548 -
allen Seiten und ich sehe schon im Geiste alle die Umständ» lichkeiten und Scherereien, die mir daraus erwachsen werden."
«Ist er erlaubt, zu fragen, lieber Herbert, war für eine Sache —"
«Ja, habt Ihr denn noch gar nichts davon gehört? Die ganze Fremdencolonie von Yokohama ist doch seit Tages« anbruch in heller Aufregung darüber. Eine Anzahl von Herren, die auf der Heimkehr von einem Ausfluge begriffen waren, wurden gestern Abend in den Sümpfen vor der Stadt angefallen und einer von ihnen ist dabei schwer verwundet worden. Seine Gefährten haben ihn mit unsäglicher Mühe bis in das britische Hospital geschafft; aber e» ist, wie ich höre, wenig Aussicht, ihn am Leben zu erhalten. Ich begreife nur nicht, wie ich al« englischer Consul dazu komme, wegen des Mordanfalls auf einen Deutschen —"
«Auf einen Deutschen?"
Maud war e«, die in jähem Erschrecken ihren Oheim unterbrochen hatte, indem sie seine letzten, ärgerlich hingewor» jenen Worte wiederholte. „Hat man Dir auch seinen Namen genannt, Onkel?"
„Freilich I — Er ist ein Angestellter von Conington und Blomfield und er heißt — aber, Herrgott, da fällt mir's jetzt erst ein, daß es am Ende derselbe junge Mann ist, den Ihr mir al» Euren Reisegefährten von der „Assyria" vorgestellt habt- Hieß er nicht Stralendorf — George Stralendorf oder so ähnlich?"
Frau Donaldson stieß einen schwachen Entsetzensschrei au» und sank halb ohnmächtig in ihren Seffel zurück. Maud aber gab weder einen Laut von sich, noch verlor sie im Uebermaß de« Schreckens das Bewußtsein. Nur in ihren weitgeöffneten, dunklen Augen spiegelte sich die Verzweiflung, die mit zerfleischenden Geierkrallen ihre junge Seele gepackt hatte und unter der marmorweißen Haut ihre» Antlitzes schien nicht ein einziger Blutstropfen mehr zu pulsiren.
„Man hat ihn in dar englische Hospital gebracht, Onkel?" fragte sie und in seiner Aufregung über die gefürch» teten Scherereien hörte ee der Consul nicht, wie merkwürdig verändert ihre sonst so weiche, melodische Stimme klang. „Und e» ist wirklich wahr, daß er — daß man in Sorge ist um sein Leben?"
„Der verdammte Chinese hat ihm einen Stich in die Lunge beigebracht. Er soll beinahe verblutet gewesen sein, al« er eingeliefert wurde."
Frau Donaldson machte eine flehende Bewegung. Ihr angegriffenes Nervensystem vermochte die Schilderung solcher Schrecklichkeiten nicht zu ertragen.
„Hole mir mein Riechsalz, Kind!" bat sie. „Ach, diese sürchterliche Neuigkeit! Und daß sie mich obendrein ganz un» vorbereitet treffen mußte!"
Maud hatte schon in der Thür de» Zimmers gestanden und sie ging hinaus, ohne zu antworten. Der Consul aber wurde fast in demselben Augenblick von seinem englischen Kammerdiener abgerufen, der ihm eine Visitenkarte über» reichte.
„Abraham Norton," la» Mr. Elmüley. „Und in einer dringenden Angelegenheit wünscht er mich zu sprechen? Ich will mich hängen lassen, wenn dar nicht wieder mit dieser verwünschten Mordgeschichte in Verbindung steht."
Er zeigte dem Amerikaner, der ihn in seinem Arbeit»» zimmer erwartete, nicht gerade die freundlichste Miene; aber der kleine, gelbe Herr schien nicht im mindesten gesonnen, sich um die gute oder schlechte Laune des Gewaltigen zu kümmern.
«Ich habe Ihnen Mittheilungen von großer Wichtigkeit zu machen, Herr Consul! Sie sind von dem Ereigniß dieser Nacht bereit» unterrichtet?"
„Wenn Sie damit den angeblichen Mordansall auf einen deutschen Unterthan meinen — allerdings."
„Nun wohl, ich komme, um Ihnen den Mörder zu nennen und seine Festnahme zu verlangen."
