Ausgabe 
17.1.1895
 
Einzelbild herunterladen

80

He Wohnstube zurück begab, wo wirklich der Eandidat, blaß und hinfällig, in einem Sessel saß.

Wie geht'« Ihrer armen kranken Schwester, Herr Can- didat?" fragte Leonore theilnehmend.

Danke, Fräulein, nicht zum Besten," erwiderte Melchior sehr gedrückt,die arme Lucie hat sich, wie ich fürchte, den Tod in dieser Schreckensnacht geholt Hätte ich nur ahnen können, daß die Fluth eine solche Höhe erreichen würde! Aber Bernhardine lachte mich aus, als ich davon sprach, die Kranke vorher in Sicherheit zu bringen. Wir haben'«, so lange ich denken kann, ja auch noch nie so hoch gehabt und waren oben stets geschützt. E« soll deshalb kein Vorwurf für sie sein, Gott bewahre. Die Arme ist wie ausgewechselt und jetzt bestraft genug."

Leonore tauschte einen raschen, bedeutungsvollen Blick mit ihrem Vater. Hatte der Candidat wirklich keine Ahnung da­von, wer ibn und die Schwester gerettet? Es schien so, da er jetzt die schreckliche Lage schilderte, in welcher er sich mit der bewußtlosen Lucie befunden, sowie die Ankunft des Retters, den er wie einen Erlöser begrüßt hatte.

War's ein junger Mann?" fragte der Rechnungsrath.

Nun, das ist doch selbstverständlich," warf der Haupt­mann ungeduldig hin-

Ich kann's nicht sagen und wenn es mir das Leben kosten sollte," erwiderte Melchior mit einem wehmüthigen Lächeln.Meine Lebensgeister waren dem Erlöschen nahe und nicht mehr im Stande, ein Interesse dafür zu haben. Mir war's gleichgiltig, wie unser edler Retter aursah, da der ein­zige Gedanke, der in meinem Gehirn umherkceiste, stch nur auf meine arme Lucie concentrirte."

Er rettete doch auch Tante Bernhardine und die anderen Bewohner Ihre» Hauses?" fragte Leonore weiter.

Jawohl, er hat alle Frauen auf seinen starken Armen durch'» Wasser getragen," bestätigte Melchior, sich allmälig an dieser Erinnerung erwärmend,ein bewunderungswürdiger Mann! Wie ich gehört habe, ein Amerikaner, der leider bei dem letzten Rettungsversuch verunglückt ist"

Ja, so steht'» im Blatt," rief der Hauptmann,es wäre ein Jammer, wenn er sterben sollte, bann freilich müßte die ganze Stadt ihm da» letzte Geleite und da» Militär ihm eine Ehrensalve in die Gruft geben, von Recht» wegen!"

Diese Gesinnung macht Ihnen Ehre, Hauptmann!" be­merkte der Professor.Hoffentlich ist sie keine bloße Auf­wallung de» Augenblick», sondern der Ausdruck innerer lieber* zeugung."

Gewiß ist es da», Professor! Zum Henker, dieser Mann, mag er von Amerika oder vom Nordpol gekommen sein, gefällt mir und wenn'» die Aerzte erlaubten, würde ich noch heute zu ihm gehen, um ihm den Händedruck eine» Sol­daten, der den echten Muth überall zu schätzen weiß, mit auf den letzten Marsch zu geben."

Vielleicht ließe stch da», wenn auch gerade nicht heute, noch ermöglichen," meinte der Professor mit zerstreutem Blick. Alio Fräulein Bernhardine Melchior hat sich auch von jenem Fremden durch'» Wasser tragen lassen?" fragte er dann, sich wieder an den Candidaten wendend.

Ja, obwohl nur die völlige Unmöglichkeit, sich anders zu retten, sie dazu bewogen haben kann," erwiderte der Can- didat mit einem flüchtigen Lächeln.Sie spricht nichts da­rüber, wurde aber heute bei der Zeitungsmittheilung von seiner Verwundung schneeweiß int Gesicht und wischte sich dann heim­lich die Augen- Ich that, al» bemerkte ich'» nicht, sah aber deutlich eine Thräne herabtropfen, ein Ereigniß, da» ich seit beinahe zwanzig Jahren nicht an ihr erlebt habe."

Ein kurze» Schweigen folgte diesen Worten- Der Haupt­mann zerrte, vor sich hinstarrend, an seinem grauen Schnurr­bart, da er sehr gut wußte, um wen jene letzten Thränen vor zwanzig Jahren geweint worden waren. Der Professor aber schien angenehm davon überrascht zu sein, während Leonore lächelnd an'» Fenster getreten war.

