Ausgabe 
20.4.1895
 
Einzelbild herunterladen

ISKSKSP

UnterhaUungsblaU pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

Nr. 47» Samstag den SH. April.

1895.

Unebenbürtig.

Roman von H. von Ziegler.

(Fortsetzung.)

Im flackernden Laternenlicht tauchte des Mädchens schönes, lächelndes Antlitz auf, umhüllt von weißen Schleierwolken; der Baron öffnete den Schlag de; harrenden Wagens und half ihr einsteigen, dann zogen die Pferde an, der Kutscher knallte mit der Peitsche und dahin ging's im Trabe. Sinnend blickte Wildenstein hinterdrein, dann seufzte er tief auf und wandte sich dem Hotel zu. Er war ja allein, ganz allein, Niemand erwartete ihn, Niemand fragte, wo er bleibe. Wie gut hatte es dagegen Hohenthal!

Als er auf seinem Zimmer saß und zu Abend, tauchte wieder und wieder das liebreizende Gesichtchen Nora zur Stettens vor ihm auf, er sah ihr Lächeln, hörte ihr silbernes Stimmchen und eine heiße Eifersucht gegen den Freund er­wachte in ihm. Hätte er nicht an besten Stelle sein dürfen, der Oheim des «schönen Mädchens, der einzige Bruder ihrer Mutter, doch laut ausstöhnend schlug er sich mit der Faust vor die Stirn war er's nicht selbst gewesen, der dieses Band zcrriffen, der mehr wie einmal erklärt hatte:Ich habe keine Schwester."Ich Thor und Elender," murmelte er vor sich hin,es ist zu spät zu spät I Wenn ich heute vor sie hinträte und flehte: Vergib und vergiß um der Tobten willen, so würde ich wie vor Jahren von Kindeslippen auch heute wieder hören: Ich habe keinen Onkel I O, und ich könnte e» nicht ertragen, von Nora gehaßt und verachtet zu werden I"

Sonderbar, daß er immer wieder auf sie zurückkam. Seit er einst um Melanie gefreit, war's ihm nicht mehr so heiß zum HerM geströmt, hatte er nie wieder an ein Paar wunder­schöner Frauenaugen gedacht, deren lange, seidenen Wimpern sich hoben und senkten. Die Zett verrann, die Cigarre war längst verloschen und kreischend schlug die Uhr Mitternacht, als er endlich tiefseufzend das Haupt emporrichtete.

Der Fleck auf dem Wappenschild wird immer dunkler," sagte er dumpf vor sich hin,und ich kann ihn nicht löschen, wenn ich auch wollte; aber er kommt nicht durch Theresens Mißheirath, sondern durch meinen Starrsinn ich habe mit

ihrem Namen auch mein Lebensglück durchstrichen und bin nun ein einsamer, alternder Mannl"

Sein Blick fiel in den gegenüberliegenden Spiegel, der­selbe strafte feine letzten Worte Lügen, denn er warf noch ein männlich schönes Bild zurück.

Morgen mache ich der Fürstin Porscu meine Auf­wartung," dachte Wildenstein, al» er sich zur Ruhe begab, sie erweist mir viele Liebenswürdigkeiten und ich kann nicht geradezu unhöflich sein."

Daß es doch eigentlich einen anderen Grund mit dem Besuche habe, wollte der Graf sich nicht eingestehen und doch lächelten ihn Noras dunkle Augen die ganze Nacht hindurch an, tndeß ihre rothen Lippen sprachen:Ein Fleck, ein Fleck auf dem Wappenschild!"

O

Am folgenden Tage lehnte die schöne Fürstin Porrcu in ihrer Causeuse; der französische Roman, in dem sie gelesen, lag an der Erde, sie gab ihren Gedanken Audienz und zwar beschäftigten sich dieselben hauptsächlich mit Graf Wilvenstein-

Er ist noch immer ein stattl cher Mann," philosophirte sie,so in meinen Jahren und sein Reichthum soll sprich­wörtlich sein. Was mein Vermögen anbelangt, hm, so ist es nicht mehr dasselbe wie früher! Das Reisen kostet auch Geld und ich kann bei meinen Ausgaben nicht rechnen, Summa summarum, wenn ich den interessanten Grafen gewönne, so wär'» gar nicht Übel! Damals, al» er wie toll und blind mir den Hof machte, wollte ich nicht, der rumänische Fürstentitel blendete mich leider! Aber vielleicht ist der Fehler wieder gut zu machen. Der Graf ist einsam, ich auch; ich werde sehen, war sich thun läßt. Er ist noch eine glänzende Partie,"

Der Diener trat ein und meldete Fräulein zur Stetten.

Ah, sehr angenehm," sagte die Fürstin und wurde sehr heiter,führen Sie sie herein."

Frisch und anmuthig trat Nora ein und begrüßte die Dane, die ihr herzlich die Hand hinstreckte.

Ich komme nur, um zu danken, Durchlaucht, sür Ihre große Güte, die Blumen waren ganz wundervoll und beschäm­ten mich fast."

Nicht doch, mein liebe» Fräulein, sie sollten nur ein