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Nach wenigen Augenblicken hörte sie feste, schwere Tritte die Treppe heraufkommen und es beschlich sie das Gefühl, al- nahe irgend etwas Schreckliches.
Die Thür ging auf und mit halb erschrecktem, halb verlegenem Gesicht meldete der Diener: „Es wünscht Sie Jemand zu sprechen, Miß Cora. Er sagt, es führe ihn eine wichtige Angelegenheit zu Ihnen."
Cora stockte der Athem und es war ihr, als höre ihr Herz auf zu schlagen.
„Lassen Sie ihn eintreten!" befahl sie dann, ihre ganze Kraft zusammsnfassend.
Der Diener zog sich zurück und gleich darauf traten zwei Männer in das Zimmer.
Die Thür wurde geschlossen, der Diener ging langsam wieder die Treppe hinunter und Cora war mit den beiden unwillkommenen Besuchern allein.
Einige Secunden standen sie, einander neugierig betrachtend, sich stumm gegenüber.
Der eine der beiden Männer war kein anderer als Lord Trevilles Diener Ponsford, dem die edle Haltung und die Anmuth des Mädchens, das zu richten und zu verurtheilen er gekommen war, unwillkürlich Bewunderung abzwang.
Der andere Mann hatte ein ernsteres, beruf-mäßigeres Aussehen, das sofort einen Beamten in ihm erkennen ließ.
Er war der Erste, der das Wort ergriff.
„Ihr Name ist Cora vom Meere, Miß?" fragte er kurz.
„Unter diesem Namen bin ich bekannt," versetzte sie
„Ah! Sie behaupten nicht, daß es Ihr wirklicher Name ist? ... . Wie Sie sehen, Herr Ponsford, werden wir der Sache bald auf den Grund kommen."
Er gab seinem Begleiter einen verständnißinnigen Wink, während er zurücktrat und diesem Platz machte, sich dem Mädchen zu nähern, das noch wie festgewurzelt neben dem Piano stand.
„Er hat recht, Miß, wie Sie selbst erkennen werben, wenn Sie hören, was wir Ihnen zu sagen haben," Hub Ponsford nach verlegenem Hüsteln an.
„Sie haben wohl die Güte, mich aufzuklären," sagte Cora, indem sie all' ihre Kraft zusammennahm.
„Sie sehen, Herr Ponsford, wie es steht," setzte der Beamte, zu dem Diener gewendet, hinzu.
„Ja," erwiderte Ponsford gedehnt, „dennoch aber hat Miß Cora Recht. Es ist nur billig, daß sie erst die Ursache kennt. — Junge Dame," fuhr er fort, „sind Sie sich wirklich keiner Schuld bewußt, die uns zu Ihnen führen könnte?"
Cora richtete sich voll stolzer Würde auf. „Nein, keiner!" sagte sie.
„Können Sie feierlich erklären, daß Sie die Wahrheit sprechen?" fragte Ponsford weiter.
„Es ist entwürdigend, eine solche Frage zu beantworten," erklärte sie stolz.
„Es treffen Sie zwei Beschuldigungen, baß wir im Stande sein werden, dar Gesetz gegen Sie in Anwendung zu bringen. Eine Anklage gegen Sie ist: daß Sie ein werthvolles Medaillon gestohlen haben, welches einst Lord Faro gehörte. Eine zweite Anklage lautet: daß Sie einem Edelmann, der Lord Faros Tod verschuldet hat, bei seiner Flucht behilflich gewesen sind. Genügt ihnen das?"
„Vollständig ... wenn die Beschuldigungen richtig wären!" antwortete Cora. „Aber Sie find falsch, gänzlich falsch, in- sofern, als es sich um ein Verbrechen handelt."
„Darüber wird der Richter zu entscheiden haben," lautete die Antwort des Beamten.
„Darf ich Sie bitten, nun uns zu folgen? '
„Wie? Ich soll sogleich mit Ihnen gehen?" rief das arme Mädchen erschreckt aus.
„Ja, sogleich!"
„In das Gefängniß?" fragte sie erbleichend.
„Das wird sich finden," lautete die Antwort Ponsfords. „Mein Herr, Graf Treville, wird, wenn er Ihre Lebensgeschichte gehört hat, entscheiden, was zu thun das Beste ist."
