräulein, er ist mein treuester und bester Freund."
„Ja, ein wahres Goldgemüth," pflichtete Nora bei und ihr Auge glänzte hell auf; „mit welcher Liebe und Treue hängt er an mir und Papa; was er uns an den Augen absehen kann, thut er, auch zu meinem ersten Gastspiel ist er sogleich gekommen."
„Je nun, liebes Kind, das finde ich begreiflich. Onkel find doch mitunter auch galant gegen ihre Nichten."
„O, nach Galanterie frage ich nicht," entgegnete das junge Mädchen, „übrigens paßt der Begriff auch nicht auf den Onkel; er ist für mich wie ein zweiter Vater."
„Nun, da nehmen Sie aber Ihr Herzchen in Acht, Fräulein zur Stetten," lachte Melanie, „solche alte Onkels bekommen doch noch mitunter Sehnsucht nach einem eigenen Herd und besonders Baron Hohenthal ist ein großer Gemüths- mensch —"
„er holte mich gestern nach dem Theater ab," bemerkte Nora, welcher des Grafen sonderbar wehmüthiger, auf ihr ruhender Blick unbehaglich wurde; „Papa mag e« nicht, wenn
ich allein näch Hause komme und da er erkältet ist, versprach der gute Onkel es zu thun."
,. "Sie find noch nicht lange bei der Bühne, mein Fräu- lein? fragte Wildenstem verbindlich, indem er dar Gespräch wechselte.
„Nein, auch habe ich noch nicht die unumstößliche Gewiß. h«t, hier engagirt zu werden —"
Ann doch nur eine Frage der Zeit sein." fiel die Fürstin verbindlich ein, „wer so wie Sie spielt, dem müssen alle Herzen, auch die härtesten der Directoren, zufliegen. Sie leben ganz allein mit Ihrem Herrn Vater?"
„Gewiß, Durchlaucht, Mama starb vor vierzehn Jahren, als wir noch in Mitau lebten."
„Und wissen Sie gar nichts mehr von ihr?" fragte Melanie lauernd, mit einem Seitenblick auf Wildensteins bleich gewordenes Antlitz.
''S r0($' Papa und Onkel Hohenthal erzählen viel von ihr; ich selbst habe natürlich nur eine schwache Erinnerung von einer sanften, schönen Frau, die mich -n ihre Arme nahm und beten lehrte."
Der Graf mußte all' seine männliche Fassung aufbieten, um reglos zu bleiben, ein qualvoller Seufzer drängte sich auf seine Lippen, doch die Fürstin fragte tactlos, neugierig weiter: „Wie hieß Ihre Frau Mama mit ihrem Mädchennamen?"
„Ich weiß es nicht, Durchlaucht, Papa hört nicht gern von so etwas reden und schärfte mir nur stets ein, daß ich keine Verwandten von Mamas Seite habe."
Melanie schielte seitwärts zu Wildenstein, er sah völlig verändert aus; seine Lippen preßten sich fest aufeinander, den Blick hielt er finster auf den Teppich gerichtet.
„Sonderbar," fuhr sie scheinbar erstaunt fort, „es ist wie ein Geheimniß, welches Ihre Eltern umgibt und ich gestehe, daß ich von Ihnen, mein Kind, gern etwas erfahren hätte."
Nora erhob sich zögernd, ihr war, sie wußte nicht recht, weshalb, unbehaglich zu Muthe geworden.
„Ich muß mich nun empfehlen, Durchlaucht —"
„Wie schade, daß Sie uns schon verlassen, mein liebes Kind! Haben Sie tausend Dank für Ihren Besuch und — ich werde Sie beim Wort halten wegen des Bazars, hören Sie? Sie müssen mir verkaufen helfen, damit ich recht, recht viel einnehme."
Nora lachte melodisch auf, dasselbe Lachen, welches Rudolf gestern im Abenddunkel von ihren Lippen vernommen, und erwiderte kindlich heiter: „Wenn ich nur dazu nicht zu un- geschickt bin, gnädige Fürstin. Ich fürchte, daß ich gar nicht« los werde."
„Wenn Sie mir erlauben wollen, gnädiges Fräulein," bemerkte Wildenstein freundlich, sich zum Sprechen zwingend, „Ihnen abzukaufen, so bitte ich, für mich hundert Mark zu notiren."
„Ah, sehen Sie, Kleine, bei den Herren werden Sie Ihr Glück schon machen," lachte die Fürstin mit einem fatalen Gesichtsausdruck, aber Nora blickte herzlich dankend in das ernste gebräunte Männerantlitz auf, das sich zu ihr gewandt.
„Ich danke Ihnen, Herr Graf, und halte Sie beim Wort; unter all den Fremden habe ich denn doch schon wenigstens einen Bekannten."
„O, der Graf ist ein großer Bewunderer Ihres Talentes," bemerkte die Fürstin etwas boshaft, „ich sah, wie er gestern kein Auge von der schönen „Jungfrau" verwandte."
„Ich fürchte, Durchlaucht," sagte jetzt Wildenstein und erhob sich unmuthig, „auch meine Zeit ist abgelaufen, und ich muß mich gleichfalls empfehlen."
„Ah, der galante Cavalier," neckte sie, ihre Gereiztheit ziemlich schlecht verbergend, „Sie wollen da» Fräulein Heimbegleiten?"
„Leider kann ich mir nicht die Ehre nehmen," erwiderte Wildenstein förmlich, „denn ich habe noch Geschäfte vor; im Uebrigen könnte sich wohl jede junge Dame in den Schutz eine» solchen alten Mannes, wie ich, begeben."
Al» die Thür des Salon» sich hinter beiden geschloffen


