Ausgabe 
19.11.1895
 
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bhtben kann. Seltsamer Weise war es gerade die einzige gute Handlung seines Lebens, die ihm zur Verrätherin wurde. t Denn in dem Augenblick, wo mir die Gewißheit kam, daß i er von Haus aus ein Arzt sein müsse, wußte ich auch, wer er war. Vor sieben Jahren war ich ihm ein paar mal in Philadelphia begegnet, um bald nach meinem letzten Zusammen­treffen mit ihm zu erfahren, daß der vielbewunderte Doctor Dugald Frazer, der verwegene Reiter, der flotte Tänzer, der geschickte Arzt, ein vierfacher Mörder sei."

»Dugald Frazer?" fiel ihm der Consul mit unverhohlenem Entsetzen in die Rede.Ich erinnere mich des Falles sehr gut, denn alle Zeitungen der Welt waren ja damals davon erfüllt. Aber es ist doch undenkbar, daß Thoma- Ellis und dieser fluchwürdige Verbrecher

Sie sind eine und dieselbe Person, darüber giebt es für mich längst keinen Zweifel mehr. In Bezug auf Physiog- nomieen ist mein Gedächtniß untrüglich. Ueberdies habe ich den Menschen, soweit es mir eben möglich war, seit jenem Tage unausgesetzt beobachtet und ich habe hundert Wahr­nehmungen gemacht, die meinen Argwohn zur unumstößlichen Gewißheit steigern mußten."

Und Sie wandten sich trotzdem weder an die japanische Polizei, noch an mich ober an den Consul der Vereinigten Staaten?"

Ich war anfänglich nahe daran, etwas Derartiges zu thun, aber ich bin vielleicht zu sehr Amerikaner, Herr Elms- legi Es ist meine Art, jede Sache lange und reiflich zu über­legen, zumal wenn es sich dabei um einen Eingriff in die persönliche Freiheit eines Andern handeln soll. So lange ich noch bei mir selber die Möglichkeit eines Jrrthums und wäre es auch nur eine sehr schwache Möglichkeit gewesen zugeben mußte, so lange war meiner Ansicht nach der Zeit­punkt zu entscheidendem Handeln noch nicht gekommen. Und ich konnte damals nicht ahnen, welches Unheil durch mein Zaudern heraufbeschworen werden würde- Eine Flucht der Verdächtigen war kaum zu besorgen. Er hatte mich offenbar nicht wieder erkannt, hatte unsere dereinstige flüchtige Begeg­nung vollständig vergessen und war weit davon entfernt, eine Gefahr zu vermuthen. So blieb mir, wie ich meinte, Zeit genug, mir volle Gewißheit zu verschaffen. Ich setzte mich mit einem meiner Freunde, einem amerikanischen Juristen, in Verbindung und ersuchte ihn, mir so schnell als möglich Alles zu übersenden, was sich an Material über den Fall Frazer jetzt noch beschaffen lassen würde. Mit dem nächsten Dampfer du sie ich das Eintreffen seiner Antwort, jedenfalls auch die Ankunft eines Porträts und einer genauen Personalbeschrei­bung des Mörders erwarten. Bis dahin aber wollte ich ihn nicht aus den Augen lassen und die Aufmerksamkeit, mit der ich gleich einem Deiectio auch auf dem Clu^feste sein Thun und Lassen beobachtete, führte mich zu der Entdeckung seine- ersten Anschlags auf meinen jungen Hausgenossen."

Herbert Elmsley erhob sich und faßte den Amerikaner scharf in's Auge.

Sie werden mir dies Alles, was Sie mir soeben gesagt haben, unter Ihrem Eide wiederholen?"

Auf der Stelle, wenn Sie es wünschen."

Und Sie übernehmen die moralische Verantwortung für Alles, was auf Ihre Aussage hin gegen Herrn Thomas Ellis verfügt werden könnte?'

Ich würde mit Vergnügen die moralische Verantwortung dafür übernehmen, wenn man ihn ohne Weiteres aufknüpfte."

Run, eine so rasche Justiz dürften die japanischen Be­hörden allerdings nicht üben basür aber, daß sie nicht zu langsam handeln, werde ich schon zu sorgen wissen- Darf ich Sie bitten, Herr Norton, sich in einer Stunde wieder hier einzufinden selbst auf die Gefahr hin, daß Sie genöthigt sein könnten, ein wenig zu warten?"

Soweit es sich um die Ueberführung dieses Verbrechers handelt, Herr Consul, bin ich mit meiner Person ganz zu Ihren Diensten."

