Ausgabe 
18.7.1895
 
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nofi übrig, mir die geheime Ursache dieser öffentlichen Auf- forderung anzuvertrauen." 1

Cora schwieg.

"Gedenken Sie, in diesem hartnäckigen Schweigen zu be- harren? Hub die Lady wieder an.Bedenken Sie wohl, daß Sie sich durch eine solche Handlungsweise in meine Hände geben.

Inwiefern?" fragte Cora kalt.

. "»Erwarten doch wohl kaum, daß ich eine Person von so zweifelhaftem Rufe als Gesellschafterin meiner Tochter im Hause behalte."

Wollen Sie damit sagen, daß Sie meiner bestimmten Verstcherung nicht glauben?" fragte Cora traurig.

Wenn Sie unschuldig sind, haben Sie keine Veranlassung zur Geheimhaltung." u

Das ist nicht immer der Fall . . . wenigstens nicht in meiner Lage, lautete die mit Bestimmtheit gegebene Antwort-

Können Sie behaupten, daß Sie keine Ahnung davon haben, von wem diese Bekanntmachung ausgeht und wer so dringend wünscht, daß sie wieder zum Vorschein kommen?" fragte Frau Digby ernst.

Das habe ich nicht gesagt," antwortete Cora-

Das ist ein stillschweigendes Bekenntniß Ihrer Schuld. , & rbe8 Dienstes willen, den Sie meinem Kinde einst geleistet haben, biete ich Ihnen Schutz und Hilfe an. Ver. ttauen Sie mir, wenn Sie unschuldig sind ... . und wenn Sie sich nicht meinen vollen Beifall erwerben können, so ver­spreche ich Ihnen wenigstens beizustehen, daß Sie nicht gefun- den werden."

Ich verlange nichts von Ihnen, Frau Digby," sprach sie ruhig.Sie können mich verrathen, wenn Sie wollen."

Verrathen ist ein scharfer Ausdruck," erwiderte Frau Digby in kaltem Tone.Wissen Sie nicht, warum man Sie in so seltsamer Weise auffordert?"

Aber Cora wich vor der ihr därgereichten Hand wie vor dem Biß einer Schlange zurück.

"Ich kann nur wiederholen," sagte Cora,daß ich frei von jeder Schuld bin."

Verstocktes Mädchen!" entgegnete Frau Digby erregt. Können Sie sich nicht wenigstens meiner Barmherzigkeit an- heimstellen und es mir überlassen, Sie, wenn ich kann, zu retten?"

Cora neigte schweigend den Kopf. Sie vermochte nicht zu sprechen; heiße Thränen traten ihr in die Augen und rasch begab sie sich in ihr Zimmer, um der leidenschaftlichen Er­regung, die ihre Selbstbeherrschung erschütterte, freien Lauf zu lassen.

L.

Mylord, ich hoffe endlich eine angenehme Nachricht für Sie zu haben," sagte der Diener Ponsford, in das Zimmer seines Herrn tretend, noch bevor derselbe nach einer schlaflosen Nacht aufgestanden war.

Haben Sie etwas von . . . von meinem Kinde gehört?" erwiderte der Graf, indem er hastig aufsprang.Mensch, reden Sie und spannen Sie mich nicht auf die Folter!"

Ponsford schüttelte den Kopf.

Vielleicht thäte ich am besten, Ihnen den Brief zu geben, nach welchem ich zu handeln gedenke," sagte der Diener zögernd, als er seinen Herrn die Farbe wechseln und seine Augen so fieberhaft leuchten sah.

Lord Treville griff hastig nach dem ihm dargereichten Briefe.

Er lautete folgendermaßen:Ihre Bekanntmachung ist von einer Dame gelesen worden, welche glaubt, Aufschluß über das Gewünschte geben zu können, obgleich sie aus bestimmten Gründen wünscht, vorläufig unbekannt zu bleiben. Aber wenn man einen Vertrauensmann an die beigefügte Adresse schicken will, wird sie ein Zusammentreffen mit der jungen Person veranlassen, auf welche sich, wie sie glaubt, die Aufforderung bezieht und welche gegenwärtig in vielleicht sehr unverdientem Luxus unter liebevoller Pflege lebt. Die betreffende Dame wird dafür sorgen, daß Niemand dabei compromittirt wird,

wenn sie sich irren sollte. Sie gibt nur die Ansangsbuch, staben ihres Namens und die Adresse an als Beweis ihrer Vorsicht. H. D.«

Der Graf las den Brief wieder und wieder und sprach dann:Ponsford, sagen Sie mir, wie Sie darüber denken, und ich will mich bemühen, Ihre Ansicht ruhig in Betracht zu ziehen."

