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nete der Alte, sprang auf, und Holz und Rechen flogen in die Ecke.
Mill wohl heute nicht nach Wunsch gehen, Herr Förster? Sie räsonnirten doch so!"
„Ach, das ist Kleinigkeit, aber denken Sie sich nur, Herr Baumeister, mein Knecht, dieser verflucht--ist meine Alte
auch nicht in der Nähe?" sagte der Förster und blickte schnell um sich. „Wissen Sie, seit zwanzig Jahren schon verspreche ich meiner Frau, nicht mehr zu fluchen; denn sie meint, es wäre an der Zeit, sich ein bischen für die himmlrsche Reise vorzubereiten; na und so ganz Unrecht hat sie ja auch schließlich nicht, denn in unseren Jahren kann in jeder Minute angespannt werden. — Ja, aber denken Sie sich nur, mein Knecht, dieser verfluchte Bengel, vergißt mir gestern den Schimmel anzubinden und dieser tappt im Dustern nach dem Futtergang, wo ein Sack mit Erbsen steht. Natürlich hat er sich die Setten vollgelegt und heute Morgen — ich denke, ich sehe nicht recht — guten Abend, Herr Teich ert, da liegt mein Schimmel, alle Viere von sich streckend, und bewegt sich schon in anderen Gefilden. Nein, wisien Sie, Herr Sau* meister — der Aerger mit den Leuten — na, davon haben Sie gar keinen Begriff. Als dann gleich darauf mein Schwiegersohn kam und uns die Ankunft seines elften Prinzen meldete, da war es mir gar keine rechte Freude mehr. Nein und was für ein Pferd! Ich kaufte es so billig drüben von der französisch-polnischen Gräfin und dachte mein Heu damit herauszuschlagen und nun — Adieu Marinka."
Der Baumeister tröstete den Alten, so gut es eben ging.
„Sagen Sie doch einmal, mein lieber Herr Förster, wie haben Sie denn nur des Barons von Walten Schulden in Erfahrung bringen können?"
„Ja, sehen Sie, Herr Baumeister, das war gar nicht so schlimm. Sein Bursche nämlich, der ist ein verflucht heller Junge; er ist der jüngste Bruder meines Schwiegersohnes und diese kleine Kröte hat es sauber ausgekundschaftet. — Na und da drüben, da ist es auch man solche Sache, das ist ja der
reine Roman. . t ir.
Diese Gräfin von Koronatzka, die das Deutsche nicht riechen kann, ist nämlich ausgekoddert, ich wollte sagen, ist alle geworden. Ihre einzige Tochter, ein bildhübsches Mädel, — dunkel, wie Milch und Blut und Feuer und Flamme - eine echte Polin — verliebte sich in den Neffen unsere« Amtsvorstehers und dieser Neffe wiederum in sie. Der junge Mann ist nämlich Arzt und besuchte alle Jahre seinen Onkels in Polen, den Gutsbesitzer Ribold, Bruder des Schneidemüllers auf Heideflteß. Na - lange Zeit ging ja auch die Geschichte, bi» die gute Gräfin dahinter kam; dann gab es eine fürchterliche Scene und drei Monate später war die Fräulein Tochter eine französische Gräfin und so reich - so reich — wissen Sie, war das eine Hochzeit! Stimmt aber nicht! — Vor vierzehn Tagen etwa rührte den reichen Grasen der Schlag, da ganz im Süden, in der Nähe von Monte Carlo, und gleichzeitig ist auch die gute Gräfin Schwiegermama pleite! Verstehen Sie da«, Herr Baumeister? Schrumm," sagte der Alte und kniff das linke Auge halb zu.
„Nun — das bekannte Ende vom alten Lrede/ erwiderte Hepd. „Doch nun lasien Sie uns nach dem Garten gehen; ich habe nämlich meinen Freund mitgebracht und ich dachte, wir gingen dann zusammen zum Feste."
„Jawohl, Herr Baumeister; aber da hätten wir doch längst zu Ihrem Freunde gehen müssen," sagte der Alte und eilte vorwärts. „
„Nun, darum grämen Sie sich nur nicht, Herr Förster, der hilft Ihrem Schwiegersohn Kirschen pflücken."
„So?" entgegnete der Alte. „Nun, der kommt za auch gleich mit."
„Der Herr Gendarm feiert ja heute auch wohl Kinderfest," sagte Heyd lächelnd.
„Ja, wissen Sie, Herr Baumeister, als der Segen anfing, da war er uns eine große Freude, doch als dieser," — und er zeigte auf den ruhig auf einem Beine in seinem Neste stehenden berühmten Vogel, — „alle Jahre mit größter Regel-
Mäßigkeit wiederkehrte, da wurde die Freude immer kleiner, — na, der Mensch gewöhnt sich doch sehr bald an etwas."