„Der Mörder war nach der Aussage der Augenzeugen
ein Chinese. Ich weiß also wirklich nicht, wa« ich mit dieser Angelegenheit zu schaffen habe."
„Er mag als ein Chinese vermummt gewesen sein; aber die Augenzeugen haben sich geirrt. Und die Angelegenheit fällt in Ihre Amtssphäre, denn der Mann, den ich anklage, meinen unglücklichen Freund schwer verwundet zu haben, gilt hier zur Stunde noch für einen Engländer."
„Er gilt für einen Engländer? Wie soll ich denn da» verstehen?"
„Sollte sich der Name de» Herrn Thoma» Elli» nicht in Ihren Registern britischer Staatsangehöriger befinden?"
„Freilich! — Aber was hat dieser Gentleman mit der vorliegenden Geschichte zu thun?"
„Dieser Gentleman, Herr Consul, ist — der Mörder!"
„Herr, Sie sind--aber das ist ja lächerlich, un»
geheuer lächerlich! Wie in aller Welt kommen Sie auf eine so unsinnige Vermuthung?"
„Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen, wie der angebliche Ellis vor zwei Tagen auf dem Gartenfest de» englischen Club» den Versuch machte, meinen Freund mit einem Glase Champagner zu vergiften."
Mr. Herbert Elmsley würde laut aufgelacht haben, wenn ihn nicht ein Blick in das Gesicht des Amerikaners, welche» keineswegs spaßhaft aussah, von dieser Aeuberung unzeitiger Heiterkeit abgehalten hätte. So beschränkte er sich darauf, mit gesteigerter Würde zu sagen: „Sie werden e« begreiflich finden, daß ich bei meiner genauen persönlichen Bekanntschaft mit Herrn Thomas Ellis sehr überzeugende Beweise für eine solche Behauptung haben müßte, ehe ich ihr irgend welche« Gewicht beilegen könnte."
„Ich gestatte mir dagegen zu bemerken, Herr Consul, daß e« für mich al« für einen unbescholtenen und glaub» würdigen Mann durchaus keine Schwierigkeiten hat, die japani» schen Behörden zu einem sofortigen Einschreiten gegen den Mörder zu veranlassen. Wenn ich mich trotzdem zunächst an Sie gewendet habe, so geschah es, weil ich von Ihrer Umsicht und Energie ein besonders geschicktes Vorgehen erwarte und weil ich Ihnen die Ehre gönnen wollte, einen der geriebensten und gefährlichsten Verbrecher dingfest gemacht zu haben, den man seit sieben Jahren in allen civilistrten Ländern der Erde vergeben« gesucht hat."
Der Consul Ihrer britischen Majestät horchte hoch auf. So unfaßbar und ungeheuerlich ihm Abraham Nortons Be» schuldigungen auch noch immer erschienen, ein Appell an seinen Ehrgeiz konnte dessenungeachtet nicht ganz ohne die beabfich» ttgte Wirkung bleiben.
„Wollen Sie die Güte haben, Platz zu nehmen, mein Herr!" sagte er. „Ich sehe wohl, daß ich nicht dahin ge» langen werde, Sie zu verstehen, ehe Sie mir nicht in einigem Zusammenhangs berichtet haben, für wen und für was Sie Mr. Thoma; Ellis eigentlich halten."
Er war nahe daran gewesen, zu sagen: „Meinen Freund Thomas Ellis", aber er hatte e« der Vorsicht halber doch lieber unterlassen. In höchster Spannung hingen seine Augen an den Lippen des Amerikaners, auf den seine Freundlichkeit indessen nicht anders zu wirken schien, al« sein vorherige« abweisende« Benehmen.
„Für wen ich ihn halte, werde ich Ihnen später mit» theilen. Zunächst handelt e« sich ja um da« Verbrechen dieser Nacht. Und in Bezug darauf ist meine Ueberzeugung von Thoma« Elli« Schuld vollkommen unerschütterlich."
„Aber er müßte doch irgend einen Beweggrund dazu gehabt haben. Bestand denn ein so feindselige« Verhältniß zwischen den Beiden?"
„Das feindseligste, das zwischen Männern obwalten kann denn sie waren Rivalen um die Liebe der nämlichen jungen Dame-"
Der Consul runzelte die Stirn.
(Fortsetzung folgt.)


