Ausgabe 
19.1.1895
 
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Liebe," rief der Sanitätsrath ironisch lächelnd.Sie scheinen auch schon von der deutschen Luft angekränkelt zu sein, mein werther Herr Hamson!"

Ich fürchte es selber," seufzte dieser mit einer so komisch zerknirschten Miene, daß der alte Arzt laut auflachte.Doch was wollen Sie, Herr Doctor, wer sich in die Gefahr begibt, kommt darin um, wir haben das Beispiel mit meinem armen Freunde vor Augen. Wir wollen also ein magnetisches Ex­periment mit ihm versuchen, vielleicht mit Fräulein Ehrhard ?"

Ja, wir müssen'« wenigstens einmal versuchen. Doch wer kommt denn dort so eilig auf uns zu?" unterbrach er sich.Irre ich nicht, so ist er unsere Elisabeth."

Ja, sie ist es, und zwar, wie mich dünkt, in sehr großer Aufregung!" rief Hamson.

Ihre Unterhaltung hatte auf der Straße stattgefunden, sie schritten der jungen Dame jetzt rasch entgegen.

Was gibt es, liebes Fräulein?"

Ich wollte zu Ihnen, Herr Sanitätsrath I Gott sei Dank, daß ich Sie hier treffe, der Papa ist erkrankt!"

Elisabeth begrüßte den Amerikaner mit einem flüchtigen Händedruck und zog sodann den Arzt mit sich fort.

Es ist doch nicht gefährlich, Fräulein?" fragte Hamson, an ihrer Seite weiterschreitend.

Leider fürchte ich es; er hat erfahren, wer der Retter i» jener Sturmvacht gewesen ist und zwar durch Niemand anders, als durch die unselige Bernhardine Melchior."

Alle Wetter!" rief der Sanitätsrath erschreckt-Plagte die Dame denn der leibhaftige Böse und hatte sie's darauf angelegt, ihn zu tödten? Warum verhinderten Sie dos Nicht, Fräulein Elisabeth?"

Ich war gar nicht daheim, wer konnte denn auch einen solchen Besuch voraussetzen? Daß sie es aus böser Absicht gethan haben sollte, darf ich nach bester Ueberzeugung ver­neinen, da fich nach der Sturmfluth eine seltsame Umwand­lung bei ihr vollzogen zu haben scheint. Ich erkläre mir ihren Besuch vielmehr als eine Art Gewissenszwang. In erster Linie wollte sie einen Gruß von ihrem Bruder, der sich noch in der Reconvalescenz befindet, mit der Bitte an Papa und mich ausrichten, ihn zu einer Partie Whist zu besuchen, was den armen Papa natürlich ebenso sehr wie ihr Besuch alterirte. Wäre ich doch nur daheim gewesen, um das nun Folgende zu verhindern. Aber mit ihrer gewohnten Rückfichtslostgkeit, dem ihr eigenen Mangel an Toct- und Zartgefühl, enthüllte sie ihm alsdann, wer der gepriesene Held der Sturmfluth eigent­lich sei und sah nun zu spät ein, was sie angerichtet hatte."

Wir haben'» doch nicht mit einem Schlagfluß zu thun?" unterbrach der Sanitärsrath sie unruhig.

Das fürchte ich ja eben, wir haben ihn auf sein Bett gelegt und alle möglichen Wiederbelebungsversuche an- gest^llt. Als die Unglückielige es ihm mitgetheilt, hat er sie nur starr angesehen und ist dann bewußtlos zurückgesunken."

Wer ist bei ihm?"

Fräulein Melchior und der Rechnungsrath aus dem ersten Stock. Ich bin dann gleich fortgeeilt, um Sie auf­zusuchen, Herr Sanitätsrath. Unser Wirth hat auch zu seinem Arzt gesandt, vielleicht ist dieser jetzt schon bei Papa."

Aengstigen Sie sich nicht zu sehr, Fräulein Ehrhard," suchte sie der Doctor theilnehmend zu beruhigen.Ein Schlag­fluß ist allerdings eine gefährliche Sache, doch nicht immer tödtlich. Vielleicht ist's auch nur eine tiefe Ohnmacht. Also die Melchior ist bei ihm geblieben?"

Ja, ich gab ihr ziemlich unverblümt zu verstehen, daß ihrs Gegenwart überflüssig sei, was sie gar nicht weiter be­achtete oder nicht zu hören schien. Ihr Gesicht hatte dabei einen so zerknirschten Ausdruck, daß sie mir leid that und ich ihr nicht einmal zürnen konnte."

Ja, sie hat sich sonderbar verändert, diese Sturmfluth scheint in der That einschneidende Wilkungen hervorgebracht zu haben. Gott weiß, was wir noch weiter erleben."