Inzwischen hatten sich schon die Kinder in ihrem besten Staat vor dem Schulhause versammelt, wohl hundertfünfzig an der Zahl. Die Knaben trugen Laubgewinde von der linken Schulter bi« zur rechten Hüfte und die Mädchen Kränze im Haar von Blumen, womit gerade die Natur Gärten und Wiesen schmückte. c L
Patriotische Lieder singend, setzte sich um drer Uhr der Zug in Bewegung. Voran schritt eine Abtheilung Knaben mit der neuen Fahne in den deutschen Farben, dann folgten die Mädchen mit Hellen, frisch geplätteten Kleidern und den Schluß bildeten wieder Knabe» mit der schwarz-weißen Fahne. Die Lehrer und ihre Frauen führten den Zug und hinterher folgte das halbe Dorf in fröhlichster Stimmung- Als die muntere Schaar im Walde an bewußter Stelle angelangt war, ließen sich die Kinder im Halbkreise auf den grünen Rasen nieder. Rings um den Thalkessel waren Tische und Bänke aus rohen Brettern für die Erwachsenen hergestellt. Der Gastwirth aus dem Dorfe hatte sich auch eingefunden. An eine n breiten Wachholderstrauch hatte er ein Büffet improvi- sirt, das mit Bier, Cigarren u. f. w. reichlich ausgestattet war.
Zu den ersten Gästen gehörten Frau Rendant und Frau Controlleur au« der Stadt, die ja niemals fehlten, wo etwas los war. Dann kamen zwei Leiterwagen mit je Vieren lang, die Leute des Herrn von Sielow aus Beerenbruch, vorauf die beiden Jnfpectoren zu Pferde.
„Ach, ach, sehen Sie doch nur, wie großartig, Frau Rendant," sagte Frau Controlleur, vergnügt hin und her rückend. Nun folgten bald von allen Seiten Leute zu Wagen, zu Pferde und die Meisten zu Fuß.
„Ach, da kommt ja auch der Förster Knurrbaß mit dem Gendarm und was sind da« wohl für Herren, die bei ihnen sind?" fragte Frau Controlleur halblaut und setzte ihr Pin- cenez fester auf die Nase. , r
Frau Controlleur fuhr nach einer Pause fort: „Die habe ich ja noch nie gesehen! — Doch, doch, der Eine scheint der hübsche Herr Baumeister von der Bahn zu sein, der andere steht einem Doctor ober Offizier sehr ähnlich."
„Aber sehen Sie doch einmal da hinüber, Frau Rendant, ist das nicht die Frau Spanholz? Bei Gott, ste ist es. Da haben Sie es doch, vorgestern Ausverkauf gewesen und heute mit Seidenkleid und theurem Federhut zum Waldfest I Sehen Sie, sehen Sie, Frau Rendant! Ich sagte Ihnen doch gleich, es geht nicht mit rechten Dingen zu- Aber der Herr Sohn muß in Thorn das Gymnasium besuchen, er soll zur Steuer und Controlleur werden! Wie finden Sie das, Frau Rendant, ha. ha, ha>" „ v 4 ,
„Sehen Sie doch, Frau Controlleur, da kommt ja auch der Herr Oberförster mit zwei Damen. Sehen Sie nur, wie freundlich der alte Herr nach allen Seiten dankt. Und wie schön heute die Rose von Lindenheim aussteht, die andere Dame ist das reiche Fräulein von Wtldenau! Wie elegant und vornehm, jetzt begrüßen sie ja auch die beiden Herren; man steht es doch gleich den Leuten an."
Nun stellten sich die Kinder auf und sangen: „Deutschland, Deutschland, über Alles." Beim zweiten Vers fiel plötzlich die Musik ein, die versteckt und nur von Einigen gesehen, Aufstellung genommen hatte Freudige Ueberraschung malte sich auf allen Gesichtern- Als dann das Lied zu Ende war, ging der Lehrer Hoffmann zum Dirigenten und sagte ihm, daß sie zwar Alle freudig überrascht wären, daß aber das wenigs Geld wohl nicht ausreichen würde.
„Lassen Sie das nur, Herr Lehrer," sagte der Dirigent der Bataillonsmusik und klopfte ihm freundlich auf die Schulte^ „Wir sind längst bezahlt und wollen Ihnen heute ordentlich aufspielen, und nach dem sollen Sie auch noch tüchtig tanzen bis zum hellen lichten Morgen."
Nun nahmen die Musiker auf den vorderen Bänken Platz und spielten lustige Weise». Nach einer Pause stellten sich zwei Mädchen mit ihrem Lehrer auf, machten einen tiefen Knix und begannen vorzutragen:


