Ausgabe 
17.1.1895
 
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Bernhardine Melchior ging soeben an uns vorbei, sie sah tatsächlich aus wie das böse Gewissen."

Nun, wenn Willibald sie gerettet hat, wird sie mit ihrem Gewiffen einen schweren Stand haben," bemerkte Tante Dorothea,es ist ein eigen Ding damit und läßt sich weder beschwichtigen noch verspotten. Es besiegt schließlich den hoch« müthiasten Pharisäer und den verknöcherten Selbstling.

(Fortsetzung folgt.)

Neber das Heirathen.

Gott der Herr sprach:Es ist nicht gut, daß' der Mensch allein sei." Die Ehe ist also eine göttliche Stillung. Jeder Mensch hat von Natur aus die Bestimmung in sich, mit einer Gefährtin oder einem Gefährten dies kurze Erdenleben ru durchwallen und wer diese Bestimmung verfehlt, hat theil- weife den Zweck des ganzen Leber s verfehlt. Dieser Satz gilt aber weniger vom männlichen als vom weiblichen Ge­schlechte. Ein Mann kann auch unverehelicht in Glück und Zufriedenheit sein Leben beschließen; denn er findet überall seinen Beruf: in der Werkstatt, am Pfluge, im Staatsdienst, in der Schulstube, im Militärdienste, im Kaufmannsstanöe und im Fadrtksaal. Anders ist es beim Weibe. Das Loos einer Jungfrau ist grundverschieden von dem eines unver- heiratheten Mannes: ihr sind Inder nicht so zahlreiche und manigfaltige Bahnen für ihre Thätigkeit geöffnet. Der na­türliche und einzige glückliche Beruf des Weibes ist, eine liebende Gattin, erheiternde Erzieherin der Kinder zu sein. Darum ist es auch natürlich, wenn der innigste Wunsch einer leben braven Jungfrau dahin geht, einen tüchtigen Mann zu bekommen. Leider müffen heutzutage immer mehr und mehr wohlerzogene, ehrenwerthe Töchter, wenn sie nicht das Glück haben, von Haus aus reich zu sein, auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten. Neben dem eigenthümlichen Umstande, daß überall das weibliche Geschlecht an Zahl das männliche bei Weitem überwiegt und somit ein für dis Heirathscandi- datinnen ungünstiges Verhältniß besteht, macht sich feit Jahren bei den Männern eine sichtbare Unlust zum Heirathen be­merkbar. Woher diese Erscheinung? ,

Den hauptsächlichsten Grund, weßhalb viele junge Männer vor der Ehe zurückschrecken, haben wir in den ver- s Glimmerten sscialen Zuständen zu suchen. Diese,spitzen sich gegenwärtig so zu, daß der Mittelstand mit mathemati cher Genauigkeit erdrückt werden muß. Ist es ja jetzt auch schon dem fleißigsten und strebsamsten Arbeiter fast unmöglich, es auf einen grünen Zweig zu bringen I Der unbemittelte, gering besoldete Mann hat, wenn er heirathet, die sichere Aussrchi, so lange er lebt, Tag für Tag zu sinnen und zu sorgen, zu darben und zu hungern, um seine Familie durchzubringen, um seine Kinder zu Bürgern heranzuzieh en, denen später da» gleiche harte Loos wieder zu Theil wird. Wer will auf einen jungen Mann, der Angesichts einer solchen trüben Zu- kunst auf den Ehestand verzichtet, einen Stein werfen?

Ein fernerer Beweggrund zur Ehelosigkeit ist die große Anzahl der unglücklichen Ehen. Blicken wir um uns her, - wie selten find wahrhaft glückliche Ehen, von denen man sagen könnte, sie find ein irdischer Himmel! Wie zahlreich dagegen sind die Ehen, in denen Gleichgültigkeit, Ueberdruß und Uneinigkeit herrschen! Ja, schon mancher verständige Jüngling hat beim Anblick solcher Ehen den Muth verloren, selber eine einzugehen. Und nun, liebe Leserin, werde mir nicht zornig, wenn ich den größten Theil der Schuld an diesen Ehen auf Dein Geschlecht schiebe, resp. der verfehlten Mädchenerziehung. _

