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Tode ringt. Sie eilte einig« Schritte vorwärts. Au« bett Zimmern der Herrn Commerzienrath« klang der furchtbare Ton. Sollte sie eintreten? Sie schwankte, allein hier galt kein Zauvern. Einen Augenblick stand fie zögernd, die Hand auf dem Schloß, dann trat fie aber ein. Ein furchtbarer Anblick bot fich ihr. Im Sopha lehnte ohnmächtig der Commerzienrath. Einer Wunde am Arm enströmte da« Blut und ein am Boden liegendes blutige« Mester verrieth, woher die schreckliche Wunde stammte. Möglichst schnell unterband Maria den Arm, stemmte ihn, mit Mühe eine Befestigung suchend, in die Höhe und eilte, um möglichst schnell Helfe zu schaffen. Doctor Kronberg, der al« letzter Gast im Begriff war, fortzugehen, begegnete ihr auf dem Vorsaal. Sie verständigte ihn kurz von dem Vorsall, während er ihr folgte.
Bald standen fie vor dem unglückseligen Hausherrn.
„äßet hat diesen Nothverband angelegt?" frug der junge Arzt.
„Ich selbst, ich verstehe e« nicht bester. In der Angst, da« strömende Blut zu ficken, that ich, was ich konnte."
„Sie haben dadurch sein Leben gerettet, er hat sich eine Pulsader durchschnitten. Wollen Sie mir ferner helfen?"
„Ja, ich will e« nach meinen Kräften," entgegnete Marie Werner.
„Gut, so ist nicht nöthig, das schlimme Erreigniß den Dienstboten preis zu geben. Ich glaube auch nicht, daß meine Tante sich zur Pflegerin eignet."
Kurz ertheilte er seine Aufträge, schnell kam sie ihnen nach. Hier war der Neffe nur helfender Arzt, und sein Onkel, der schwer verwundet, den zu retten er alle Kraft und alles Misten aufbot.
Der Schritt der Frau Commerzienrath erklang bald darauf im Nebenzimmer. Unbefangen trat sie ein und stieß einen gellenden Schrei aus, al« sie das Unglück sah. Von den mahnenden Worten de« Neffen ließ fie sich aber beruhigen und blieb bei jdem verwundeten Gatten. Marie ging nun selbst nach der nahen Apotheke, nachdem alle Leute im Hause zur Ruhe gegangen, um Arznei zu holen. Dann beseitigte fie die Blutspuren im Zimmer und machte naffe, kühlende Umschläge um die Stirn de« Verwundeten, welche bald im Fieber glühte. Entsetzlich tönten die wirren Reden de» Commerzienrath« in der Stille der Nacht.
„Ich bin ein Bettler und Verbrecher, ich habe ihn be# raubt — alle« ist sein — alle«, alle« — er soll wieder fortgehen, weit fort!" Solche und ähnliche Reden erklangen von seinem Munde.
Noch keinen Augenblick war er wieder bei klarem Bewußtsein gewesen, auch ahnte er nicht, wer in aufopfernder Menschenliebe dem Tod sein Opfer abzuringen suchte.
Mitternacht kam herbei. Die Wethnacht»glocken tönten feierlich durch die Stcke, fie verkündeten allen Menschen die große Freude, die ihnen geworden.
Tdränen rangen über Marien« Wangen.
„Ruhen Sie ein wenig," flüsterte der Arzt, fie schüttelte aber den Kopf. Alle drei, die Frau Commerzienrath, Doctor Kronberg und Marie Werner setzten ihr Werk fort, bald mußten die Verbände erneuert werden, bald Ei« auf die Stirn gelegt oder beruhigende Tropfen auf de« Verwundeten Lippen gebracht werden.
Endlich versank der Verwundete in einen ruhigen Schlummer.
Der Frau Commerzienrath, welche «ährend der schrecklichen Scene schließlich in einen Zustand der Ohnmacht ge« funken «ar, flüsterte jetzt der Neffe zu: „Wenn Gott noch «eiter Hilst, so ist der Onkel gerettet!"
Weinend schloß die stolze Frau den edlen Neffen und dann die hilfberette Marie in die Arme. Der Hochmuth der Frau Commerzienrath war seit dieser schrecklichen Nacht für immer gebrochen.
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Freundlich leuchtete die Sonne am ersten Weihnachtr# feiertag herab auf die schneebedeckte Erde. Rege« Leben
herrschte auf bett Straßen. Die Damen freuten sich, bU neuen Festkleider zeigen zu können. Kleine Mädchen trugen stolz ihre Puppen im Arm, den Neid ihrer Freundinnen zu erregen. Aus dem zugefrorenen Fluß tummelte fich eine vergnügte Menge Schlittschuh laufend und Schlitten fahrend.