Als sie des Hauptmanns Wohnung erreicht hatten, bat Hamson, mit eintreten zu dürfen, um das Resultat der ärzt­lichen Untersuchung zu erfahren.

Vielleicht wäre es Ihnen erwünscht," setzte er hinzu, der Tante durch mich eine Mittheilung zukommen zu lassen."

Elisabeth nickte zustimmend, worauf der Amerikaner ihr in's Haus folgte.

Der Arzt, nach welchem hingeschickt worden, war bereit- anwesend und um den Bewußtlosen beschäftigt.

Run, Herr College," fragte der Sanitätsrath, den Kranken aufmerksam anblickend,doch nicht Apoplexie?"

Scheint so aber"

Wir wollen die Damen hinausschicken, um ihn besser untersuchen zu können."

Der Sanitätsrath richtete die Bitte direct an Elisabeth, worauf sie mit Bernhardine Melchior, die im stummen Hin- brüten auf den bewußtlosen Hauptmann starrte und jetzt er­schreckt zusammenfuhr, das Zimmer verliess.

Die beiden Aerzte entkleideten den Bewußtlosen und con- statirten einen leichten Schlaganfall. Ihren vereinten Be­mühungen gelang es auch bald, ihn in'» Leben zurückzurufen.

Ra, Herr Hauptmann," sagte der Sanitätsrath,Sie waren immer so mobil und wollen sich plötzlich dienstuntaug­lich melden? Rur ganz ruhig, alter Herr, wir haben eine kleine Schlappe erlitten ist aber Gott sei Dank nicht ge­fährlich geworden- Die rechte Hand will nicht pariren? Unbesorgt, sie soll bald wieder gehorsam werden. Wie steht'» denn mit der Sprache?"

Der Hauptmann ließ die sonst so scharfen Augen mit wirrem Ausdruck umherschweifen und fragte endlich leise: Was ist denn nur los? Wo ist Lisbeth?"

Ihre Tochter wird sogleich kommen, Herr Hauptmann," sagte der Sanitätsrath,nur bitte ich Sie, sich ganz ruhig zu verhalten; Sie haben einen kleinen Ohnmachtsanfall ge­habt, der bei guter Pflege keine weiteren Folgen haben wird. Sie erlernen mich doch?"

Der Hauptmann neigte den Kopf.

Ich bin also krank, zum Henker, mein rechter Arm ist wie gelähmt, wie ist das nur so schnell gekommen?"

Grübeln Sie nicht weiter darüber nach," mahnte der Arzt.Ruhe ist die b>ste Medicin- Morgen spreche ich wieder vor, bis dahin Adieu, lieber Hauptmann!"

Er drückte ihm die linke Hand und meinte dann, daß eine Diaconissin vielleicht am Platze fei.

Wenn'» schlimm steht, schicken Sie einen Wärter," gebot der Kranke mit einer leichten Anstrengung.Ein Frauen­zimmer will ich hier nicht sehen, nur meine Lisbeth."

Gut, ich schicke einen Wärter, obwohl gar keine Gefahr vorhanden ist, es ist nut wegen Ihrer Tochter, sie sieht mit recht bedenklich aus und muß uothwendtg geschont werden."

Sie darf nicht krank werden," stöhnte der Hauptmann, ich will sie sehen e» wirbelt mit im Kopfe umher wie ein Bienenschwarm, kann die Gedanken nicht festhalten."

Sie sollen ja gar nicht denken!"

Der Sanitätsrath schritt zur Thür, öffnete sie und rief Elisabeth herein, der er einige leise Verordnungen gab. Dann verließ er mit seinem Collegen das Krankenzimmer.

Es ist ein leichter Schlaganfall, der hoffentlich nicht wiederkehrt," sagte er beruhigend zu Hamson.

Als Elisabeth das Krankenzimmer betrat, verlangte der Hauptmann zu trinken. Sie mischte ein von dem Sanitäts­rath ihr gegebenes Schlafpulver in das Wasser und bald ver­fiel er in einen tiefen Schlaf. Damit der Kranke nicht ge­stört werde, schloß fle die Thütglocke ab und setzte sich dann an das Krankenlager. Rach kurzer Zeit unterbrach ein leises Klopfen an der Thür die Stille. Elrsabeth öffnete und Tante Dorothea erschien mit betrübtem Gesicht auf der Schwelle.

Ein Unglück kommt selten allein," sagte sie leise.Hrm- son war bei mir, um mir das neue Schicksal mitzutheilen."

Elisabeth führte sie in» Nebenzimmer und bat fie, recht .leise zu sprechen.

(Fortsetzung folgt.)