Sehr wohl! Alles Weitere später! Wenn Ihre Vermuthungen zutreffen, haben Sie nicht nur der Justiz, son-

dern auch mir persönlich einen großen Dienst geleistet, mein Herr! Ich werde nicht unterlassen, Ihren Antheil an dieser Sache der Oeffentlichkeit gegenüber nach Gebühr hervorzu­heben."

Abraham Norton schüttelte ablehnend den Kopf.

Es ist mir durchaus nicht um irgend welche Anerken­nung meiner Verdienste zu thun. Ich werde mehr als hin- reichend belohnt fein, wenn es mir gelungen ist, meinen un­glücklichen jungen Kameraden an feinem Mörder zu rächen."

Er verabschiedete sich und der Consul fing an, mit langen Schritten im Zimmer auf und nieder zu gehen, wie immer, wenn es in seiner amtlichen Thätigkeit irgend ein besonder- schwieriges Problem zu lösen galt.

Noch war er augenscheinlich nicht ganz mit sich selber in'- Reine gekommen, als die Schiebethür heftig geöffnet | wurde und als sich zu seiner grenzenlosen Ueberraschung seine Schwester laut schluchzend in seine Arme warf.

Was um des Himmels willen," tief er bestürzt,soll denn nun das wieder bedeuten?"

Sei barmherzig, Bruder," jammerte Frau Donaldson. Stoße das unglückliche Kind nicht von Dir, weil es in seiner Verblendung nicht weiß, was es thut! Ach, ich würde es ja selbst zu feiner Pflicht zurückgerufen haben aber ich kann mich nicht an diesen schrecklichen Ort begeben meine armen Nerven würden es nicht ertragen."

Wenn Du nur vor Allem die Freundlichkeit haben wolltest, mir zu sagen, um was es sich handelt! Ist es Maud, von der Du da redest?"

»Ja, ja, Herbert steift es! Gott, ich weiß kaum, wie ich es Dir erzählen soll, ohne Dich allzu zornig auf sie zu machen. Als ich sie fortschickte, mir das Riechsalz zu holen Du weißt, ich hatte einen Nervenanfall infolge"

Mach' es, bitte, kurz," drängte er.Ich hab' jetzt nicht Zeit, mich lange mit Frauenzimmergeschichten aufzu­halten."

Nun, ganz kurz also - sie ist nicht wieder gekommen."

Nicht wieder gekommen? Was soll das heißen?"

So wie sie ging und stand, ist sie fortgelaufen. Und weißt Du, wohin? Nach dem englischen Hospital! Vor zehn Minuten erhielt ich diesen Zettel von ihrer Hand."

Mit zitternden Fingern überreichte sie ihrem Bruder das Papier, auf dem mit Bleistift ein paar flüchtige Zeilen hin- geworfen waren.

Herbert Elmsley las:Geliebte Mutter! Vergib mir, wenn ich Dir einen Kummer bereiten muß; aber ich kann nicht anders handeln. Man hat mir gesagt, daß Georg Stralendorf nach menschlicher Voraussicht sterben müsse und ich werde nicht von seinem Lager weichen, bis Alles vorüber ist, denn ich liebe ihn nur ihn! Und ich bin so namen­los unglücklich, daß ich so wenig mehr nach der guten ober schlechten Meinung der Leute frage, als nach irgend eines Menschen Zorn. Versucht nicht, mich von hier zu entfernen, nachdem Doctor Morris mir gestattet hat, zu bleiben. Ihr würdet mich mit Gewalt fortschleppen müssen, und Ihr würdet mich unfehlbar tödten."

Nicht einmal ihren Namen hatte sie hinzugesügt, aber er war, als ob aus jeder dieser zitternden, kraftlosen Linien die unsägliche Verzweiflung spräche, die ihr die Hand geführt hatte. Herbert Elmsley starrte eine ganze Weile schweigend auf da-Blatt; dann, als seine Schwester eben einen fürchter­lichen Zornesausbrauch erwartete, faltete er es langsam zu­sammen und sagte mit einer Weichheit, die bei ihm zu den ungewöhnlichsten Dingen gehörte:Wenn sie ihn wirklich so sehr liebt, dürfen wir sie wohl nicht hindern, bei ihm zu bleiben. Man braucht nicht mehr allzu ängstlich zu sein, wenn es sich um einen Sterbenden handelt."

Frau Donaldson wagte kaum, ihren Ohren zu trauen.

Aber mein Gott, Herbert, ihr Verhältniß zu Thomas Ellis sie ist doch beinahe seine Braut."

Da erst fuhr er heftig aus und maß die Erschrockene mit einem streng verweisenden, unmuthigen Blick.

Wer sagt das? Wer darf das sagen? Ich ver-