Ausgabe 
17.8.1895
 
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Bunde, der ihr Grauen einflößte, ihre Einwilligung versagen. Doch zu diesem Kampfe fehlte ihr der sicherste Verbündete: ihr Kind.

Warum war er nicht bei ihr?

Die Anwesenheit dieses lebenden Zeugen ihrer Liebe für einen Andern würde den Marquis überzeugen und Lowendaal zwingen, auf sein Begehren zu verzichten. Sie fragte sich mit wachsender Unruhe, was Catherine Lefebvre hindere, ihr Ver­sprechen einzuhalten.

Die Nacht war gekommen und sie konnte nicht mehr in die Umgebung hinausspähen. Sie verfiel in ein tiefes Sinnen, während fie an die Armeen dachte, die ihre° düsteren Mafien gleich einem Netze um das Schloß zogen. Sie sagte fich, daß Catherine sich gewiß fürchtete, unter all' diesem Kriegsvolke sich auf den Weg zu machen; man hatte sie vielleicht ge­zwungen, ihre Reise zu verzögern.

Sie wird nicht kommen," dachte fie schmerzlich,und wer weiß, ob ich mein Kind je wtedersehe?"

Entsetzt bei dem Gedanken, zu dieser verhaßten Heirath gezwungen zu werden, verzweifelt, die Ursache des Ruins und vielleicht des Todes ihres Vaters zu sein, verfiel fie auf den

Gedanken, zu fliehen.

Die Nacht war nahe und die Nachbarschaft der beiden

Armeen günstig. Inmitten aller dieser Soldaten konnte sie leicht durchschlüpfen, denn die Straßen waren mit armen, erschreckten Leuten, die vor den Truppen flohen, erfüllt. Eine Frau konnte unbemerkt oder wenigstens unverdächtig hindurch­schlüpfen.

Sie würde irgend eine Stadt, Brüssel oder Lille, erreichen und von dort sich nach Paris, nach Versailles auf dis Suche nach Catherine und ihren kleinen Henriot begeben. Sie befaß Juwelen und etwas Geld; einmal von diesem verhaßten Schlosse entfernt, würde sie ihrem Vater schreiben und dieser, sobald der erste Moment des Zornes vorüber war, würde ihr gewiß Hilfsmittel zusenden.

Nachdem sie diesen Plan gefaßt hatte, begann sie, sich sofort an die Ausführung desselben zu machen. Sie ergriff eine kleine Tasche, in die sie, was sie an Kostbarkeiten besaß, durcheinanderwarf. Dann hüllte sie sich in einen Reisemantel und nahm au» Vorsicht einen zweiten Mantel mit sich, der ihr in den unbequemen Wirthrhäusern, in denen sie unterwegs Zuflucht nehmen mußte, als Decke und Matratze dienen sollte.

Nachdem fie dafür Sorge getragen, daß das Licht in ihrem Zimmer deutlich und sichtbar brannte, öffnete sie die Thür vorsichtig, schlich auf den Fußspitzen hinaus, die Corri- dore sondirend, den Athem zurückhaltend und jeden Augenblick ängstlich bedrückt und doch tapfer stehen bleibend. Endlich gelaugte fie zu einer Thüre, die in die Gemüsegärten führte.

Geräuschlos schob sie den Riegel zurück und befand sich im Freien.

Die Nacht war frisch, schön, nicht allzu dunkel. Sie mußte es beim Durchschreiten des freien Platzes vermeiden, sich von den Schloßleuten sehen zu lassen. Wenn fie einmal den hinter den Mauern des Parkes gelegenen Wald erreicht hatte, war sie gerettet. Selbst wenn man ihre Flucht be­merkte, konnte man ihr in diesem dunklen Dickicht nicht folgen. Während sie vorsichtig um die Gebäude des Schlosses schlich und an einem hell erleuchteten Saale im Erdgeschosse, wo die Dtenstleute ihre Mahlzeit beendeten, vorüberkam, meinte sie, hinter einem Baume verborgen zwei fremde Gestalten zu sehen. r. Sie fuhr zusammen und blieb stehen. Langsam lösten sich die zwei Gestalten ab und kamen auf sie zu.

Die Furcht lähmte sie, sie wagte weder zu fliehen, noch vorzutreten, noch zu schreien.

Deutlich unterschied sie eine lange und magere Silhouette eines 'Mannes und dann eine Frau, welche einen kurzen Rock und einen kleinen Hut mit aufgebogener Krämpe trug.

Zwei Secunden später befanden sich der Mann und die Frau neben ihr.

ich

»Still! Wir find Freunde," sagte die Frau lebhaft. .'.Diese Stimme!" murmelte Blanche.Wer sind Sie, fürchte mich, ich werbe rufen!"

