1895
SamStag dm 18. Mai.
Nr. 59
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UntrchaltMgMatt?um Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)
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Die Tochter des Meeres.
Roman von A. Nicola.
(Fortsetzung.)
„Goto, warum thun Sie mir mit solchen Worten weh?" sagte Faro und versuchte in ihre abgewendeten Augen zu sehen, die sich mit Thränen stillten- „Genügt er Ihnen nicht, daß ich Sie als meinen Pfleglirg . . . mein Mündel, wenn Sie wollen . . . ansehe? Was wollen Sie noch mehr?"
„Ich bin Ihnen ja auch dankbar dafür. Nur, bitte, lassen Cie mich in Ruhe und Frieden!" entgegnete sie un- geduldig. „Es ist unrecht, sehr unrecht, ich weiß es wohl," fuhr sie in sanfterem Tone fort, der ihrer Schönheit noch mehr Reiz verlieb, „doch ich bin beklagen swerth eigenflnnig und unlenksam, wenn es mich bisweilen überkommt, welch' seltsames Schicksal in meinem Leben liegt, als namenloser Findling bei fremden Leuten zu sein."
„Waren Sie auch so gegen Ruppert?" fragte er leise- Sie wich erzürnt zurück.
„Sprechen Sie nicht von ihm, wenn Sie mich nicht rasend machen wollen," sagte sie. „Sie haben es mir versprochen."
„Aber ich will ja nur seine Stelle einnehmen. Sie sollen sich unter meiner Obhut so sicher fühlen, wie bei ihm," be- theuerte Lord Faro.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein! Nein! Das ist unmöglich! Er liebt mich . . . der arme Rupert!"
„Und lieben Sie ." Er stockte und sein blasses Gesicht bedeckte sich mit einer dunklen Röthe. Doch rasch faßte er sich wieder und sagte in leisem, schmerzlichem Ton: „Und auch ich liebe Sie, Cora!"
Während er diese Worte langsam sprach, beobachtete er ihr Gesicht, um zu sehen, welche Wirkung seine Worte auf sie ausübten.
Aber nur Ungeduld und Spott zeigten sich auf ihrem Gesicht, als ob eine Liebe, wie sie sich dieselbe von ihm ihr gegenüber vorstellen konnte, ihr nur eine Qual wäre-
„Es ist sehr freundlich von Ihnen, so zu sprechen, aber Ihre Worte werden ja nur von Güte und Mitleid dictirt,"
sagte sie. „Wenn ich Ihre Tochter wäre, würde es anders sein, aber so . . ."
Und sie entzog ihm mit ungestümer Bewegung ihre Hand, die er in die seine genommen hatte.
„O, ich sehe," rief er ärgerlich aus, „daß Sie die Liebe verschmähen, die Ihnen durch Thaten bewiesen wurde! Sie lassen sich von der Jugend blenden und bethören. Und Sie werden unter Ihrer eitlen Thorheit leiden," fuhr er mit spöttischem Lachen fort, „und ich vielleicht für die meine."
Sie sah mit einer gewissen schmerzlichen Bestürzung auf. In ihren Zügen war aber nichts von Berwirrung oder Reue zu entdecken.
„Ich will wieder fortgehen," sagte sie einfach, „wenn Sie Ihre Großmuth bereuen. Ich will Sie von der Last der armen Cora befreien, die, wie es scheint, nur dazu geboren ist, Allen, die sich ihrer annehmen, Schmerz und Roth zu bereiten- "
Cora konnte sich den Kampf in Lord Faros feinen Zügen, dar krampfhafte Zusammenpreffen seiner verschlungenen Finger nicht erklären- Sie glaubte nur, er erwäge ihren Vorschlag und schwanke zwischen Pflicht und Neigung-
„Es wird wohl das Beste sein!" drängte sie weiter. „Ich sehe, daß Sie in peinlicher Verlegenheit sind. Lassen Sie mich wieder fort, lieber Freund!"
Der Ton, in welchem sie die letzten Worte sprach, entfesselte den ganzen Strom seiner Liebe.
„Nimmermehr!" rief er erregt. „Nimmermehr! Ich kann mich nicht von Ihnen trennen! Coro, Sie sind dir einzige Freude meines Daseins .... der Sonnenschein meines kalten, traurigen Hauses! Wenn Sie meinen, mir nur die geringste Dankbarkeit schuldig zu sein, so bleiben Sie bei uns! Sie können, Sie dürfen mich nicht verlassen!" fuhr er mit einem Anflug von Heftigkeit fort, der da» Mädchen erschreckte.
„Wie Sie wollen," entgegnete sie unterwürfig- „So lange ich Ihnen Gute» damit erweisen kann, habe ich versprochen, Ihren Schutz und Ihre Güte anzunehmen. Ich will mein Wort halten."
„Da» ist recht," sprach er. „Ich könnte es mir nicht vergeben, wenn ich eine Pflicht versäumte, die ich einmal übernommen habe. Sie find so lange an mich und ich an Sie gebunden, bi» Sie stch unter einen anderen Schutz stellen