Im Hause de« Commerzienrath« Kronberg herrschte tiefe Ruhe. Man hatte der Dienerschaft mitgetheilt, daß der Hausherr von einem Unwohlsein befallen, das Bett hüten müffe. Die Frau Commerzienrath bemühte fich um ihn, al- getreue Pflegerin, ihrer sonstigen Gewohnheit, Kranken möglichst fern zu bleiben, vollständig entgegen- Nicht Ruhe allein, auch Frieden lag auf dem blaffen, müden Gesicht Kronberg«; eine ernste Aussprache hatte er am Morgen mit seinem Neffen gehabt. E» war eine bittere Demüthigung für den einst so stolzen und harten Mann, al« er Alfred Kronberg da« Geständniß ablegen mußte: „Ich bin ein ungetreuer Hauthalter gewesen. Was Dein Pater vertrauensvoll in meine Hände legte, damit ich es für Dich bewahrte, ich habe es zum großen Theil verloren und vergeudet, ich bin in Deine Hand gegeben."
Der Edelmuth des Neffen erleichterte inbeffin die Lage des unglückseligen Bankiers. Gegen das Versprechen, von jetzt ab streng solid und sparsam zu wirthschaften und allen Luxus im Hause sofort zu beseitigen, ließ Doctor Kronberg den größten Theil seine» Kapitals in dem alten renommirten Geschäfte und ließ fich nur zur Sicherung seiner Zukunft eine große Summe auszahlen. Der Commerzienrath Kronberg, bei welchem eine vollständige Sinnesoeränderung sich vollzogen hatte und deffen Herz mit unauslöschlicher Dankbarkeit gegen seinen großmüthigen Neffen erfüllt war, konnte trotz aller Erschütterung nach langen Jahren zum ersten Male wieder ein WeihnachtSfest feiern, frei von innerer Angst und peinigenden Selbstankiagen; er fühlte, daß Frieden im Herzen das beste Festgeschenk sei.
Auch seiner Gattin ging ein Licht auf, daß fie ein neue» Leben beginnen müffe, vereint faßten fie gute Vorsätze für die Zukunft und führten sie au»
Nur auf dringende» Zureden ihrer Herrin entschloß sich Marie Werner, einige Stunden da» Hau» zu verlassen und bei den Ihrigen Weihnachten zu feiern.
Längst hatte der helle Sonnenschein der Dunkelheit Platz gemacht, al» sie sich fröhlichen Herzen» auf den Weg begab-
Es lagen schwere Stunden hinter Marien. Zum ersten Mal halte sie an dem Lager eine« Leidenden gestanden, bei welchem e« fich um Leben und Tod handelte, denn ihr war ein Theil der Pflege anvertraut. Füdlte fie sich so beglückt, i daß Kronberg« Rettung gelungen oder dachte sie eine» Andern, welcher fie ebenfalls seine Retterin nannte?
Plötzlich vernahm Marie Alfred Kronberg» Stimme an ihrer Sette.
„Darf ich ein Stück Wege» mit Ihnen gehen?" ftug er höflltch
Da sie nicht« entgegnete, fuhr er fort: „Ich hörte von : Ihrem Ausgang, eine geraume Weile schon gehe ich hier auf und ab, ich sehnte mich danach, mit Ihnen ein Wort zu sprechen. Doch wie ich sehe, bin ich wohl unwillkommen und ich hatte mich doch so sehr darauf gefreut."
Eine leise Bewegung ihre« Haupte« genügte ihm, seinen Jrrthum zu erkennen, denn nur jungfräuliche Befangenheit war e» gewesen, die Marie nicht gleich da» rechte Wort finden ließ.
„Heimweh, Sehnsucht nach einem deutschen Christbaum zog mich hier her," sagte jetzt Doctor Kronberg. „Hier erst fühlte ich gestern noch klar, daß mir die Heimath nicht« bot. Meine Verwandten vermochten ihr Entsetzen nicht zu be* meistern. Wäre es nicht besser für mich gewesen, im fernen Ungarn zu bleiben, wo schon einige dankbare Seelen, denen ich in Krankheit und Schmerzen beigestanden, mein Fortgehen beklagten? So dachte ich gestern Abend mit einem Herzen voll Bitterkeit. Ich blicke mich um im Hause und an der ' Tafelrunde; unter all' den fremden Gefichtern sah ich das


