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„Und ihn zu teilen, jawohl, Herr Sanitätsrath I" setzte Elisabeth mit einer Art verzweiflungsvollem Trotz hinzu.
„Allerdings vermag aufopfernde Liebe oft Wunder zu wirken," sagte der alte Arzt, „und ich wäre auch durchaus nicht abgeneigt, ein solches Wunder an meinem Kranken zu erproben, wenn sein Transport möglich wäre. Urbrigens," setzte er mit einem teilnehmenden Blick auf Elisabeth hinzu, „will ich Ihnen dar Versprechen geben, daß Sie ihn sehen sollen, sobald er selbst den Wunsch darnach äußert oder im Stande ist, ohne Gefährdung seines Zustandes Besuch empfangen zu können- Auch sollen Sie täglich Nachrichten über ihn erhalten."
Unter innigen Danke-worten verließen die Damen das
Krankenhaus.
Da» Wasser war schon bedeutend gefallen, Elisabeth hatte nur eine kurze Strecke im Boot zu benutzen, um an da» Ziel befördert zu werden.
Im Wohnzimmer des Rechnungsrath» bot stch ihr ein unerwarteter Anblick dar. Der Hauptmann faß mit feinen Feinden, der schrecklichen Clavierspielerin und dem bösen Geiger au» dem E-ker, im Verein mit dem Rath ganz gemüthlich bei
einer Whtstpartie.
Ein flüchtige» Lächeln huschte über ihr ernste» Gesicht. Wenn solche Wunder geschahen, dann durste auch sie die Hoffnung festhalten, daß der Geliebte durch ärztliche Kunst und durch ihr Gebet ihr erhalten bleiben und der Allgütige ihn, der sein Leben für Andere gewagt, vom Tode erretten werde.
Der Hauptmann hatte ihr Eintreten gar nicht bemerkt, sie hörte nur, wie er freudestrahlend seiner Partnerin Fräulein Wedemeier zurief: „Sie sind ja eine ganz famose Whist- fplelertn, liebe» Kindl"
Ter alte Herr befand stch augenscheinlich in der allerbesten Laune. Elisabeth zog stch geräuschlos zurück, um mit dem Haurwirth und seiner alten Magd eine Jnspicirung der eigenen Wohnräume, wo stch da» Wasser bereit» ziemlich verlaufen hatte, zu unternehmen.
X.
Vierzehn Tage waren seitdem verflossen und da» Getriebe de» täglichen Leben» wieder in sein volle« Recht eingetreten, wenn auch die Sputen jener schrecklichen Nacht noch weithin sichtbar, die Folgen erst jetzt recht leidvoll zu Tage getreten waren.
Was die Behörden an Unterstützung nicht beschaffen konnten, da» besorgte die öffentliche Wohlthätigkeit und Menschenliebe, welche an dem opferfreudigen fremden Retter ein leuchtende» Beispiel bet Nacheiferung zu erblicken schien.
Der alte Sanitätsrath hatte sich in der Toat dazu verstehen müssen, einige Male in der Woche ein Bulletin über den Kranken in der Zeitung zu veröffentlichen, weil der Andrang des Publckum» aller Klaffen vor dem Krankenhause immer gröber geworden war.
Nut Tante Dorothea erhielt tägliche Nachricht und durch fie Elisabeth, während weder der Professor noch Hamson die ärztliche Erlaubniß erhalten konnten, zu dem Kranken gelassen zu werden.
„Er wäre unnütz," sagte der Sanitätsrath achselzuckend, „da da» Fieber nicht weichen w.ll und seine Kräfte in rasender Elle verzehrt."
„So soll ich ihn nicht einmal mehr lebendig sehen," rief Hamson mit zuckenden Lippen, „er ist mein liebster Freund, ja mehr noch, mein Bruder, der mir einst da» Leben gerettet hat!"
„Er liegt entweder bewußtlos oder ergeht sich in wilden Phantasien," versetzte der Arzt, „er würde Sie also gar nicht erkennen."
„Aber ich muß — muß ihn sehen, Herr Doclor, ihn pflegen Tag und Nacht. Lassen Sie mich bei ihm bleiben, ich liebe ihn —"
„Run wohl," unterbrach der Sanitätrrath den erretten jungen Mann, „Sie sollen Ihren Freund sehen. Seine Pflege aber ßderlaffen Sie den erprobten Händen unserer Wärter.
Ja, könnte ich ihn einer anderen Liebe anvertrauen, banst wäre ein Wunder vielleicht möglich. Sie haben doch von sympathetischen Kuren schon gehört?"