„Wo ist Ihr Herr? Wo soll ich ihn sehen?"
„Er wohnt ziemlich weit von hier," entgegnete Ponsford.
„Verlangen Sie, daß ich sofort mitgehen soll, ohne Frau Digby? Rückkehr abzuwarten?" fragte Cora noch.
„Das wird wohl das Beste fein," wurde ihr erwidert.
Sie raffte sich mit einem schweren Seufzer aus und traf hastig ihre Vorbereitungen. Einige wenige Kleidungsstücke waren schnell zusammengelegt. Sie hegte k.-in Bedenken, dieselben mit sich zu nehmen, denn es waren Geschenke. Die Schmucksachen, welche ihr gehörten, wurden sorgfältig in ihrer Kleidertasche verborgen, in der Hoffnung, durch sie vielleicht Aufschluß über ihre eigene Person zu erhalten. Der große Mantel, den sie um ihre Schultern hing, und ein breiträndriger Hut, den sie dann aufsetzte, konnten ihre Jugend und Schönheit nicht verbergen, aber wenigstens zogen sie nicht die Aufmerksamkeit Fremder auf sie.
„So kann mich Niemand erkennen," murmelte sie. „So bleibt mir noch der letzte bittere Tropfen meines Leidens erspart."
Rasch öffnete, sie die Thür und trat mit der Reisetasche in der Hand in das andere Zimmer; aber fast in demselben Augenblicke kamen hastige Schritte die Treppe hinauf und in der nächsten Minute wurde Cora von Herrn Beauclerc begrüßt.
„Miß Cora!" rief er aus. „Sir wollen London doch nicht so plötzlich für immer verlassen?"
Während er sprach, fiel fein Blick erst auf die beiden Männer, dann auf Coras Reisegepäck.
„O doch . . . vielleicht aber nur auf kurze Zeit- Frau Digby ist leider nicht zu Hause. Sie lassen wohl Ihre Karte hier? ... Ich habe leider keine Zeit!"
„Verzeihung! Aber mein Besuch galt mehr Ihnen," sagte er in enttäuschtem Tone, „und da die Veranlassung hierzu nicht gerade eine eigennützige ist, entschuldigen Sie wohl, wenn ich Sie bitte, einige Momente zu verweilen und zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe."
„Sie sind sehr, sehr gütig .... halten Sie mich nicht für undankbar," sprach sie mit zitternder Stimme, „aber ich . . - ich fürchte, daß ich nicht bleiben darf und all'Ihre großherzigen Bemühungen sind vergeblich, da ich gezwungen bin, zu gehen ... und zwar sofort!"
„Sofort! . . . Gezwungen! . . . Und auf wessen Befehl, Miß Cora?" entgegnete er heftig. „Diese Leute hier können Ihnen doch unmöglich irgend welchen Zwang auferlegen, besonders wenn ich Ihnen Einige» mitzutheilen habe, was von Interesse für Sie sein dürfte!" (Forts, folgt.)
Madame Sans (Seite.
Roman »ach Victorien Sardou und F. Morroa». Deutsch von Adel« Berger.
(Fortsetzung.)
V.
Die Belagerung von Verdun.
Baron Lowendaal war es gelungen, die Entfernung, welche Crepy-en Valois von Verdun trennte, unbehelligt zu durchreisen.
Sofort nach seiner Ankunft begab er sich in bas Stadthaus-
Zwei große Angelegenheiten hatten ihn bewogen, sich dem Kriegsschauplätze zu nähern und sich in einer Stadt einzuschließen, die von einem Moment zum andern belagert werden konnte.
Er mußte sein Vermögen liquidiren und die Kaution zurückverlangen, welche er der Stadt Verdun für ihre Tabakpflanzungen erlegt hatte-
Auch eine andere ernste Sorge nöthigte den Baron, nach Verdun zu fahren.
Er wollte am Vorabend seiner Hochzeit mit Blanche von Lavaline ein Verhältniß, das ihm jetzt unerträglich geworden und das bereits einige Jahre zurückreichte, loswerden.
Er war in Verdun einem jungen Mädchen aus ehren-


