Ausgabe 
19.9.1895
 
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Einem Forstmanns!

Was ist des Waidmanns Dach? Es ist des Himmels Wölbung blau. Es ist, wo zieht die Lerche grau; Es ist, wo glüht der Sonnenstrahl, Wo flimmern die Sternlein allzumal: Dort ist des Waidmanns Dach.

Wo ist des Waidmanns Sold? Es glänzt im Sonnenstrahle hold Und in der Abendröthe Gold; Sein Silber liegt im bleichen Mond, Wo still des Mondes Männlein wohnt: Das ist des Waidmanns Sold.

Was ist des Waidmanns Brod?

Er leidet nimmer Roth;

Es ist ein Häslein tobt;

Es ist der Rücken eines Reh, Es ist ein Fischlein aus tiefem See: Das ist des Waidmanns Brod.

Was ist des Waidmanns Trinkpokal?

Es schöpft die hohle Hand Aus des Baches Silberband, Aus des Felsens reichem Quell, Wo tönt Vogelsang so hell: Dort ist sein Trinkpokal.

Wo steht des Waidmanns Bett? Es ist das weiche Moos Tief in der Wälder Schooß;

Der liebe Gott selbst macht dies Bett, Er, der die Blümlein kleidet nett: Das ist des Waidmanns Bett.

Was ist des Waidmanns Musik? Jni Wald ertönt des Hornes Klang, Im tiefen Thal am Bergabhang, Und dazu singet klar und fein Im grünen Laub das Vögelein: Das ist des Waidmanns Musik

Was ist des Waidmanns Edelstein?

Es ist die werthe Familie sein, So seelengut, so sittenrein! Die Angen strahlen wie Sternenlicht, Der Vater droben vergißt sie nicht: Das ist sein Edelstein.

Der alte Förster schüttelte bedenklich den Kopf und der Gendarm klopfte ihm lachend auf die Schulter.

Sehen Sie, Vater," sagte er,jetzt Haden Sie'- doch gehört, was der Forstmann für ein glücklicher Mensch ist und wie beschaulich sein Dasein ist. Ich habe ganz deutlich Hasenbraten, Rehrücken und Fifche verstanden!"

Nun, so ganz schlecht ist es ja auch manchmal nicht und besonders im Sommer, wenn wir mit den Culturen durch sind, dann ist das Leben auch erträglich, abgesehen von den Scherereien der Landwirthschaft; aber im Herbst und im Winter, wenn man oft keinen Hund aus dem Hause jagt und jeder Mensch den Ofen drückt, dann geht der vielbesungene Forstmann hinaus in seinen Holzschlag, der vielleicht zwei Mei en entfernt ist. Dort trampelt er den ganzen aus­geschlagenen Tag im Schmutz und Schnee umher und wenn er spät cm Abend nach Hause kommt, dann holt er sich sein Mittagbrod aus der Röhre. Ach ja, das ist schön, aber davon hat die Auguste vom Schulzen Bellermann und Belows Bertha nichts declamirt. Ja, mein Sohn, in der Dichtung da steht der .Forstmann obenan, aber in der Wirklichkeit, schrumm, da ist e» anders Ra, stoßen wir noch einmal an und lassen den Jungen leben!"

Nun stellten sich der Lehrer Hoffmann mit zwei Knaben, die zu einem entfernten Dorfe gehörten, vor den Tisch des Oberförsters auf. Sie machten eine Verbeugung und sprachen mit so lauter Stimme, daß es Allen verständlich war und Jeder hören konnte:

Hoch klingt das Lied vom braven Mann Wie Orgelton und Glockenklang."

Der Oberförster sah zum Baumeister hinüber, aber diesem waren beide Knaben alte Bekannte. Er nickte dem Ober­förster zu und dieser wußte in dessen Mienen zu lesen. Seit­

lich von dem Tische standen an eine starke Tanne gelehnt der Bühnenmeister und der Bahnwärter von Bude 114.

Als die Knaben ihren Vortrag beendet, ging der Ober­förster zu ihnen, reichte Jedem die Hand und dankte für die merksamkeit-Wenn Ihr Ferien habt," sagte er,dann kommt einmal nach Lindenheim, und wenn Ihr angeln oder krebsen wollt, so werdet Ihr Alle« bei mir finden." Nun mußten sie an des Oberförsters Tisch kommen und Heyd dankte nochmals, Jedem herzlich die Hand drückend; dann stellte er sie den Anderen vor und in Herthas Auge glänzte eine Thräne.

