Ausgabe 
18.4.1895
 
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an bet Keinen nicht gut machen, was ich an ihrer Mutter gefehlt?"

Nein, sie soll nie erfahren, daß Du ihr Oheim bist, ausgenommen ihr Vater theilte es ihr einst selbst mit."

Und wie lange bleibt er in Italien?"

Vorläufig bis zum Herbst. Wo er stch dann niederläßt, ist unbestimmt; der Aermste ist noch so gebrochen über The- resens Tod, daß wir froh sind, wenn er stch zum Spielen am Abend aus seinem Innern herausreißt. Er hat ste un­säglich geliebt."

Wieder wollte sich in Rudolf die alte Eifersucht regen, doch er beherrschte sich und seufzte nur schwer:Wie war'» auch anders I Gerade damals, als ich sie aus meinem Herzen herausreißen wollte, liebte ich ste mehr denn je; sie war unseres Schlosses Engel und Sonnenschein nachdem sie fortgegangen, wurde es öde und traurig."

Willst Du ihr Kind sehen, Rudolf?"

Wie aus einem schweren Traume fuhr der Graf empor.

Ja, gewiß," rief er hastig,und wenn es auch nicht wissen soll, wer ich bin, so will ich'» doch in die Arme schließen und lieb haben."

Hm, Nora ist ein eigenartiges Geschöpfchen, und nicht allzu schmiegsam; mich liebt sie jedoch wie den eigenen Vater- Nora, mein Liebling, komm," rief Hohenthal liebevoll, die Thür zum Nebenzimmer öffnend, und sogleich flog ein kleines, blondes Mädchen herein und zu ihm hin. Es trug ein schwarzes Trauerkleidchen, auch die Haare wurden durch ein dunkles Band zurückgehalten, doch nach Kinderart strahlten die blauen Augen hell und fröhlich, trotzdem sie noch rothge- weint waren vom Abschiede des Vaters her.

Onkel Eduard," rief Nora lustig,denke nur, ich habe zwanzig Schmetterlinge gezählt, die beim Fenster vorbeiflogen und Frau Anna sagt, wenn ich fünfundzwanzig gesehen habe, bekomme ich etwas geschenkt; ist das wahr, lieber, guter Onkel?"

Wenn es Frau Anna sagt, wird es wohl seine Richtig­keit haben," lächelte Hohenthal gütig.Was wünscht sich denn meine liebe Kleins?'

Natürlich Chocolade, Onkel," lächelte sie schelmisch, schöne, süße Pralines», wie mir Papa sie immer mitbringt, wenn er verreist war- Ach, ich esse sie so gerne, und die arme Mama"

Hier drohte das Kinderstimmchen zu brechen, die blauen Augen füllten sich mit Thränen und der Baron sagte, rasch zu etwas Anderem übergehend:Nora, wir sind nicht allein. Geh' zu dem Herrn und sage guten Tag."

Das Kind rieb sich die Augen und ging dann sogleich gehorsam zu dem Fremden, um denselben zu begrüßen.Guten Tag," sagte es. knixte und streckte freundlich das Händchen aus, doch plötzlich stockte die Stimme. Nora wandte sich, ehe noch der Graf sie anredete, zu Hohenthal und sagte kurz: Onkel Eduard, soll ich dem Herrn denn auch die Hand geben ?"

Ja gewiß, Liebling; es ist ein neuer Onkel, der Dich sehr lieb haben wird."

Das glaube ich nicht,", antwortete das kleine Mädchen trotzig,und ein Onkel tst's auch nicht ich habe außer Dir gar keinen."

Wie ein Blitz durchschoß den Grafen ein schneidendes Wehgefühl; einst hatte er der Schwester, die ihm flehend die Hand hingestreckt, hart und lieblos gesagt:Ich habe keine Schwester." Und nun stand deren Töchterchen, ein Kind noch, vor ihm und erklärte mit genau derselben Schroffheit und echt Wildenstein'schen Kopfwendung:Ich habe keinen Onkel." O wunderliche Nemesis! Sie schlug ihren Stachel tief in des gramvollen, einsamen Manne» Brust und zwar durch zarte Kinderlippen, die nicht einmal wußten, war sie sagten.

Aber Du kennst den Herrn doch gar nicht, Nora," gebot der Baron streng,gib ihm die Hand, sage ich."

Er war schon damals so böse, al« ich mit der Mama bei Dir war, Onkel Eduard," entgegnete da» Kind mit blitzen­

den Augen,ich erinnere mich noch ganz genau und «erde ihm auch ganz gewiß keine Hand geben."

