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UntrrhaUmigsblatt jum Gießrnrr Adriger (Oeneral-Anpiger).

Dora.

Novelle von Marie Treuter.

(Schluß.)

Ein Jahr war vergangen.

Da sollte dennoch der Tag kommen, der mich mit seliger Wonne, aber auch mit einer grenzenlosen Bitterkeit erfüllte.

Dora warf sich eines Tages an meine Brust und gestand mir unter Thränen, daß sie meinen Bruder liebe und von ihm wiedergeliebt würde.

Und seit wann, Dora," frug ich in angstvoller Er­wartung,seit wann fühltest Du, daß Du Willi liebst?"

Schon damals in Thüringen," schluchzte das erregte Mädchen,ich wagte nur nicht, es Dir zu gestehen."

Also Mangel an Vertrauen und eine fast zu große Schüchternheit von Seiten meiner Kindes hatten mich um düs Glück eines Jahres betrogen! Mehr noch, sie hatten dieses Jahr für mich zur fortfährenden Qual gestaltet. Ich hielt Doras verändertes Wesen, oder ihre fast an Abneigung grenzende Zurückhaltung meinem Bruder gegenüber für ein Zeichen, daß sie eine andere Liebe im Herzen trage, die Liebe zu dem Manne, deffen Bild auch mein Herz erfüllte. Vielleicht so glaubte ich ahnte sie, was im Herzm der Mutter vorging, und diese Eckenntniß schloß ihm die Lippen. Eine Frage, die ich bald nach unserer Abreise von dem Badeorte an sie gerichtet hatte, ließ meine Vermuthung damals zur Gewißheit werden.

Dora," hatte ich mein Kind gefragt,Dora, was würdest Du thun, wenn ein Mann, den Du sehr, sehr lieb hättest, etwa so lieb wie den Onkel Willi, urplötzlich Dein Vater würde?"

Dora hatte mich angeblickt, erstaunt, entsetzt, dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und rief in verzweiflungs­vollem Tone:Dann, Mutter, würde ich sterben."

Von diesem Tage an betrachtete ich meine Liebe als verloren. Meinen Bruder trieb die scheinbare Abneigung Doras fast zur Verzweiflung.

Jetzt warfen Doras Erklärungen ein ganz anderes Licht auf diese Einzelheiten. Auf «meine Frage, warum sie nie von dieser Liebe zu meinem Bruder gesprochen hatte, legte

Dora ein Geständniß ab, wie es abenteuerlicher, sinnver­wirrender nie von einem Romandichter ersonnen werden könnte. Sie hatte die Unterredung mit mir, die dem ersten Besuche des Predigers im Garten unseres Hauses in L. ge­folgt war, theilweise mit angehört. Allerdings hatte sie den Sinn derselben nicht verstehen können, aber dennoch so viel gehört, daß wir ihre Person mit der des Predigers in Ver­bindung brachten. Sodann hatte sie gesehen, was ihr nie aufgefallen war, daß mich mein Bruder zärtlich umarmt und geküßt hatte. Schon damals habe sie eine fast abgöttische Liebe für ihren jugendlichen Onkel empfunden, und die Zärt­lichkeiten, die er mir erwies, hatten in ihrem Herzen eine wilde Leidenschaft entfacht, die sich bald in heftige Eifersucht verwandelte. Nun kam noch hinzu, daß mein Bruder nach dieser Unterredung weniger harmlos und ungezwungen mit Dora verkehrte, jedes Alleinsein mit ihr vermied, überhaupt nur selten und auf kurze Zeit seine Heimath besuchte. Alle diese Umstände und Manches, was ihr, dem Heranwachsenden Mädchen, aus ihrer frühen Jugend dunkel und unklar er­schienen, hatten die Veranlaflung gegeben, daß sich in ihrem phantastereichen Köpfchen ein Gedanke bildete, wie er aben­teuerlicher wohl noch von keinem Dichter ersonnen wurde.

Dora bildete sich ein, mein Bruder liebe mich. Wie so vieles, was man ihr absichtlich verborgen hatte, nahm sie an, hätte man ihr auch verschwiegen, daß mein Bruder und ich nicht leibliche Geschwister seien- Die Frage, die ich bald nach unserer Abreise von L. an sie gerichtet hätte, habe ihre Vermuthung zur Gewißheit werden lassen. Zum Neber» flusse hatte sie während des Wachens vieler Nächte an meinem Krankenbette Manches gelesen, unter Anderem auch das Lustspiel:Die Geschwister" von Goethe. Der Gedanke, daß sie den geliebten Onkel dereinst vielleicht würde Vater nennen müssen, hatte sie fast wahnsinnig gemacht.

Daß Ihr meinen Namen mit dem des Predigers in Verbindung brachtet, führte mich auf den Gedanken, die er­wachsene Tochter wäre Euch ein Htnderniß zu Eurem Glücks," so schloß Dora ihre Beichte,und Ihr wolltet mich an diesen Mann verheirathen, zumal er, wie ich später bemerkte, auch selbst ein Zusammentreffen mit mir zu suchen schien."

Ich hatte keine Worte auf diese Enthüllungen- Eine Bitterkeit hatte mein Herz ergriffen, so tief, so schmerzlich,