Ausgabe 
19.10.1895
 
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nung gesagt. Jetzt erst sah Elisabeth ein, wie wahr die Mutter gesprochen und wie thöricht die Tochter gewesen, zu wenig auf die Warnung der Mutter gehört zu haben.

Eines Tages forderte Graf Bretow Elisabeth auf, mit ihm eine Partie Schach zu spielen, als man zu später Vor­mittagsstunde aus dem sonnendurchhitzten Freien nach den kühlen, blumengeschmückten Räumen im Erdgeschoß flüchtete. Elisabeth spielte mit Glück trotz de» geübten Gegners. Wenig Züge hatte sie noch zu thun und sie hoffte ihm dasMatt" zurufen zu können. Vertieft in das Schachspiel, war es Beiden entgangen, daß die Prinzessin halb verdeckt durch die Portieren ihnen zusah. Urplötzlich trat sie schnell heran, stieß anscheinend aus Versehen an das Schachbrett, daß die Figuren durcheinander rollten und der Sieg unentschieden blieb.

Schade," rief Elisabeth bedauernd aus,ich war ent­schieden im Vortheil."

Desto beffer für Sie!" entgegnete die Prinzessin mit seltsamem Lächeln.Unglück im Spiel bringt Glück in der Liebe."

Sollten diese Worte scherzend klingen? Aber wie bitterer Spott und Hohn, so scharf ertönten sie aus dem Munde der Prinzessin und ihre dunklen Augen sprühten zornig. Elisabeth senkte die ihrigen erschrocken zu Boden- Es entging ihr aber, daß der Graf wie abwehrend der Prinzessin zuwinkte.

Als man sich bei Tafel wieder zusammenfand, schien die Laune der Herrin wieder rosig. Sie neckte ihre junge Be­gleiterin, daß man ihr noch immer den Schreck ansähe und zeigte sich von der liebenswürdigsten Seite.

Derartige Austritte wiederholten sich nur zu oft. Die ruhigen Stunden erschienen nur wie die Stille vor dem Sturm. Es gab Zeiten, in denen Elisabeth sich geradezu fürchtete und, wenn auch Niemand ee ahnen durfte, Sehnsucht nach der Heimath fühlte.

Die heißen, glänzenden Sonnenstrahlen Italien» thaten jetzt ihren Augen weh und der stets klare, blaue Himmel er­schien ihr so eintönig.

Ihres Bruders Braut schrieb ihr eines Tages:Du genießt für uns den Frühling, liebe Elisabeth, denn wir haben recht schlechtes Aprilwetter, der Himmel ist trüb und grau, der Regen schlägt an die Scheiben, aber wir freuen un« des warmen Ofens und des klaren Sonnenscheins im Herzen. Deines Bruders Liebe beglückt mich; so wird es immerdar sein, auch wenn Gott uns trübe Tage schicken sollte. Möge auch Dir ein so treuer Halt und Führer beschieden sein als mir."

Er war Elisabeth beschieden gewesen, allein im frevelnden Uebermuth hatte ste ihn von sich gewiesen, nun fühlte sie, daß sie ihn nie werde vergeffen können, daß sie die Schuld trug, wenn sie einer einsamen, unbefriedigten Zukunft entgegenging; ihr graute davor.

Eins beängstigte Elisabeth besonder», nämlich eine seltsame Beobachtung, die sie in der Nacht gemacht. Oft, wenn sie de» Abends, nachdem Alle die Ruhe gesucht, den Schlaf allein nicht zu finden vermochte, wie sie meinte, flüchtete sie hinaus auf den Balkon, damit die köstliche Abendluft, die tiefe Stille in der Natur, nur durch der Wogen leises Rauschen unter­brochen, ihre» Herzens ungestümes Klopfen beruhige; da tönte fett einiger Zett oft da» Flüstern mehrerer Stimmen an ihr Ohr; sie sah Niemand und vermochte nicht zu unterscheiden, woher die Stimmen kamen, ob man unter dem Balkon stand, ob verborgen durch das nahe Gebüsch. Erst fürchtete sie einen räuberischen Ueberfall in der Villa, überzeugte sich aber schnell, daß daran keine Möglichkeit vorlag; ebensowenig konnte sie an ein Stelldichein denken; die Dienerschaft bestand nur aus älteren Leuten, welche sich freute», wenn sie die Ruhe suchen durften, oft recht spät erst.

Eines Tages hatte man wieder viel von der ungleichen Stimmung der Prinzessin zu leiden. Des Abends klagte ste über Kopfschmerz und zog sich zeitig zurück.