Die heutige Erziehung der Töchter ist mancher Orts auf schiefe Ebene gerathen und dazu angethan, die jungen weiblichen Gemülher schon in den ersten Jahren zu Grunde zu richten- Um ihnen Männer aus einem besseren Stande zu verschaffen, bildet man sie für eine Stellung im Leben

aus, die sie selten oder nie erreichen. Indem man sie lehrt, sich schön zu kleiden, reizend zu tanzen und zu singen, auf dem Klavier zu klimpern und recht manierlich zu thun, werden sie verbildet und für das wirkliche Leben unpractisch gemacht. Sie können nicht kochen und putzen, nicht waschen und flicken, haben überhaupt keine Idee von der Führung einer Haus­haltung. Welcher verständige junge Mann mag einer solchen Gestalt die Hand zum ewigen Bunde bieten? Und, wenn dennoch manche dieser thörichten Jungfrauen au» leiden- fchaftlicher Liebe, oder, weil sie einen großen Capitalstock be­sitzt, zum Mare geführt wird, ist es zu verwundern, wenn sich nach kurzer Zeit der Mann enttäuscht und unglücklich fühlt? Es brauchen bei einem solchen Paare nur noch Na- rungssorgen dazu zu kommen, welche es dem Manne fast un­möglich machen, den Ansprüchen der Frau Genüge zu leisten, so ist der gänzliche Ruin des ehelichen Glückes unvermeidlich. Auch in der Armuth giebt es glückliche Ehen, aber überall, wo diese zu Hause sind, finden wir eine bescheidene einfache Frau- Diese ist die Trägerin des ehelichen Glückes.

Wenn Ihr also, liebe Leserinnen, wünscht, daß die jungen Männer wieder mehr Lust und Liebe zum Ehestande bekommen, so macht Euch selber zuerst wieder begehrens» werther, d, h. verbessert, was an Eurer Erziehung gefehlt wurde. In diesen Bestrebungen dürften folgende Gedanken vielleicht der Beherzigung werth sein :

Eine Jungfrau, die nicht den Muth fühlt, jede, auch die drückendste Lage mit ihrem Gatten zu theilen, soll nie hei­rathen ; denn keine Familie ist sicher,. daß sie nicht in Noth und Elend kommt- ,,

Eine würdige Jungfrau ist nie kokett. Eine kokette Jungfrau reizt, gefällt auch wohl, aber feffelt niemals dauernd. Wenige lieben die Tulpen, alle das Veilchen.

Die Kleidung einer verständigen Jungfrau fei ohne Luxus- Einfachheit und Reinheit sind die einzigen Grund­pfeiler der Frauentoilette, auch da, wo sonst die finanziellen Verhältniffe größere Ausgabe erlauben würden.

Eine schöne Jungfrau ohne ein edles Herz gleicht einer Blume ohne Geruch; man betrachtet sie flüchtig, flückt sts aber nicht. Sie gleicht ferner einem äußerlich fchönen, jedoch schlecht gebauten Hause; dem Vorübergehenden gefällt es, den Besitzer bringt es ins Unglück.

Heirathe eher einen Mann, den Du mehr achtest, al« liebst; verbinde Dich nie mit einem, den Du nur liebst, ohne ihn wahrhaft achten zu können- Nur mit einem character« festen, tüchtigen Manne, wenn er auch eine harte Schale hat, kannst Du dauernd glücklich sein-

Bist Du verheirathet, so denke, daß der Ehestand einem Mühlenwerke gleicht. Gut mahlen nur ein harter und ein weicher Stein. Der Natur der Sache nach muß der Mann der harte Stein fein; sei Du darum weich.

Gehe als junge Frau nie darauf aus, der Welt zu ge­fallen ; die Neigungen und Wünsche Deines Mannes seien für Dein Thun maßgebend. Eine Frau, die fremden Männern mehr als dem ihrigen gefallen will, gleicht jener thörichten Schäferin, welche fremde Schafe fütterte und die ihrigen aber, die ihr Kleidung und Nahrung gewährten, vernachlässigte.

- Beklage Dich bei Niemandem, selbst nicht bei Deinen Eltern, über Deinen Mann. Thust Du das, so gibst Du dem Eindringen fremder Gestalten Raum» welche nicht selten vernichtend auf die sonst so nothwendtge Harmonie und Einigkeit wirken.

Bemerkst Du, daß Dein Mann am^Trinkeri, Spielen und Kegeln Vergnügen findet, so mache ihm, wenn nämlich diese Liebhabereien übertrieben werden, ernste Vorstellungen; Schmollen, Zänkereien und heftige Auftritte, würden Alles verderben.

Verlange von Deinem Manne nicht, daß er nach des Tages Arbeit immer bei Dir sei. Der Mann muß gesell­schaftliche Berührung haben, sonst versauert er, und damit ist Dir und der Familie auch nicht gedient.

Slebactiou: A. Schcyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei ($r. Ehr. Pietsch) in Eichen.