Hamson blickte ihn verdutzt an.
„Nun ja — aber glauben Sie an den Schwindel, Herr Doctor?"
„Unbedingt nicht, doch habe ich in meiner langjährigen Praxis einige an'» Wunderbare streifende Fälle dieser Art wirklich zu verzeichnen. Das Geheimniß jener wohl nie von Sterblichen zu ergründenden Kräfte, welche im Menschen selber wie im ganzen Weltall walten, läßt uns oft vor einem Räthsel Halt machen, dessen Lösung die Wissenschaft nicht zu ergründen vermag."
„Zum Exempel die Hypnose," warf Hamson ein.
„Ja, ja, auch sie ist noch ein wissenschaftliches Räthsel, welche» in Laienhänden nur Unheil anrichtet oder dem Schwindel dient. Doch kehren wir zur Sympathie zurück, unter welcher ich in unserm Falle die Liebe zwischen Mann und Weib verstehe. Nun wohl, eine derartige sympathetische Kur könnte wohl ein günstiges Resultat erzielen."
„Ach, jetzt begreife ich, Sie denken an Elisabeth Ehrhard, Herr Doctor!"
Dieser nickte.
„Können Sie mir vielleicht sagen, ob zwischen dieser jungen Dame und unserm Kranken eine Herzensverbindung besteht? Die Sache kommt mir unglaublich vor, weil Ihr Freund erst wenige Wochen hier anwesend ist und Fräulein Ehrhard ihn kaum gesehen oder gesprochen haben kann, zumal er, wie Sie mir mitgetheilt, an jenem Unglückstage erst angekommen war. Die Geschichte beschäftigt mich unaufhörlich, da diese junge Dame mich verschiedentlich schon gebeten hat, ihn pflegen, bei ihm wachen zu dürfen. Können Sie mir dieses Räthsel lösen, Herr Hamson?"
„Hm, die Lösung ist ganz einfach, Herr Doctor! Mein Freund und Fräulein Elisabeth Ehrhard — aber — ich weiß wirklich nicht, ob ich damit nicht einen Vertrauensbruch oder gar einen Verrath begehe —"
„Es handelt sich hier um ein ungefährliches Experiment," nahm der Sanitätsrach, al» Hamson schwieg, rasch da« Wort, „von welchem vielleicht seine Rettung abhängt. Im Uebrigen können Sie ruhig sein, da ich und auch die Behörde genau wissen, wer er ist."
„Ich konnte es mir denken, weil man mich so ohne Weitere» und obendrein mit einer Entschuldigung au» der Hast entließ. Unter diesen Umständen aber wäre der Tod am Ende eine Wohlthat für meinen armen Freund, da man ihn unzweifelhaft dem Militärgericht überliefern wird."
„Ohne Strafe wird er im Genesungsfalle freilich nicht abkommen, dazu war sein Vergehen zu schwer. Indessen müssen wir jetzt vor allen Dingen und ohne jegliches Bedenken in erster Linie ihn am Leben zu erhalten suchen und da wäre es am Ende Ihre Pflicht, ein wenig hierzu beizutragen, wenn auch nur ein Schimmer von Hoffnung darin läge."
„Sie haben recht, Herr Doctor! — Al« mein Freund vor zehn Jahren Heimath und Vaterland verlassen mußte, nahm er al» einzigen Trost da» Phoiogramm eine» Kinde«, da« damals etwa neun bis zehn Jahre zählen mochte, mit. Dieses Bild seines Schwesterchen», wie er sie nannte, welche» ihm durchaus seinen Sparpfennig hatte aufzwingen wollen, bewahrte er treulichst und malte sich mit echt deutscher Schwärmerei von Jahr zu Jahr da» Wachsen und Blühen dieser Mädchenblume bis zur Jungfrau aus, welche er natürlich mit allem Liebreiz de» Körpers und der Seele ausstattete. So unglaublich dies nun auch klingen mag, ist es doch eine positive Wahrheit, daß ihm diesem Phantasie-Gebilde gegenüber jede andere weibliche Schönheit ungefährlich blieb und kein realistisches Netz, wenn'» auch goldig verlockend schimmern mochte, ihn einfing. Da« Bild jener Elisabeth hat ihn mit unwiderstehlicher Macht über'S Weltmeer zurückgezogen und ich glaube verbürgen zu können, daß er gefunden, was seine Phantasie sich von ihr geträumt hat."
„Der langen Rede kurzer Sinn ist als» gegenseitige


