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Sine leidenschaftlich heiße Wallung bebte in seinen Worten und er preßte ihren Arm fest in den seinigen.
„Nein, nein,“ wehrte sie immer wieder ab, „Sie irren sich in mir, — Sie wissen gar nicht, wer ich bin. Es kann wirklich nicht fein —"
Dann waren sie unten, wo ein Bauernwägelchen mit zwei von Pferdedecken überspreiteten Strohsäcken an Stelle der Sitze und einem mageren, hochbeinigen Fuchs vorn in der Scheere auf sie vor dem Forsthause wartete. Der flachs- haarige Knecht, der sie fahren sollte, stand mit der Peitsch", neugierig glotzend, daneben.
„Die jungen Herrschaften werden sich sputen müssen," mahnte die Försterin, „der Zug wartet nicht. Aber vielleicht ist’« kein Malheur, wenn Sie sich verspäten? Vielleicht gar auf bet Hochzeitsreise, die jungen Herrschaften?" Sie lachte verständnißvoll über's ganze Gesicht.
„Nein, o nein," sagte Eugen halb unmuthig, halb verlegen, während er seiner Begleiterin beim Einstetgen half, die ihrerseits sehr roth geworden war, aber sich nur mühsam dar Lachen zu verbeißen schien, „im Gegentheil — ‘
„Na," meinte die Alte gutherzig, „lange sind die jungen Herrschaften aber noch nicht Mann und Frau, das merkt man schon."
Und sie winkte freundlich zum Abschied mit der Hand, als der Wagen sich nun unter Peitschenknallen in Bewegung setzte und den Berg hinabrollte.
Eugen hatte mit einer lässig-verdrossenen Miene den Hut geschwenkt und er murmelte ein paar keineswegs liebenswürdige Worte zwischen bett Zähnen. Ueberhaupt war er mit btefer Fahrt wenig zufrieden. Er konnte nun kein Wort sprechen, bas der dummdreiste Mensch da vorn nicht gehört haben würde, der seine großen, rothen, abstehenden Ohren schon ohnehin wie ein Hase hin und her bewegte, um zu lauschen. Und wie rasch man zur Bahn, wie überhetzt man in den Zug kommen würde. Das war Alles ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Und die, die er liebte, saß inzwischen auf dem Strohsack, der zwischen den hölzernen Wagenwänden beim Bergabfahren hin und her geschleudert wurde, dicht neben ihm mit dem lustigsten Gesicht von der Welt und schien sich nachträglich ihr Amüsement über die Abschiedsworte der alten Försterm heimlich von der Seele lachen zu wollen. So oft die Räder an einer holperigen Stelle besonders laut rasselten und ih er Beider Schultern sich fast berührten, flüsterte er ihr, wie er versprochen, mitten au» seiner Verstimmung heraus leidenschaftlich zu: „Ich liebe Sie — ich liebe Siel" Aber sie gab keinerlei Antwort.
„Wohin reifen Sie eigentlich?" fragte er im Verfolg eines geheimen Gedankens plötzlich laut. „Nach Horst?"
„Wenigstens in dieser Richtung. Und Sie nach Berlin? Da hätten Sie, glaub' ich, schon längst fahren können."
„Das weiß ich. Ich bin auch nur um Ihretwillen zurückgeblieben," sagte er trotzig. „Und ich werde jetzt auch überhaupt nicht nach Berlin fahren."
„Sondern?"
„Ich werde mit Ihnen fahren, gleichviel, wohin I"
„Das geht nicht," erklärte sie lachend. Der Gedanke schien sie außerordentlich zu belustigen. „Das geht wahrhaftig nicht.“
„Weil ich dann wieder an Altstädt vorbei muß, meinen Sie? Da wird mich Niemand sehen. Und schließlich wäre selbst da» mir egal. Oder weil Sie in'» Darnencoupee einsteigen wollen? Da» ist ja doch immer überfüllt. Und ich werde Sie auch nicht lassen. Oder ich steige mit Ihnen ein. Ich mache irgend einen Scandal. Ich bin zu allem Aeußersten entschlossen."
Sie sah ihn kopfschüttelnd an. „Vorher waren Sie viel netter, wissen Sie das? Ich bin gar nicht mehr mit Ihnen zufrieden. Lassen Sie uns doch wieder in unser altes, harmloses Fahrwasser kommen I Ja?"
