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wischte sie dieselben ab und ging hinüber zu ihren neuen Genossinnen, denn sie wollte gut und artig fein, weil Onkel Eduard es wünschte.
Zwölf Jahre sind vergangen und wieder jagte der Herbstwind über die Stoppeln.
Graf Rudolf von Wildenstein, ein ernster, ruhiger Mann, anfangs der Vierziger, war zum Schwurgericht, in Vertretung eines erkrankten Geschworenen, in die Residenz gekommen, die er sonst nur selten besucht. Die Zeit ging fast ohne Abwechselung an ihm vorüber, nur sein dunkles Haar durchzog sich mit Silberfäden und das Lächeln verlernte er beinahe gänzlich; an eine Heirath dachte er nicht, all' sein Sinnen und Trachten lag in vergangenen Tagen und Theresens Bild blieb allein auf feinem Schreibtisch.
Der Wildenstein ward ganz vortrefflich bewirthschaftet und seine Reinerträge mehrten sich von Jahr zu Jahr. Das war des einsamen Grafen höchste Genugthuung und dennoch fragte er sich oft mit bitterem Lächeln: Für wen schaffst und arbeitest Du? Für Fremde oder lachende Erben!
Es war heute im Schauspielhause sehr voll, man gab die „Jungfrau von Orleans" und Wildenstein wollte sie gleichfalls ansehen; er hatte einen Brief seines Freundes Hohen- thal bekommen, worin derselbe gebeten, für die Aufführung des Stückes ihm ein Billet zu besorgen, er werde es bei dem Portier des Hotels abholen. Natürlich nahm Graf Rudolf zwei Plätze und ließ das Billet des Freundes zurück, wenn es derselbe abholen würde.
Drüben in der Prosceniumsloge saß eine stattliche, elegante Dame, deren kostbarer Fächer in ununterbrochener Bewegung blieb; in dem gepuderten, hochfrisirten Haar funkelten Brillanten, am Gürtel des lilafarbenen Atlaskleides steckte eine halberblühte Theerofe. Wildenstein hob mehrere Male prüfend das Glas, endlich kräuselte ein spöttisches Lächeln seine Lippen; j», er erkannte sie wieder, die schöne Fürstin Melanie Porscu, doch wie unbarmherzig waren die Jahre mit ihr umgegangen! Dies breite, verfchminkte Antlitz, diese dicke Figur verriethen nichts mehr von ihrer einstigen Schönheit und das eigenartig schöne Haar versteckte sich unter häßlichem Puder.
Die Fürstin war seit Jahren Wittwe und, da ihr Gemahl ohne Testament gestorben, auch Erbin seines ganzen großen Vermögens; sie machte ein großes Haus in der Residenz und hatte auch Wildenstein, ihren ehemaligen Anbeter, so dringend aufgefordert, sie zu besuchen, daß derselbe nicht umhin konnte, eine Karte bei ihr abzugeben.
Heute Abend jedoch, als er sie im vollen Staate sah, hätte er sie beinah nicht wiedererkannt.
Der Vorhang ging auf, das Stück begann und bald hatte den Grafen die zarte, jungfräuliche Erscheinung Johanna d Arcs völlig hingerissen^ das liebliche und doch ernste Gesichtchen mit den großen, dunklen Augen, die dunkelblonden, frei herabwallenden Locken und die durch da« kleidsame Bauern- costüm noch vortheilhafter gehobene schlanke Figur zogen den ernsten Mann auf unerklärliche Weise an. Dazu die weiche, sympathische Stimme, die natürliche Grazie in jeder Bewegung: unwillkürlich seufzte er tief auf, eine sonderbare Schwermuth erfaßte ihn und starr blickte sein Auge auf die Bühne. Wer war diese Johanna dÄrc, an wen erinnerte sie ihn? Ec blickte unruhig auf den Zettel, der Name der Darstellerin fehlte, nur einige Sternchen standen statt dessen da.
, Act war vorüber,^ eine eigenthümliche Unruhe
bemächtigte sich des Grafen und er erhob sich, um in's Foyer zu gehen; draußen war es schon sehr lebhaft, er vernahm allerlei Bruchstücke von Gesprächen, die alle von der schönen Schauspielerin handelten. - „Ich sah sie neulich als Ophelia, sie ist wunderschön." - „Und spielt trotz ihrer Jugend bereits ?or;üglich. — „Ja und dabei soll sie völlig zurückgezogen kben, der sie wie ein Argus bewacht." — fie u>ohl?" - »Ich weiß es nicht, der Vater fang früher unter anderem Namen."