Rufen Sie nicht! Sagen Sie, wo könnten wir Fräu­lein Blanche von Laväline finden?"

Ich bin e« selbst. Bei Gott, Catherine! Ich erkenne Deine Stimme!" rief Blanche freudig.

Ueberrascht und sroh theilte Catherine Blanche rasch mit, daß sie in Gesellschaft La Violettes, den sie vorstellte und der sich sogleich in respectvolle Habt-Achtstellung setzte und militä­risch grüßte, komme, um mit ihr von dem Kinde zu sprechen und es ihr zu übergeben, wenn sie es inmitten der Unordnung eines Krieges übernehmen könne.

Wo ist mein kleiner Henriot?" fragte Blanche zitternd, weil sie eine schreckliche Nachricht zu hören fürchtete.

Catherine beruhigte fie rasch.

Aber dieses Costüm?" fragte sie, über den Anzug der Marketenderin erstaunt.

Catherine erzählte ihr, daß sie im Regiments diene und daß ihr kleiner Henriot inmitten der Voltigeure des 13. Regi­ments schlafe.

Blanche wollte sich sofort in's Lager begebe», doch Catherine rieth ihr, lieber im Schlosse zu bleiben. Am nächsten Morgen, beim Tageslichte, würde man über die Bewegungen der österreichischen Armee im Klaren sein. Vielleicht okkupirten die Franzosen das Schloß, dann war nichts leichter, als ihr das Kind zuzusühren. Sich mitten in der Nacht hinaus­zuwagen, wo überall Eclaireure streiften, war Wahnsinn.

Das ist gut für mich; eine Marketenderin, die darf zwischen zwei Armeen Herumlaufen," sagte Catherine lustig, und La Violette fügte hinzu:Mademoiselle, Sie wissen nicht, was das heißt, Angst haben. Ich kenne das. Bleiben Sie hier, so ist es besser. Madame Lefebre, sagen Sie ihr doch, daß es noch Oesterreicher in den Hopfenfeldern geben kann."

Catherine bestätigte die Ansicht La Violettes. Blanche sollte die Nacht im Schlosse verbringen. Am nächsten Morgen würde man sie benachrichtigen-

Aber Fräulein von Lavaline erklärte Catherine, daß sie aus dem Schlosse fliehen wollte, wo man sie noch in dieser Nacht für immer mit dem Baron Lowendaal verbinden würde.

Was thun?" fragte sich die gute Catherine bestürzt und murmelte vor sich hin:Was für ein Unglück, daß Lefebvre nicht mit uns ist. Der würde uns einen guten Rath geben. Wenn wenigstens dieser Dummkopf da eine Idee hätte," brummte sie, indem sie La Violette anblickte.

Nun, hast Du eine Idee, Du?" fuhr sie den Kantinen­gehilfen rauh an.

Wenn Sie wollen, Madame Lefebvre," antwortete er schüchtern,gehe ich in'» Lager zurück und hole den Kleinen."

Catherine zuckte die Achseln.

Dich möchte ich sehen, La Violette, mit einem Kinde auf dem Arme."

Wenn ich mit Euch ginge?" sagte Blanche lebhaft. Ja, ja, Catherine, erlaube mir, Euch zu begleiten."

Aber die Gefahr, die Kugeln, die Schildwachen!"

Davor fürchte ich mich nicht- Hat denn eine Mutter vor irgend etwas Angst, wenn sie ihr Kind umarmen will?"

Catherine wollte Blanche nachgeben, als ein Stimmen­geräusch sie zwang, zu verstummen und sich hinter einer Baumgruppe zu verbergen, deren Schatten sie beschützen konnte.

Von sackeltragenden Lakaien umgeben, sagte Baron Lowen­daal zu einem seiner Bedienten:Benachrichtigen Sie Fräu­lein von Lavaline, daß die Zeit vorgeschritten ist und daß ich sie mit dem Marquis, ihrem Vater, in der Kapelle erwarte."

Der Baron schritt über den Rasenplatz vor dem Schlosse und begab sich in die Kapelle, einem kleinen Gebäude, das sich rechts inmitten einer Wiese befand.

O Gott, ich bin verloren! Man wird mein Verschwinden bemerken," murmelte Blanche.

Wir müssen Zeit gewinnen, aber wie? O, es gibt ein Mittel, aber es ist recht gefährlich," sagte Catherine.

Was für eines? Sprich, meine gute Catherine. Ich will lieber Allem trotzen, als diesen Mann heirathen. Ich werde nicht in die Kapelle gehen."