Ausgabe 
18.4.1895
 
Einzelbild herunterladen

Donnerstag den 18. April

V * V V

ÄNmeMMf

UnterhaUungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)

Unebenbürtig.

Roman von H. von Ziegler.

(Fortsetzung.)

Faffe Dich, mein armer Wildenstein," sprach der Baron, sich zu dem Freunde ntederbeugend,Sie ist nun droben im ewigen Frieden, und al» sie heimgtng, geschah'» versöhnt mit Dir!"

Wann starb sie? Weshalb erfuhr ich nichts davon?" fuhr Wtldenstein zornig in die Höhe,ich wäre zu ihr geeilt weiß es Gott, durch Waffer und Feuer, um um sie noch einmal zu sehen!"

Du warst unterwegs, Rudolf, am selben Tage, da ich Deinen Brief aus Marseille erhielt, kam auch das Telegramm aus Mitau, welches mich sogleich hinrief."

Und Du warst bei ihr, Du Vielgetreuer," leidenschaftlich preßte der Graf des Freundes Hand,wie bist Du reich gegen mich! Sie hat dich angelächelt und an mich nicht mehr gedacht!"

O, doch, Rudolf, ich sagte es Dir schon einmal. Als sie zum letzten Male zur Besinnung kam, ehe der Todeskampf eintrat, hielt sie mir die kleine Hand hin und sagte röchelnd: Grüßen Sie Rudolf und sagen Sie ihm, daß ich ihn noch immer liebe!"

Therese," stöhnte Wildenstein verzweifelnd,Du Engel! So hast Du an mich gedacht auch in der schwersten Stunde! O, ich Elender sie ist tobt und ich komme zu spät!"

Faffe Dich, Rudolf," mahnte Hohenthal mit zuckenden Lippen,sei ein Mann! Ihr ist wohl nach all dem Leid, durch welches sie im Leben hindurch mußte."

Erzähle mir von ihr," bat der Graf nach einer Weile, al« er seine Faffung zurückgewommen,Du hast so lange nichts geschrieben und ich sehnte mich unsäglich nach einer Nachricht!"

Sie lebten in Mitau in Rußland, wo Stetten eine sehr vortreffliche Anstellung hatte, außerordentlich glücklich; Therese schrieb die heitersten Briefe und auch auf ihrem letzten Bilde sah sie blühend schön au»."

Wo ist da» Bild; Eduard, um Gotte« Barmherzigkeit willen, zeige e« mir!"

Seufzend nahm Hohenthal eine Photographie aus seinem Portefeuille, reichte es dem Freunde und dieser unterdrückte nur mühsam einen Ausruf unsäglicher Qual.

Therese, mein Liebling! Meine einzige Schwester, warum kam ich zu spät!"

Rudolf," brach hier der Baron voll Bitterkeit los, weshalb hast Du nicht früher auch nur ein einziges solches Liebeswort für sie gehabt! Wie konntest Du sie von Dir stoßen!"

Du hast recht, Freund," stöhnte Wildenstein.Mache mir Vorwürfe, ich verdiene sie! O, und ich wollte sühnen alles, was ich verbrochen, mit heißer Liebe sühnen und nun schlummert sie schon im Grabe!"

O lieb, so lang Du lieben kannst," sprach Hohenthal feierlich, während sein Auge sich umflorte.Nein, Rudolf, ich will Dir keine Vorwürfe machen, sie hat ja vergeben und unser Herrgott wird es auch. Du leidest unsäglich, Du Armer."

Therese," murmelte der Graf, das Bild an seine Lippen preflend,könnte ich statt Deiner im Grabe liegen! Vielleicht brächte Deine milde Hand mir einen Kranz! Welche Strafe ist doch oft das Leben, tausendmal besser der Tod aber er kommt nicht!"

Zur Stetten ist vor einer Stunde nach Italien ab­gereist," sagte Hohenthal ablenkend,er will ein längere« Gastspiel dort geben und hat mir indeß die Sorge für sein Kind übergeben. Nora soll in eine Pension gebracht werden-"

Hat er von mir gesprochen?"

Der Baron nickte ernst.

Ja, er erzählte, daß Du ihn im Theater aufgesucht und angesprochen habest."

Aber er sagte nicht« von Theresen« Tode?"

Nein, er wollte Dir nicht dort den furchtbaren Schlag versetzen, Du solltest alle» durch mich erfahren."

Wildenstein empfand mit scharfem Weh da» feine Tact- gefühl des Mannes, den er bislang für seinen Feind gehalten, doch er schwieg und Hohenthal fuhr fort:Aber er nahm mir da« Versprechen ab, gegen Nora, auch wenn sie älter werde, nie zu erwähnen, wer ihre Mutter gewesen oder auch daß Du ihr durch Bande de« Blute» verwandt gewesen."

Eine harte, furchtbare Bedingung! So darf ich auch