Laß sie, Hohenthal," sagte Wildenstein ernst,sie hat unseren Character und der läßt sich nicht brechen. Vielleicht kreuzt Theresen» Kind einst wieder meinen Lebenspfad; vielleicht führt Gott noch Alles gut hinaus. Ich bin der einsame Einsiedler daheim, wie in der Wüste. Lebe wohl, ich fahre noch heute nach Hause."

Als die Thür sich hinter dem Grafen geschlossen, warf sich die kleine Nora weinend in des guten Onkels Arme.

Onkel Eduard, bist Du mir böse, daß ich den fremden Herrn nicht leiden kann? Ach, sei mir doch wieder gut, bitte, bitte! Ich will'» nie mehr thun."

Es war sehr unrecht von Dir, Nora," antwortete Hohenthal traurig,steh', der fremde Herr hat Deine Mama sehr lieb gehabt und war so erschrocken, als er hörte sie sei gestorben. Und es hätte ihm Freude bereitet, wenn Du freundlich zu ihm gewesen wärst!"

Am Abend desselben Tages kam von Graf Rudolf eine große Chocoladendüte.für Nora und ein Billet an Hohenthal adressirt, welches lautete:Ich fahre nach dem Wildenstein. Wenn Du zurück bist, komm', bitte, gleich zu mir, damit wir zusammen plaudern können. Das Löwenfell, welches ich Dir mitbrachte, harrt noch Deiner Besitzübernahme. Lebe wohl auf Wiedersehen. Rudolf."

Schon am folgenden Tage brachte Baron Hohenthal sein Pflegetöchterchen, wie er Nora nannte, in eine» der ersten Pensionats der Residenz, wo sie bis zu ihrer Einsegnung bleiben sollte. Das schon jetzt sich bei Nora kundgebende Talent zur Schauspielerin bekümmerte den Baron eigentlich sehr, doch sah er ein, daß es nicht in seiner Macht stand, hier einzugreifen.

Der Kleinen ward der Abschied von dem geliebten Onkel bitterschwer. Als der Vater vor einigen Tagen fortreiste, blieb ihr noch immer Frau Ann», ihre Wärterin, und der Onkel Hohenthal, nun aber sollte sie ganz allein unter all' den fremden Menschen bleiben! Zahllose Kinderaugen starrten sie in dem Pensionats neugierig an, sie hörte leise» Flüstern, Kichern und Tuscheln, und mit einem Male brach die ungestüme Natur bet ihr durch. Sie lief, so rasch sie konnte, in da« Zimmer der Vorsteherin, einer gütigen alten Dame.

Ich will fort von hier," stieß sie weinend hervor,denn sie sind mir Alle fremd und werden mich gewiß gar nicht lieb haben. Ach und ohne den Onkel kann ich ganz gewiß nicht leben!"

Die Dame sah verwundert da« schluchzende Kind an, dann aber legte sie tröstend den Arm um die kleine Gestalt und sagte mild und gütig:Meine liebe Nora! Es ist zum ersten Mal im Leben, daß Du zu etwas gezwungen bist, was Du nicht magst; aber steh', wir müssen das Alle, denn der liebe Gott hat es so bestimmt. Er nahm Dein Mütterchen zu stch in den Himmel, ließ den Papa weit fortreisen, damit Du nun unter Fremden ein recht braves, kleines Mädchen werden möchtest. Und zu Weihnachten fährst Du zum Onkel Hohenthal, der Dich in klingendem Schlitten von der Bahn holen wird."

Aber bis dahin dauert es noch so lange!"

O nein; ein Tag vergeht so schnell wie der andere und es wird Winter sein, ehe wir es ahnen. Am Sonntag darfst Du zu mir kommen, Herzchen, und an den Onkel schreiben, willst Du? Er denkt gewiß viel, viel hierher und würde sehr traurig sein, wenn er wüßte, daß sein Liebling so außer sich ist."

Die Kleine wurde ganz still, endlich nach einer Pause hob sie die thränenfeuchten Augen zu der liebevollen Sprecherin auf und fragte naiv:Ich bin wohl gar nicht artig, liebe Tante? Onkel Eduard würde dann wieder so traurig aus­sehen wie gestern, als ich dem fremden Herrn nicht die Hand geben wollte. Aber nein, ich werde schon vernünftig sein und nicht fortlaufen."

Und dabet rollten unwillkürlich die dicken Thränen wieder über die blaffen Wangen des kleinen Mädchen», aber energisch