Auch Elisabeth suchte ihr Zimmer auf, sie sehnte sich zu ruhen, aber wieder floh sie der Schlaf. Sie erhob sich nach langem, vergeblichem Bemühen, den Schlummer zu finden, und

lehnte sich in einen bequemen Sessel auf dem Balkon. Bei dem leisen Rauschen der Blätter, dem eintönigen Plätschern des Springbrunnens schlossen fich endlich ihre müden Augen. Plötzlich fuhr fie auf, es mochte schon spät sein; wieder ver­nahm sie das Flüstern im Garten. Nach und nach ging es in lauteres, heftiges Sprechen über, man nahm wohl an, daß alle Bewohner der Villa längst der Ruhe pflegten. Elisabeths Herz klopfte laut vor Entsetzen, was ste längst geahnt, sich aber selbst sbleugnen wollte, nun war es zur Gewißheit ge­worden, sie preßte fest die Lippen zusammen, damit sie nicht vor Schreck einen Schrei ausstieß.

Es war der Prinz und die Prinzessin, welche sich gegen­seitig das Unglück und die Trostlosigkeit ihrer Ehe vorwarfen. Am Tage wagte das hochgestellte Paar nicht von dem Unheil seiner Ehe zu sprechen. Deshalb wählten sie die Nacht. Dabei klagte der Prinz seine Gemahlin noch an, daß sie flatterhaft in ihrer Gunst sei.

Die Unterredung ward unterbrochen durch Klopfen an der EingangSthür und durch lautes Rufen. Die hohen Herr­schaften verschwanden schnell im Innern des Hauses.

Elisabeth wankte mit zitternden Füßen in ihr Zimmer zurück. Sie sah jetzt nur zu klar; ein bitteres Gefühl der Verlassenheit ergriff sie, heiße Sehnsucht, in der Mutter Arme sich auszuweinen, ihre Verzeihung zu erbitten. Im trotzigen Hochmuth hatte sie fich aber der theuren Mutter treuen Rath- schlägen widersetzt. Jetzt war sie gestraft, nur zu sehr. Eine glänzende Zukunft, zauberhaftes Glück, wie es Niemand sonst beschieden, davon träumend ging sie nach dem fernen Süden. Wenige Wochen noch und fie kehrte arm an allen Zukunfts- Hoffnungen heim; und doch ersehnte sie den Tag der Rückkehr.

Mehrmaliges Klopfen an der Thür schreckte sie auf; allein fie blieb unbeweglich, mochte man denken, ste schlafe längst; fie hörte Jemand fortgehen, es ward still in und außer dem Hause. Schon schlug die Mitternachtsstunde, als Elisabeth fich zur Ruhe begab. Wenige Stunden nur noch blieben ihr; am frühen Morgen, um die Kühle zu genießen, war mit einigen Familien ein Ausflug verabredet. Nach langem Wachen fand sie endlich den Schlaf, aber bange Träume quälten sie; sie athmete erleichtert auf, als sie von einem Geräusch er­wachte. Es klang wie das schnelle Rollen mehrerer Wagen. Hatte man vergeffen, sie zu wecken? Fuhren die Equipagen bereits vor? Die Unpünktlichkeit würde ihr viel Vorwürfe zuziehen.

Schnell erhob fie fich und klingelte ihrer Jungfer. Ehe sie eine Frage thun konnte, meldete diese:Frau Baronin Felbern lassen dar gnädige Fräulein bitten, sich sobald als möglich zu ihr zu bemühen."

Elisabeth fragte nicht, in Eile kleidete sie sich an und stand bald vor der Oberhofmeisterin.

Ich habe Ihnen leider keine erfreuliche Nachricht zu überbringen," sagte diese, der sichtlich Erschrockenen thetl- nehmend die Hand reichend.Ein Telegramm brachte gestern in den späten Abendstunden die Nachricht, daß Ihr Herr Vater erkrankt sei; Gott sei Dank, er befindet sich auf dem Wege der Besserung, allein die Ihrigen wünschen dringend Ihre Heimkehr. Ihre Hoheit ertheilt Ihnen durch mich sofort Urlaub, fie selbst hat sich mit den Andern auf den geplanten Ausflug begeben. Sie wünscht Ihrem Herrn Vater baldige Genesung."

Als Elisabeth, keine« Wörter mächtig, in heftiges Weinen ausbrach, fuhr die würdige Frau fort:Fassen Sie Muth, liebes Kind, Gott wird helfen. Und wird Ihnen das Scheiden schwer von hier, so seien Sie überzeugt, es dient zu Ihrem Frieden. Wohl weiß ich, daß Sie mir mißtrauen, die Jugend fällt schnell ihr Urtheil, aber glauben Sie, mein Mann und ich, wir würden weit lieber in dem stillen Frieden der eigenen Heimath nach unserer Neigung leben, al« hier; da» Vertrauen der hohen Fürstensamilie hat uns auf einen schwierigen Posten gestellt, auf heißen Boden, wir müssen ausharren."

Vergeben Sie mir," bat Elisabeth, fich über die Hand der Frau von Feldern beugend.So schmerzlich die Ursache meiner schnellen Rückkehr ist, so erleichtert athme ich auf, daß