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Herr Alfred Kronberg," wendete er sich, den junge« Herr« vorstellend, zu den Anwesenden.
„Gestatten Sie, meine Herrschaften," entgegnete, stch verbeugend, der junge Mann, „daß ich, in Folge meiner langen Abwesenheit hier fremd geworden bin, selbst etwas zu meiner Personalbeschreibung hinzufüge. Ich studirte in Wien und Zürich Medictn und habe nach wohlbestandenem Examen mich als Doctor der Heilwiflenschaften vor ungefähr einem halben Jahre in Budapest niedergelassen."
„Ah, ich gratulire Dir von Herzen zu diesem schönen Erfolg," rief da erregt der Commerzienrath und schüttelte dem Neffen die Hand. Auch empstng der junge Arzt alsbald von der Dame de» Hauses, sowie von den anwesenden Gästen die besten Glückwünsche.
Bald saß der Neffe neben dem Onkel an der festlichen Tafel, aber es war seltsam, da» Erscheinen de« für verschollen gehaltenen Reffen legte stch wie ein Alp auf die Festkimmung und der Hausherr hob viel früher als sonst die Tafel auf.
I« leiserem Ton wendete er sich an den Neffen:
„Da ich annehme, daß Dich nicht allein da» Fest zu mir führt, bitte ich Dich, mir zu sagen, wenn Du die Geschäfte erledigen möchtestI"
„Bitte, Onkel, lassen wir da» heute, ich bin überzeugt, daß Du meine Interessen auf da» beste gewahrt hast," entgegnete der Gefragte mit etwa» spöttischem Lächeln.
Doctor Kronberg ging bald darauf nach dem Nebenzimmer, um sich von den Kindern die Geschenke zeigen zu lassen. Er traf dort Fräulein Werner, die Gouvernante. Bald sagte er zu ihr: „Al« ich, ein Fremdling, in den mir fremd gewordenen Kreis eintrat, erfreute es mich, einem bekannten Gesicht zu begegnen. Sie werden stch meiner nicht mehr errinnern, mein Fräulein, was ich sehr natürlich finde.
„In der That, ich weiß nicht, wo ich Sie je gesehen haben sollte, Herr Doctor," war die verlegene Antwort der Gouvernante. ,
„Sechs Jahre ist es her, da kniete ich an meiner Eltern Grabe, um in einer entscheidenden Stunde meines Leben» Trost und Kraft zu suchen. Gerade am Weihnachtsabend war e», wo ich mich damals so einsam und unglücklich fühlte, obwohl ich mir doch keiner Schuld bewußt war. Schon dämmerte es auf dem Friedhöfe, ich glaubte, allein zu sein, und lieb meinen Klagen freien Lauf. Psötzlich legte sich eme Hand auf meine Schulter und eme Stimme frug: „Warum weinen Sie heute, wo alle vergnügt sind? Gehen Sie doch mit nach Haus, bald brennen die Llchter am Christbaun. '
„Für mich brennt kein Christbaum, die Eltern schlummern hier," antwortete ich der Fragertn, einem ungefähr zwölfjährigen Mädchen. „Aber Du bist doch ebenfalls auf dem Friedhöfe. Was thust Du hier? ' frug ich das Mädchen-
„Ich brachte den lieben Großeltern Kränze auf da» Grab," entgegnete da» Mädchen. „Nun aber springe ich schnell nach Hau», man wird mich schon erwarten. Gehen Sie mit mir, bei uns ist ein sröhliches Weihnachtsfest, dort werden Sie nicht mehr traurig fein."
„Ich sagte, daß ich bereits in einer Stunde abreisen werde, weit hinaus in die Fremde. Das kleine Mädchen sah nun wohl, daß mit mir nichts anzufangen fei und sprang fort. Zu meinem Erstaunen erwartete mich aber die kleine Trösterin, als ich durch die Pforte des Friedhofes trat, fie ergriff meine Hand und begann zögernd: „Vater sagte gekern, es wäre jetzt eine traurige Zeit. Sobald die Menschen ein Unglück beträfe, nehmen sie stch das Leben, daran dachte ich, al« ich ste weinend sah, nicht wahr, da« thun Sie doch nicht. Es wäre ja eine große Sünde." Da erklangen von den Kirch» thürmen die Glocken, und bei ihren Weihnachtsklängen gelobte ich meiner kleinen Freundin, mich vor der großen Sünde zu hüten, und in meinem Herzen gelobte ich mir, für die Erreichung dieses Zieles meine besten Kräfte einzusetzen."