Der Diener schüttelte mit schwermütiger Geberbe den Kopf und antwortete:Ich bin ein einfacher und wohl auch kaum ein kluger Rathgeber, aber ich bin ein treuer und er­gebener Diener, Mylord. Noch einmal beschwöre ich Sie au- tiefstem Herzen, die Idee, daß das unglückliche Mädchen Ihr Kind fein könnte, aufzugeben! Lassen Sie die Sache wie bis- her im Dunkeln ruhen! Noch ist es nicht zu spät dazu. Außer mir und der Frau, die, wie ich glaube, ein wohldurchdachter Spiel spielt, hat Niemand die geringste Ahnung von der Existenz einer solchen Person. Lassen Sie die Sache ruhen, Mylord, und machen Sie lieber Miß Netta zu Ihrem Kinde."

^ein, Ponsford! Die Sache ist schon zu weit gediehen Ich bin fest entschlossen und ich habe keine Ruhe mehr, seit der aufregende Gedanke sich in meinem Innern festgesetzt hat. Ich will nur noch wissen, ob Sie die Sache so für mich leiten können, um sie geheim zu halten und doch Gewißheit darüber zu erlangen?"

Wenn Sie mir vertrauen und Erlaubniß geben wollen, ganz nach meinem Gutdünken zu handeln, will ich mein Mög- lichstes thnn, der Wahrheit auf den Grund zu kommen."

Ich vertraue Ihnen, mein lieber Ponsford," erwiderte der Graf gütig.Und nun reden Sie . . . was halten Sie für das Beste, unseren Plan in's Werk zu setzen? Ich will keine einzige Stunde verloren gehen lassen."

Nun, ich denke, das Beste ist, den Brief zu beantworte» und die Zeit zu bestimmen, wann Ihr Sachwalter dort sein wird," sagte Ponsford.Und dann gedenke ich, das Md- chen durch Güte oder Gewalt dazu zu bringen, daß fle mir mir kommt. Haben wir sie erst hier, dann wird es Ihnen leicht werden, sich von der Wahrheit Ihres Verdachtes zu überzeugen."

Aber Alles in Güte, Ponsford ... in Güte! Dafür sorgen Sie!" versetzte der Graf ernst.Wenn sie das Kind meiner Bianca ist, soll kein unfreundlicher Blick, kein hartes Wort sie kränken, und ist sie es nicht, so haben wir kein Recht, sie für etwas zu strafen, daß sie sich gar nicht hat zu Schul­den kommen lassen und das uns nichts angeht."

LI.

Cora hatte, feit sie durch Frau Digby erfahren, daß eifrig nach ihr und Ernst Belfort geforscht wurde, mehrere Tage wie im Traume zugebracht.

Hatte sie ihre stolze Weigerung, einen beschämende» Schutz anzunehmen, bereut?

Nein, sie war keinen Augenblick über die Klugheit ihrer Entscheidung schwankend geworden. Sie war der Gefahr und Unsicherheit ihrer traurigen, einsamen Lage müde!

Und obgleich ihr junges, empfängliches Herz vor der & niedrigung, die sie erwartete, zurückschreckte, so war sie doh entschlossen, dem Schlimmsten mit dem Muth der Verzweiflung und der stolzen Verachtung entgegenzutreten, welche die Un­schuld stets erzeugt. Es war Cora eine Erleichterung, al- allmälig der kleine Kreis ihrer Bekanntschaft sich lichtete und endlich auch Sir Fulke und der Herzog von Dunbar unter die Abwesenden zählten.

Es waren ungefähr acht Tage vergangen seit der Unter­redung, die Coras Vertrauen und Zuneigung für immer Triffa» Mutter entzogen hatte.

Frau Digby und ihre Tochter waren ausgegangen und Cora war allein, bemüht, durch die süßen Töne ihrer eigenen herrlichen Stimme die Furcht und Bangigkeit, die aus ihr lagen, zu verscheuchen. ,

Ihre Finger glitten rasch über die Tasten hin, während § ihre volle Stimme das Zimmer erfüllte. Aber plötzlich wurde H sie durch ein heftiges Klingeln an der Hausthüre unterbrochen.