Ausgabe 
19.11.1895
 
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»So muß der arme Bursche einer Personen-Verwech-lung zum Opfer gefallen sein. Denn es wäre absurd, unter den

obwalte,-den Umständen an die Absicht eines Raubes zu denken. Und man hat, wie Sie sagen, von dem Schurken noch keine Spur?"

Und ehe noch die arme, fassungslose Dame eine einzige Silbe zu erwidern vermochte, war er aus dem Zimmer ver- fchwunden.

Ja. Er wurde bei der Heimkehr von einem Mord- gesellen angefallen und tödtlich verwundet."

- mers und der überaus artige Japaner, der ein vorzügliches ? Englisch sprach, zeigte ein lebhaftes Juteresse für alle von : Thomas Ellis kundgegebenen Ansichten und Vermuthungsn. Und das Gewicht, das man offenbar seinen Aeußerungen bei­legte, veranlaßte diesen, immer sicherer und bestimmter auf­zutreten. Wen/l ihm während dieser letzten Stunde wirklich für einen Moment eine Anwandlung von Mißtrauen gekommen war, so war sie durch das Benehmen der beiden Herren jedenfalls längst beseitigt worden und seine anfänglich mit äußerster Behutsamkeit abgegebenen Worte waren jetzt frei und unbefangen wie die eines Mannes, der als ein völlia Unbetheiligter fein Urtheil abgibt.

Da er hatte eben in einer längeren Rede mit einer Fülle von Gründen bewiesen, daß Georg Stralendorf nur einem Jrrthum des Mörders hinsichtlich feiner Person zum Opfer gefallen sein könne - da ertönte draußen vor dem offenen Fenster ein kurzer, scharfer Pfiff, und in demselben Augenblick legte stch von hinten her eine männliche Hand fest und schwer auf die Schulter des Sprechenden. (Schluß folgt)

Keine! Wo auch sollte man ihn suchen, da er gleich nach vollbrachter Thal wie von der Erde verschwunden war I"

Aber die That darf doch nicht ungesühnt bleiben. Wir sind es unserer nationalen Ehre schuldig, bet der japanischen Polizei mit allem Nachdruck auf eine energische Untersuchung zu dringen. Solche Verbrechen dürfen nicht ungestraft vor- übt werden in einer Stadt, die Tausende von Fremden zu ihren Bewohnern zählt. Schon um unserer eigenen Sicher­heit willen sollten wir Alle uns an den Nachforschungen nach dem Mörder betheiligen."

Ich freue mich, Sie dazu bereit zu finden, Herr Ellis! Die warme Theilnohme an dem Geschick des jungen Deutschen macht Ihrem Herzen alle Ehre."

Aber ich sagte Ihnen ja schon, daß er mein Freund war. Noch am Abend der Clubfestes saßen wir in heiterster Laune bei einer Flasche Champagner zusammen und ich würde den für einen sehr schlechten Propheten gehalten haben, der mir damals gesagt hätte, der blühende junge Man« habe nur noch ein paar Tage zu leben."

Davon, daß Georg Stralendorf hier etwa einen Feind gehabt hätte, ist Ihnen nichts bekannt?

rx« sAen eine halbe Minute «achzudenken, dann schüttelte er den Kopf.

Nein. Ich habe niemals gehört, baß er mit Jemandem in Streit gerathen wäre. Und bei seinem liebenswüroigen Charaeter hat er sicherlich keinem Menschen Anlaß gegeben ihn aus irgend einem anderen Grunde zu Haffen." '

"Sie halten es auch nicht für möglich, daß ein weib- liches Wesen im Spiel gewesen sein könnte? Es wäre doch immerhin denkbar, daß dieser Chinese von einem Nebenbuhler gedungen worden ist, rhm aufzulauern und ihn zu tösten

Meiner Ueberzeugurtg nach würde man sehr khöricht handeln, wenn man sich durch derartige romantische Ver- muthungen auf falsche Spuren leiten ließe. Stralendorf war längst durch feste Herzensbande gefesselt, bevor er hierher

I kam und es entsprach durchaus nicht seiner Natur, sich leicht- fertig auf neue Liebesabenteuer einzulaffen."

In oiefem Augenblick wurde an die Thür des Zimmers geklopft und auf die Einladung zum Eintritt, die der Conful ergehen ließ, zeigte sich die kleine, aber kräftige Gestalt eines höheren japanischen Polizeibeamten in seiner nach europäischem Muster zugeschntttenen Uniform auf der Schwelle.

I Er grüßte höflich und der Consul zögerte nicht, ihn in

IX.