„Manchmal trat die Versuchung an mich heran, aber ich kämpfte fie glücklich nieder."
„Wer «ar nu« aber da« Mädchen, die damals wie ei« Engel zu mir trat?" sagte jetzt der junge Arzt mit erhobener Stimme. „Sie selbst waren es, mein Fräulein, wenn mich nicht meine Sinne täuschen. Ich erkenne Ste an den Augen und dem ernsten Blicke derselben wieder und sehe Sie noch vor mir stehen wie damals vor sechs Jahren- Voll Bitter- kett im Herzen trat ich vor einer Stunde in die« Haus, ich sah und erkannte Sie im Empfangszimmer und eine milde, versöhnliche Stimmung zog in mein Herz."
Fräulein Marie Werner hatte erstaunt der Erzählung de» jungen Manne» zugehört, dann aber senkte ste verlegen den hübschen Kopf und flüsterte leise: „Ich entstnne mich der kleinen Begebenheit, Herr Doctor und erkenne Sie jetzt auch. Ich habe oft Ihrer gedacht und hätte gern wissen mögen, ob fie glücklich geworden wären." —
„Fräulein Werner, ich möchte Sie biten, Ihrer Pflichten besser zn gedenken, die Kinder mußten längst zu Ruhe sein," so erscholl die Stimme der Frau Commerzienrath. Von den beiden unbemerkt, hatte fie in der geöffneten Thür gestanden.
Die Gouvernante entfernte stch ohne ein Wort der Entgegnung mit den Kindern, vermochte aber nicht zu verhindern, daß Doctor Kronberg ihr vorher zum Abschied die Hand reichte und ihr zuflüsterte: „Auf Wiedersehen! Und bitten Sie auch ferner bei dem Christkinde für mich, daß e» mir einen ganzen Antheil schenkt an dem wahren Glücke, welche» mir noch fehlt!" (Schluß folgt )
Vermischtes.
Bequem. Lieutenant: „Soeben komme ich von den Schießübungen, ach, ist da» angreifend I" — Dame: „Ach, das Schießen stelle ich mir leicht vor!" — Lieutenant: „Ja, Sie! Sie fetzen stch ruhig hin und lassen Amor für stch schießen!" * ,
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Aus der Kaserne. Unterosfizier (zu den soeben eingekleideten Rekruten): „So, Ihr Kerls, jetzt seid Ihr mal die traurige Civükleidung lo». Na — ich gebe Euch jetzt zehn Minuten Pause, damit Ihr Euren Stolz austoben lassen könnt!"
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Mißverstanden- Richter (welcher in einer Strafsache wegen Körperverletzung soeben einen Zeugen vernommen hat): „Nun, Angeklagter, der Zeuge will von Ihnen geprügelt sein!" - Angeklagter (eifrig): „Jetzt gleich, Herr Richter?"
Widerspruch. Radfahrer (der in der Nähe eine« Städtchens stürzt): „Sapperment, hat diese Stadt ein harte» Weichbild!" • e ♦
Auch eine Entschuldigung. „Das wird wir nu« aber doch nachgerade zu toll — gestern Abend sind drei Soldaten bei Ihnen in der Küche gewesen, Anna!" — „Der Husar hatte aber schon wo anders Abendbrod gegessen, Madame !" ♦ * e
Guter Rath. Betrunkener (der von Buben gehänselt wird): „Ihr Buben, geht heim, denn wenn Euch Eure Mutter hauen will, seid Ihr nichtsda!" *
Sonntagsruhe. „Mann, gib mir etwas Geld, ich brauche es nothwendig!" — „Was? Heute am Sonntag? Weißt Du denn nicht, daß am Sonntag die Börse Immer geschloffen ist?" * ,
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Auf Wiedersehen. Sonntagsjäger (der einen Hasen gefehlt hat): „Triumphire nicht zu früh, am nächsten Sonntag sehen wir uns wieder!"
Rtbaetien: A, Schetzda. - Druck uud Verlag der Brühl'schm Univ«fitStS->Buch- und Eteindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ©tegett.