„Nein," entgegnete er, immer trotziger. „Das geht jetzt nicht mehr. Vorher —" Gr machte eine kleine Pause, bis die Räder wieder einmal ganz besonders laut raffelten, neigte
sich daun nahe zu ihr und flüsterte: „Vorher war ich noch nicht so unsinnig verliebt in Sie wie jetzt, obgleich Sie mir ja gleich gefielen, — obgleich mir’» sofort wie ein Stich durch die Brust ging: Die ober keine! Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!" (Schluß folgt.)
Aas wahre Hkück.
Weihnachts-Erzählung von W. Hogarth.
(Fortsetzung.)
Seit jenem Abend waten sechs Iahte verfloffen, bet junge Mann hatte bem Onkel nie wieder ein Lebenszeichen ( von sich gegeben, und er blieb fo gut wie verschollen. 93er* s schiedene Male schon bemühte sich der Onkel bei der Behörde, l ihn al» tobt zu erklären, er erlangte bie Erfüllung biefes t Wunsches aber nicht, da aus das Checkbuch, welches der § Neffs hatte, bei großen Bankhäusern zuweilen noch große 1 Summen erhoben wurden und damit bewiesen schien, baß | der Neffe noch irgendwo lebe. Immer stand deßhalb vor l bem Cornmetzlenrath Kconberg wie ein furchtbare» Gespenst, ’ bie Drohung be« Neffen: „Ich halte Abrechnung mit Dir." f Er hörte sie, wenn bie Weihnachtsglocken läuteten, mit glühenden i Farben schienen sie ihm vom Christbaum zu leuchten. — I Ein Ueberflnß von den prächtigsten Weihnachtsgaben l bedeckte die langen Tafeln eines großen Saales in Kronberg» Hause. Doch der rechte herzliche Weihnachtsjubel und die glücksstrahlenden Kinderaugen fehlten. Die beiden Töchter des Commerzienraths, Lieschen und Marka, zehn und neun Jahre alt, musterten bereite mit sehr kritischen Blicken und mit großer Selbstgefälligkeit und Eitelkeit ihre Geschenke und tauschten ihre Ansichten aus ob ihre Korallenketten kostbarer, ihre neuen Wintermäntel moderner, ihre Puppen eleganter gekleidet seien, als die ihrer Bekannten.
Weit glücklicher nahm die siebenjährige Tochter des Hausmeister» unten in der kleinen Stube die Puppe an ihr Herz, welche von den vornehmen Kindern längst verächtlich in den Winkel geworfen ward, sie sah in ihr eine glänzende Gabe be» Christkindes, und gelobte, ganz besonder» artig zu sein, um solche Liebe zu verdienen. Unter allen Beschenkten im Hause be» Commerzienraths war jedenfalls Fräulein Werner, die Gouvernannte, am meisten befriedigt. Die funkelnden Goldstücke sollten der guten Mutter die Wirthschafts- sorgen erleichtern helfen, und die Chololade und da» feine Weihnachtsgebäck morgen Abend im heitern Familienkreis i verzehrt werden. Die arme Gouvernannte fühlte sich heute I so beglückt in bem Gedanken an die Freude der Ihrigen, für I sich selbst nur den kleineren Theil beanspruchend.
Zum Abendessen stellten sich noch mehrere Gäste ein, j denn bie Frau Commerzienrath liebte e» nicht, bett Abend nur in der Familie zu verleben.
Da» festliche Mahl nahte bereits seinem Ende, als im Vorzimmer sich Stimmen vernehmen ließen. Der Diener erschien im Rahmen der Thür, ward aber von einem jungen Mann bei Seite geschoben, welcher mit großer Sicherheit eintrat.
Seine Gestalt war schlank, das etwas gebräunte Gesicht von gesunder Frische umgab ein voller Bart, da» volle braune Haar trug er von der Stirn zurückzestrichen. Ein Glück,, daß die Aufmerksamkeit sich auf den Fremden richtete, es blieb so bem Hausherrn Zeit, seinen Schreck zu bemeiftern. Der Commerzienrath Kronberg bot in ber Thai ein Bild vollständiger Fassungslosigkeit. Sein Gesicht war bleich, seine zitternden Hände umklammerten krampfhaft den Tisch. Aber nach wenigen Augenblicken war er wieder Herr feiner selbst; er trat dem Fremden mit ziemlicher Unbefangenheit entgegen, als dieser mit klangvoller Stimme sagte: „Ich denke doch, e» bedarf keiner Anmeldung, wenn ich nach langer Abwesenheit Sehnsucht trage, da» Weihnachtsfest in ber Heimath im Kreise meiner Verwandten zu feiern.“
„Rein, nein! Du bist uns natürlich von Herzen will- . kommen," beeilte sich Kronberg zu versichern. „Mein Reffs,


