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Unterhaltungsblatt pnn Gießener Anzeiger (General -Anzeiger).
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Trug-Glück.
Roman von Thekla Hempel.
(Fortsetzung.)
Elisabeth hatte am heutigen Abend nur zu sehr errathen, wie sehr sie diesen bevorzuge und wußte, daß Löwens Stolz dies ihr nie verzeihen werde. Wie einen körperlichen Schmerz empfand sie den trüben Blick von Löwens Augen, fein stolzes Abwenden, als er sah, wie sie anders gewählt hatte. Ob sie noch;, bereuen würde, daß sie seinen Antrag verschmäht? Ob das berauschende Leben in der großen Welt ihr dereinst schal und nüchtern erschien, ob sie dann sehnend die Arme aus» streckte nach jenem stillen, friedlichen Glück, welches er ihr verheißen? Er hielt, was er versprach, sein edler Sinn verschmähte die geringste Unwahrheit, allein für sie war er verloren, es gab kein Zurück an ihm, was auch die Zukunft ihr bot. Elisabeth war ihrer Glückes oder ihres Unglückes Schmied.
Ein Brief lag auf ihrem Tische- Er war in ihrer Abwesenheit gekommen. Sie bemerkte ihn jetzt erst. Ah, von Gretchen von Laßwitz, der Tochter Wes Gutsherrn in der Nähe ihrer früheren Heimat. Sie öffnete und las:
„Liebe Elisabeth!
Warum bist Du so weit fort, geliebte Freundin, daß ich Dir nicht mündlich sagen kann, daß ich eine glückliche Braut bin! Nicht wahr, Du bist sehr überrascht? War ich es doch selbst, als er mich frug: „Willst Du mein sein?" Erst erschrack ich beinahe, aber bald fühlte ich es klar, daß wir zusammen gehören. Vertrauensvoll legte ich meine Hand in die feinige, ich weiß, er wird mir ein treuer Führer und Halt sein in Glück und Unglück. Gott segne unfern Bund! Willst Du auch wissen, wer der Mann eigentlich ist, der mir das Herz geraubt? Du wirst Dich erinnern, daß wir auf unseren Spaziergängen oft eine schöne Besitzung bewunderten; sie lag auf der Bergeshöhe. Das alterthümltche Schloß mit Thürmen und Erkern, mit den unzähligen Fenstern stand in stolzer Einsamkeit auf dem «erge und das Dorf lag unten im Thals. Wir schwärmten oft darüber, wie herrlich es drinnen im Schlosse sein müsse,
fanden aber leider keinen Weg, der dahin führte. Still und verlassen lag es da; nur ein alter Hausmeister hielt LWache im kleinen Nebengebäude. Der Besitzer des Schlosses
und feine Gemahlin waren jung gestorben, der einzige Sohn —kehrte kürzlich erst von langjährigen Reifen heim, sein Erbe
zu übernehmen. Er suchte uns auf, bat, öfter kommen zu dürfen, besonder» am Weihnachtsabend, ihm wäre so einsam in den großen, weiten Räumen zu Haus. Du weißt, ich bin an dem herrlichen Christfest stets wie ein Kind; bewundernd stand ich bei dem hellglänzenden Baum, da trat er an meine Seite, er sprach von seinem einsamen Leben, trotzdem habe er Heimweh gehabt in der Fremde, oft habe er meiner gedacht. - Aber ich kann es nicht in Worten sagen, noch manche Woche verstrich in Hangen und Bangen, nun ist es klar und hell in uns, Albrecht von Hochberg ist mein Verlobter. Elisabeth, Du mußt unser lieber Hoch» zeitsgast sein, mir den Myrthenkranz binden und recht bald mir als Braut nachfolgen. Hier in unserem stillen Leben habe ich doch auch ein Vöglein fingen hören, von meinem glühenden Verehrer meiner Elisabeth. Rittmeister von Löwen ist Albrechts Freund und steht mit ihm in regem Briefverkehr. Löwen soll ein vorzüglicher Mann sein. — „Wohl dem Mädchen, die Löwens treues Herz ihr eigen nennen darf," sagte mein Bräutigam."
Dieser Brief von der Freundin machte mit seinem in- tereffanten Inhalt eine Zeit lang einen tiefen Eindruck auf Elisabeth, doch ihr eitle» Herz hing jetzt an anderen goldenen Träumen und bald legte sie den Brief weg, dabei flüsternd: „Da hat da» gute Gretchen ihr Ziel kaum erreicht, so meint sie mir rathen zu müssen."
Dann fuhr sie laut fort: „Nein, mich gelüstet nicht nach dem stillen Leben, hinaus zieht es mich in die große, weite Welt, den Flug will ich wagen hinauf zur goldenen Sonne, ich bedarf des Glanzes und —" Klirrend fiel ein Schmuck- stück, womit sie, ohne es zu wissen, gespielt, auf den Fußboden, sie erschrack und bemerkte nun erst fröstelnd, daß der Morgen bereits graute.
Erst nach langem Wachen fand Elisabeth den Schlummer, allein es war kein erquickender Schlaf, böse Träume quälten sie. Sie sah sich erst verehrt und dann plötzlich verfolgt von Graf Bretow, und bei der Verfolgung hatte er sich in einen