Während nun die Musik spielte, kamen die Kinder alle zusammen, die jetzt mit Kaffee und Kuchen bewirthet wurden. Dann wurde wieder gesungen und gespielt und dabei Prämien und Geschenke ausgetheilt. Des Grenzauffehers Walter Aeltester, der den Reichsapfel vom Adler heruntergeworfen, bekam eine so schöne Schulmappe, wie sie im Dorfe nur noch des Bauern Transki« Wilhelm besaß.

Der Ingenieur ging mit Fräulein von Wildenau tiefer in den Wald, denn Hellmuth, der wieder bei bestem Humor war, hatte heute der wilden Trude viel zu erzählen-

Der Oberförster begab sich zu seinen Leuten und sprach auch sehr freundlich des Längeren mit dem Gendarm und vielen Anwesenden.

Hertha und der Baumeister mischten sich in den Trubel und hatten ihre Freude daran. Ein kleiner Knabe führte sein noch kleineres Schwesterchen an der Hand. Mit wahrer Seligkeit betrachteten sie ihren Kuchen, von dem sie nur wenig abgebiffen, damit dieser Genuß doch recht lange bliebe. Mit ihren großen Augen sahen sie so glücklich, so treuherzig und zuversichtlich in die Welt, wie die Küchlein unter den Flügeln der Glucke. Der Kleine hatte keine Mütze, ein Luxus, den sein Haupt wohl noch nie geziert hatte. Sein Schwesterchen trug ein reine», aber ausgebleichte« Kattunkleidchen, das wohl in einer besser situirten Bauernfamilie die Stufenleiter gemacht hatte. In den Haaren trug sie einen Kranz von Gänse­blümchen; beide Kinder gingen barfuß und wenn sie heute so erschienen, so kann man wohl mit Bestimmtheit annehmen, daß ihren Füßen Strümpfe oder Schuhe gänzlich unbekannt sind. Hertha that dieser Anblick in der Seele weh. Sie gab den Kindern Bonbon und Chocolade und ließ sich von der einen Lehrersfrau den Namen der Kleinen sagen. Aber auch der Baumeister fühlte das Bedürfniß, zu helfen und war innerlich erfreut, daß Hertha ganz in seinem Sinne gehandelt.

In bester Harmonie verliefen nun die Stunden. Ueberall Lust und Freude und überall hörte man sagen: Solch' ein schöne» Waldfest haben wir noch nie gehabt. Auch der Himmel felbst schien sein Theil dazu beitragen zu wollen. Kein Wölk­chen stand am blauen Himmelsdome, kein Lüftchen rührte sich. Von dem hei überhängenden Zweig einer Tanne sah ein Eich­kätzchen dem fröhlichen Treiben zu, er mußte sich wohl s hr wundern über das lustige Treiben in seinem Revier. Hoch in den Lüften umkreiste der große Bussard im langsamen Fluge den Thalkeflel, auch ihm schien es heute gar sonderbar in dem sonst so stillen Tannenforst.

Gertruds Helles Lachen erfreute den Ingenieur, welcher lustige Ränke und Schwänke aus seiner Jugendzeit erzählte und die tollsten Dinge zu Tage förderte- Sie wanderten unter den finsteren Tannen bis zum nächsten Gestell, wo der Laubwald beginnt. Hellmuth sah suchend nach den Wipfeln der Bäume.

Aber, Herr Ingenieur, was haben Sie denn eigentlich? Sie suchen ja so emsig herum, als hätten Sie dort oben etwa« verloren!" sagte Gertrud belustigt-

Ich suche auch wirklich etwas, Fräulein von Wildenau, nämlich die Eiche, von der ich kürzlich geträumt," erwiderte Hellmuth, ruhig weiter suchend.

Gertruds helles Lachen klang noch lauter denn zuvor. Also auch Sie, Herr Ingenieur, glauben an Träume, die doch nur Schäume sind!"

Lachen Sie nur!" entgegnete Hellmuth scherzend und drohte mit dem rechten Zeigefinger. -Sie, Fräulein von Wil-