~ ®on Herbert Elmsley« japanischen Dienern hatte Thomas Ellis eingeladen, den Consul um zwölf Uhr Mittaas zum Zweck einer nothwendigen Besprechung zu besuchen.

Ohne sich von dem Ruhebett zu erheben, auf dem er rauchend und lesend lag, hatte ihm der Engländer geantwortet, daß er nicht ermangeln werde, pünktlich zu erscheinen und daß er sich dem Herrn Consul angelegentlichst empfehlen

. Schlag zwölf Uhr war er denn auch heiteren Antlitzes und in tadellosem Gesellschaftsanzuge auf dem Consulat er­schienen, unverkennbar ein wenig überrascht, als er nicht, wie sonst, in den Empfangssalon, sondern in das Arbeitszimmer seines Freundes Elmsley geführt wurde.

r , Aber der Empfang, der ihm zu Theil wurde, mußte ihn gleich überzeugen, daß dieser Umstand nicht etwa auf einen Wechsel in der freundschaftlichen Gesinnung des Hausherrn zurückzuführen fei. Der Consul war niemals verbindlicher und liebenswürdiger gewesen, als gerade heute. Es war ihm selber ganz unverkennbar recht fatal, nach dem Austausch einiger artigen Redensarten der Unterhaltung einen gewissen osficiellen und feierlichen Character geben zu müssen.

Sie waren mit dem unglücklichen Georg Stralendorf näher bekannt, Herr Ellis?"

Gewiß! Ich rechne ihn unter meine persönlichen Freunde. Warum aber nennen Sie ihn unglücklich?"

Es war unmöglich, sich einen unbefangenem und harm­loseren Ton vorzustellen als den, in welchem er diese Frage ausgesprochen hatte und er wurde dem Consul nicht ganz leicht, seine Ueberraschung zu verbergen.

w^e Ihnen noch gar nicht bekannt, von welchem Schicksal der arme junge Mann betroffen worden ist?"

Ich habe keine Ahnung. Aber Sie erschrecken mich. Es ist ihm doch nicht etwa auf seinem Ausflüge ein Unfall zugestoßen?"

ich Sie darum bitten, Herr Consul, mir auch die Einzelheiten des unseligen Vorfall« zu erzählen?"

Und Herbert Elmsley leistete diesem Verlangen bereit­willig Folge, so weit er auf Grund der Zeugenaussagen d -zu im Stande war. Aufgeregt lief Ellis während seiner Dar­stellung im Zimmer umher, ihn wiederholt durch allerlei Aus­rufungen des Bedauerns und der Entrüstung unterbrechend.

Die Geschichte ist mir völlig unbegreiflich!" sagte er, als der Consul geendet,ja, wenn der Mörder noch ein Ja­paner gewesen wäre, einer von den fremdenhassenden Fana­tikern, die hier noch immer nicht ausgestorben sein sollen! Aber ein ChineseIst Mr. Bradbury wirklich ganz flcher, sich nicht getäuscht zu haben?"

Er hat unter seinem Eide bekundet, daß er die chinesische Kleidung und den schwarzen Zopf des Mannes deutlich ge­sehen habe."

oiete Str, Mals ein ähnliches Wort auszusprechen. Ich und meine Familie - wir haben nicht» mit diesem Thomas Ell-s zu schaffen. Du hast ihn mir in's Haus geschleppt und Du magst auch die Verantwortung dafür auf Dich nehmen. Ich Nichte fe"15 baran Obacht, ihm die Hand meiner

Thomas Ellis sprang auf. Nichts als tieft Bestürzung i aller Form mit Thomas Ellis bekannt zu machen. Erklärend war auf seinem Gesicht zu lesen. I fügte er hinzu, daß ihm der Besuch der Beamten, der sich

.S möglich? Der wackere, liebenswürdige Mensch, ; von ihm einige Informationen zu holen wünsche, bereits vor- ber sicherlich nie e nem Anderen ein Leid zugesügt hat. O, i hin angemeldet worden sei und daß Elli« vielleicht die günstige wre ich ihn beklage! - Und davon wußte ich nichts! Aber 1 Gelege- heit benützen werde, um dem Herr» seine per'önliche freilich, ich bin seit gestern Mittag nicht au« dem Zimmer - Meinung über den Fall Stralendorf mllzutheilen gewesen und habe außer meinem Kotzkoi (japanischer Kammer- I Man setzte sich um den kleinen Tuch inmitten des Rim« ,diener) kein menschliches Wesen zu Gesicht bekommen. Darf . mers und der überaus artige Japaner, der ein vorrüalickes