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MMerhaltungsblalt pim Gießener Anieiger (General -Anzeiger).
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Sturmfluth.
Roman von Em. Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Elisabeth Ghrhard und Tante Dorothea hatten unter» dessen da» Krankenhaus erreicht und sahen beim Eintreten den dirtgirenden Arzt die breite Treppe herabkommen.
„Fräulein Ehrhard senior und junior!" rief er über» rascht. „Was verschafft mir denn hier die Ehre Ihres Be» suche»? Unser Herr Hauptmann ist doch nicht etwa krank?"
„Nein, Gott sei Dank, er ist ganz wohl, uns führt ein anderer Grund zu Ihnen, Herr Sanitätsrath!" versetzte Tante Dorothea. „Haben Sie einige Minuten für uns übrig?"
„Gewiß, ich bitte Sie, mir in mein Zimmer zu folgen, meine Damen!"
Der alte Herr stieg bei diesen Worten die Treppe wieder hinauf und öffnete eine Thür, um die beiden Damen eintreten und auf dem Sopha Platz nehmen zu kaffen, während er sich ihnen gegenüber setzte.
Tante Dorothea wußte augenblicklich nicht, wie sie be» ginnen sollte, ohne den kranken Neffen möglicherweise zu denun» eiren. Sie richtete einen hilflosen Blick auf Elisabeth, welche sofort das Wort ergriff.
„Wir sind gekommen, um uns nach dem Befinden des Fremden, der gestern Abend die Rettungsarbeiten geleitet hat, zu erkundigen und Sie zu bitten —"
„Jnterefsiren Sie sich so sehr für diesen braven jungen Mann, Fräulein Elisabeth?" unterbrach sie der Sanitätsrath, sie forschend anbltckend.
. »Ich glaube hierin keine Ausnahme zu bilden," versetzte Elisabeth ruhig; „selbst mein Papa ist ganz begeistert von ihm, weshalb unser Interesse Ihnen natürlich erscheinen muß."
„Gewiß, gewiß, mein gnädiges Fräulein — ich bin überzeugt, daß die ganze Bevölkerung dieses Interesse theilen E", wäre aber doch nicht sehr erbaut davon, wenn ich meine sehr beschränkte Zeit damit unnöthigerweise in Anspruch neh« men sollte und werde mich deshalb wohl zur Veröffentlichung sines täglich«, Bulletins bequemen müssen. Selbst die Herzens»
kühle Melchior hielt ängstlich Nachfrage und schien durch meine Erklärung, daß meine Hoffnung, ihn durchzubringen, nur eine sehr geringe sei, ganz niedergeschlagen und betrübt zu werden."
„Er hat sie ja gerettet," bemerkte Tante Dorothea.
„Ich habe davon gehört, Fräulein Melchior schien ihm ihren Dank aussprechen zu wollen, da sie ihn durchaus zu sehen verlangte und mich schließlich sogar darum anflehte. Es that mir aufrichtig leid, es ihr rundweg abschlagen zu müssen."
„Sie lassen also Niemandem zu ihm, Herr Sanität»« rath?" fragte Elisabeth erschreckt.
„Nein, mein Fräulein," versetzte er ernst, „weil jede aufregende Störung ihm tödtlich werden könnte. Außerdem fiebert er bereit» stark, und wenn ich auch nicht voraussetze, daß die müßige Neugierde Sie hergeführt hat, meine Damen, daß vielmehr nur ein zwingender Grund Sie dazu veranlassen konnte, so darf ich selbst in diesem Falle keine Ausnahme gestatten, da der Kranke sozusagen eine öffentliche Persönlichkeit geworden ist."
„Sie kennen oder ahnen den zwingenden Grund, der une hergeführt hat?" fragte die Tante, den alten Arzt bekümmert anblickend.
Dieser nickte.
„Die Polizei hat seine Persönlichkeit bereits festgsstellt."
„So eilig hat das Gesetz es selbst mit einem Sterbenden?" fragte Elisabeth tapfer, ihre Thränen zurückhaltend. „Es scheut sich nicht, auch hier die grausame Hand auszustrecken, wo man lohnen, anstatt strafen sollte?"
„So lange er unter meiner Obhut bleibt, ist er sicher," sagte der Sanitätsrath, „bis die Krisis ihr letztes Wort gesprochen hat, ist kein Grund zu einer derartigen Befürchtung vorhanden. Und dann — wird der Herrgott schon genügend weiter sorgen, meine Damen!"
„War sein amerikanischer Freund schon hier?" fragte die Tante.
„Mit dem Professor Carlsen, jawohl, ich konnte mit Beiden nur wenige Minuten sprechen und auch ihnen nur eine abschlägige Antwort geben."
„Lieber Himmel," seufzte Tante Dorothea, „und meine Nicht« hofft« sogar, ihn bei mir daheim pflegen zu können."