Ueber den Parquetbodsn des Foyers rauschte eine Schleppe,
ein Lachen klang an Wildensteins Ohr, ein Fächer berührte seine Schulter.
„Endlich finde ich Sie, bester Graf, wie gefällt Ihnen da« Stück? Geben Sie mir Ihren Arm, e« ist so voll hier draußen."
„So oft ich die „Jungfrau von Orleans" sehe, ergreift mich die tiefpoetische Sprache darin auf'« Wärmste."
„Ach, ich rede nicht davon, sondern von der Darstellerin der Johanna; ist sie nicht allerliebst?"
„Gewiß, Durchlaucht,. eine ideale Mädchennatur, deren Schwärmerei für die Befreiung ihre« Vaterlandes man begreift."
„Ich muß ergründen, wer sie ist. Sie muß bei mir verkehren, denn sie wird meins Salons durch ihre Erscheinung beleben."
„Sie sind nicht ablehnend gegen solche Personen, Fürstin?"
„Ich bitte Sie, lieber Graf, wer ist da« heute noch? Man muß in der Gegenwart auf Unterhaltung sinnen, der Zweck heiligt die Mittel."
Mit tiefer Verneigung verabschiedete sich Wildenstein von Melanie, die ihm einen schmachtenden Blick zuwarf und in ihrer Loge verschwand; gleich darauf ging der Vorhang in die Höhe und das Stück nahm seinen Fortgang.
Starr und unverwandt blickte Graf Rudolf auf die Jungfrau, wie au« weiter, weiter Ferne stieg in seinem Innern ein Bild auf; Zug um Zug verglich er es Mitwisser schlanken, lieblichen Erscheinung, sein Athem stockte, seine Hände sanken herab und die Zähne gruben sich tief in die Lippen. Da sank der Vorhang, er bemerkte Jemand neben sich, eine Hand legte sich auf seinen Arm und al« er emporsah, begegnete er Hohenthals ernst forschendem Blick — er wußte alles!
„Ist sie es?" fragte er heißer vor Erregung, „Eduard, weshalb hast Du mir nicht alles gesagt?"
„Weil ihr Vater es nicht will; er ist völlig unversöhnlich und zu stolz auf das Talent der Tochter, um demselben durch die Verwandten ihrer Mutter ein gesellschaftliches Relief zu geben."
„Er singt nicht mehr?"
„Nein, er verlor vor fünf Jahren seine Stimme völlig und lebt seitdem nur für Nora."
* „Sie sieht ihrer Mutter nicht ähnlich und doch — jede Bewegung, jede« Lächeln erinnert an Therese."
„Gott behüte das liebe Kind!" sagte Hohenthal bewegt, „ich liebe sie wie mein eigenes."
„Darf ich sie auch außerhalb der Bühne sehen?" Fast angstvoll klang die Frage des Grafen, aber der Baron entgegnete kopfschüttelnd: „Ich glaube nicht, es sei denn bei der Fürstin Porscu, zu der sie morgen früh sich begeben wird; die Dame sandte Nora ein herrliches Bouquet und sie sagte mir, sie wolle ihr dafür danken."
„Nora," murmelte der Baron, als der Vorhang sich wieder hob und das Drama sich immer weiter abspielte, er war wie im Traum, keine Miene des süßen Gesichtes entging ihm, urft ihn her versank die ganze Welt. Und endlich hatte die Jungfrau, auf ihrer Fahne liegend, den edlen Geist ausgehaucht, das Stück war zu Ende und alles strömte den Ausgängen zu.
„Ich hole Nora ab, weil ihr Vater erkältet ist, lebe für heut wohl, Rudolf," sagte rasch Hohenthal.
„Ich muß sie sehen," gab dieser hastig zurück, „doch ohne daß auch sie ahnt, wer ich bin. Ein Theil de« alten Grolles wird wohl auch in ihr leben; weißt Du, wie sie mir als Kind einst die Hand verweigerte?"
„Jetzt ahnt sie nichts von dem Namen Wildenstein, kann ich Dir versichern; doch komm, hier stehen die Wagen und der Ausgang aus den Garderoben ist ebenfalls ganz in der Nähe."
Stumm, tiefbewegt und durch eine Säule völlig den Blicken der Vorübergehenden verborgen, stand der Graf und wartete; ihm war's, als solle ein neuer Stern für sein einsame« Leben aufgehen, al« concentrire sich der Begriff von