Nun, es erhellt eben wieder aus diesem Ereigniß, wie der Candidat es nennt," begann endlich der Professor,daß '

wir es hier mit einem außergewöhnlichen Menschen, der selbst solche feuerfesie Herzen schmelzen kann, zu thun haben. Sie ober, lieber Candidat," setzte er, ihn besorgt anblickend, hinzu, hätten doch wirklich besser daran gethan, sich ruhig im Bett zu verhalten, Sie sehen nicht gut au». Ihre Schwester hätte Sie nicht fortlassen sollen, ich begreife da» gar nicht von ihr." Wieder huschte ein Lächeln über Melchiors Gesicht.

»Ich sagte es ihr, worauf sie nickte und mir durch den Kellner einen Hut besorgen ließ. Ich glaube, daß sie gar nicht weiter auf mich geachtet hat."

Aber wie kann sie bei solcher Zerstreutheit Tante Lucie pflegen?" fragte Leonore, erschreckt nähertretend.

O, für Lucie ist sie die Alte, eigentlich viel sanfter und besorgter al» früher. Es ist erstaunlich und das reine Wunder."

Ja, gewiß," sprach der Professor sehr ernst,das gött­liche Wunder reinster Menschenliebe, die keinen Unterschied macht zwischen Freund und Feind. Kommen Sie, Can- didat, wir bringen Sie in unserem Boot nach Hause oder vielmehr nach Ihrem Gasthof und dann sende ich Ihnen den Sanitätsrath."

Grüßen Sie meine Schwester, Professor," sagte der Hauptmann,und beruhigen Sie die gute Seele Über unsere Lage, die bei so getreuen Nachbarn ganz behaglich ist. Auch besonderen Gruß an die Mama, Lore! Wo ist denn Lisbeth?" setzte er unruhig hinzu.Es ist doch nicht schlimmer mit ihr geworden?"

Nein, Papa, da bin ich," rief diese, aus dem Neben­zimmer tretend,auch wieder ganz wohlauf. Ach, lieber Onkel Candidat, steht's wirklich nicht gut um Lucie?"

Mit Gottes Hilfe wollen wir das Beste hoffen, mein gutes Ämbl Ich nehme Ihr Anerbieten an, Profeffor, mir ist wirklich nicht ganz wohl. Adieu!"

Adieu, Johannes, mach' keine dummen Streiche," knurrte Ehrhard, sich heftig räuspernd,in's Bett mit Dir, Du leicht­sinniger Knabe!"

Papa, darf ich mitfahren?" flehte Elisabeth.Ich muß Tante Dorothea selber sprechen, sie wäre im Stande, herzukommen und stch ebenfalls eine gefährliche Erkältung zu holen. Du kennst ihren Eigenwillen."

Unsinn, willst mich hier allein lassen, Lisbeth!"

Sie sind nicht allein, Herr Hauptmann!" bemerkte der Rechnungsrath.

Pardon, Herr Nachbar, bitte auf mich, beziehungsweise auf meine Gegenwart keine Rücksicht zu nehmen," murrte der Hauptmann.Ist ein verteufelt unangenehmes Gefühl, die häusliche Behaglrchkeit eines fremden Kreises stören zu müssen."

Herr Hauptmann," fiel der Rath ihm ruhig ins Wort, ich bin überzeugt, daß Sie diese nachbarliche Pflicht eben­falls erfüllen würden."

Ganz recht, ganz recht, getreue Nachbarn und desgleichen, dieses Gebot darf nicht verletzt werden," erwiderte Ehrhard nachdenklich.Uebrigens hast Du recht, mein Kind," setzte er bann rasch hinzu,gehe mit zu meiner Schwester, bleib* aber nicht zu lange aus, Lisbeth!"

Nein, liebster Papa ich komme mit einem ganzen Sack Neuigkeiten zurück."

Sie küßte den alten Herrn und verließ mit Leonore das Zimmer.

IX.

Na, endlich!" brummte der Professor, welcher bereits im Boote wartete.

Sie fanden Tante Dorothea sehr niedergeschlagen und traurig.

Ach, Gott sei Dank, da bist Du ja, Elisabeth! Wie geht's dem Papa?"

Ganz gut, Tante, wir sind allerdings völlig über­schwemmt, doch mit unseren Personen und Sachen oben in Sicherheit. Hast Du das heutige Blatt gelesen?"

Gewiß, die Nachricht hat mich ganz zerschmettert; nun roirbs auch bald herauskommen, wer er ist. Ach, Kinder, wie retten wir ihn?"