Ausgabe 
17.12.1895
 
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Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)

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Nr. 149

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Im Himmel.

Novelle von Konrad Telmann.

(Fortsetzung.)

Eugen Helmstäbt war immer noch verwirrt und ver- stimmt.

In welchem Lichte stehe ich nun vor Ihnen da? Ah! Ahl Da bin ich ja schön in die Falle gegangen. Und wie Sie mich im Geheimen ausgelacht haben werden!"

Da» hab' ich nun allerdings wirklich gethan, denn es war ja komisch."

Wer konnte denn das aber auch denken! Ich begreife immer noch nicht. Sie haben so viel Chic, Air, so viel Sicherheit"

Bin auch ziemlich weit in der Welt herumgekommen. Dazu gelangt man ja al» Gouvernante. Jetzt war ich in England, komme direct von dort her. Und ich habe mit Lord» und Lady» an derselben Tafel gespeist. Ja, wa» aus einer Landpomeranze nicht Alles werden kann, selbst wenn sie kein Druwappel ist!" Sie lachte übermüthig.

Eugen schwoll das Herz. Wenn er schon vorher in dies entzückende Geschöpf verliebt gewesen war, ihr ausgelaffener Spott jetzt brachte ihn vollends um seinen Verstand.Sie sind grausam, mein Fräulein," sagte er, die Hände über seiner Brust kreuzend.Einen, der sich auf Gnade und Ungnade ergibt, lacht man nicht so unmilde aus. Man weiß ja, wie gedemüthigt und elend er stch schon ohnehin fühlt. Seien Sie großmüthig und verzeihen Sie meiner Ahnungslosigkeit."

Wenn ich nur wüßte, wa» ich eigentlich verzeihen soll," erwiderte sie, immer noch mit Hellen Lachgrübchen um die Mundwinkel.Ich habe mich köstlich amüsirt viel mehr, al» sie ahnen. Und Sie haben sich mir in gar keinem un- günstigen Lichte gezeigt, sondern al» Einer, der mit seinen Ansichten nicht hinter'm Berge hält und gerade da» gefällt mir, da» liebe ich."

Er betrachtete sie immer noch als ein leibhaftiger Wander. Er hatte stch trotz ihrer tröstlichen Erklärung gründlich blamirt, das war sicher, und wenn er stch jetzt gar fein Glück mit seiner unseligen Offenherzigkeit verscherzt hätte

Wissen Sie, mein Fräulein, daß ich in diesem Augen« blick eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen Haffe und zwar ein weibliches Wesen?"

DI Sie Haffen mich?"

Sie? Wozu dieser Spott? Rein. Aber die mir zu- gedachte Landpastorentochter hasse ich. Und gründlich, leidenschaftlich. Wenn die nicht wäre, hätt' ich mich in diese Empörung gegen alle Landpastorentöchter und speciell gegen die, welche Gouvernanten werden, ja nicht hineingeredet und mich vor Ihnen nicht so bloßgestellt. Diese unleidliche Person, die ich förmlich vor mir sehe, in ihrer urgesunden Derbheit und frumben Sittigkeit, mit züchtig gesenkten Augen und einem Strickstrumpf in den großen rothen Händen, das schwarze Wollenkleid bis zum Kinn hinauf geschlossen, erwürgen möcht' ich sie. Und bei all' ihrer Gottseligkeit hält sie es nicht einmal für unmoralisch, sich dem künftigen reichen Guts­herrn von Storkow behufs Eingehung einer christlichen Ehe so ganz improvtstrt an den Hals zu werfen!"

So!" machte sie ganz interesstrt, während er nach seinem zornigen Ausbruch zuerst einmal Luft schöpfen mußte.Thut sie dar?"

Zweifeln Sie etwa daran?"

Vielleicht weiß sie von der ganzen Sache ja gar nicht» und kommt ganz ahnungslos an, während nur die beiden Onkel unter einander"

Er lachte höhnisch auf.Jawohl, warum nicht gar! Das glaube, wer mag! Abgekartete Geschichte ist'», gekapert soll ich werden, ein Golt wohlgefälliges Werk will sie thun, mich verhärteten^Junggesellen, mich lockeres Weltkind will sie aus dem modernen Sündenpfuhl Berlin erlösen und auf der ländlichen Scholle fesseln, allwo wir einen christlichen Ehestand in Zucht und Sitten führen wollen und unsersm Gesinde all­zeit mit gutem Beispiel vorangehen das kennt man I Diese wohlerzogenen höheren Töchter! Die haben'» hinter den Ohren. Die wollen in aller christlichen Demuth vor allen Anderen versorgt sein. Sie nehmen die» Fräulein ich weiß gar nicht einmal, wie sie heißt die Nichte unseres alten, braven Pastors Riemer, jetzt doch bloß in Schutz, um mir zu opponiren, meine Gnädige, oder, um es noch ein bischen drastischer zu sagen, um mich zu ärgern, nicht?"