ich schon wiederholt gemacht habe, einige Rathschläge zu geben."
Man nahm seine in der That sehr practischen Rathschläge um so bereitwilliger und dankbarer an, als man im Grunde herzlich froh war, von seiner Gesellschaft verschont zu bleiben.
Und als dann die drei wohlbekannten Gong-Schläge zur Tafel in den Speisesaal riefen, verabschiedete man sich von ihm viel verbindlicher, al» er sonst der Fall zu sein pflegte. Auch jetzt fiel es den Anderen aus, daß Ellis dem Clerk der Firma Conington und Blomfield in geradezu herzlicher Weise die Hand drückte; aber keiner von ihnen war ractlos genug, eine Bemerkung in Bezug auf diese überraschende, buchstäblich über Nacht entstandene Freundschaft zu machen.
„Wie sollten wir da« anfangen?" erwiderte der Äelteste von der Gesellschaft traurig. „Da er ohne Zweifel bereits einen gewaltigen Vorsprung hat, wäre es ein geradezu sinnloses Unternehmen, ihn jetzt in der Finsterniß auf's Gerathe- wohl durch Dickicht und Morast zu verfolgen — umsomehr, als er das Terrain sicherlich viel besser kennt, als irgend einer von uns." ,
„Er war ein Chinese," sagte Mr. Bradbury, derselbe, der hinter Georg geritten war. „Ich habe es mit voller Deutlichkeit gesehen, denn ich war ja nur um ein paar Schritte von dem Halunken entfernt, als er seine That vollführte. — Schon seiner Körpergröße nach konnte es unmöglich ein Japaner sein; aber ich habe außerdem auch an der Kleidung und an dem langen schwarzen Zopfe erkannt, welcher Rasse er angehörte. Wenn die Polizei von Yokohama nicht gar zu jämmerlich ist, muß es doch gelingen, ihn zu entdecken."
In der That schien es vorerst nothwsndiger, sür den Verwundeten zu sorgen, als die aussichtslose Verfolgung des entronnenen Mörders aufzunehmen.
Unglücklicherweise war unter den Vieren Keiner, der auch nur über die oberflächlichsten Kenntnisse in Bezug auf die erste Behandlung von Verletzten verfügt hätte und jetzt wurde Thomas Elli» Ablehnung von Allen als ein großes Unglück bedauert. Seine Geschicklichkeit und Umsicht wäre niemals besser am Platze gewesen als hier, wo ein blühendes junges Menschenleben mit den purpurnen Blutwellen, die seiner Brust entströmten, unaufhaltsam und unrettbar dahtnzufließen schien.
Aber selbst die Kraft des sehnlichsten Wunsche» war nicht im Stande, den schmerzlich Vermißten Herbetzurufen und so mußten denn die verstörten jungen Leute für ihren unglücklichen Gefährten sorgen, so gut oder so schlecht sie e» eben verstanden.
VIII.
Seit vielen Tagen hatte Frau Donaldson ihr Töchterchen nicht so heiter und gesprächig gesehen, als nach Thoma» Elli« letztem Besuch. Zwar auf die Frage, wovon sie miteinander gesprochen hätten, war ihr die Antwort nur in einer Fluth zärtlicher Liebkosungen zu Theil geworden; für einen wetb- lichen Instinkt aber bedurfte e» daneben auch kaum noch einer weiteren Erklärung. Was konnte diese beinahe leidenschaftliche Aufwallung de« bisher so stillen und träumerischen jungen Mädchens Andere» zu bedeuten haben, als daß es über den Zustand seines Herzens endlich mit sich selber in'» Reine gekommen war und daß die zaubermächtige Liebe, gegen die e» sich bisher in scheuer Sprödigkeit gesträubt hatte, endlich den Sieg davongetragen hatte über sein jungfräulich trotziger Widerstreben.
Einer so erfreulichen Wandlung gegenüber war es jedenfalls da» Geratenste, alle überflüssigen Fragen und Anspielungen zu vermeiden. Waren die Dinge erst einmal so weit gediehen, konnte ihre fernere Entwickelung getrost sich selbst überlassen bleiben und Thoma» Elli» war am Ende auch Manns genug, seinen einmal errungenen Vortheil ohne fremde Hilfe festzuhalten und zum vollständigen Siege zu machen.
Die beiden Damen waren noch beim ersten Frühstück und eben hatte Frau Donaldson ihrer Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, daß sich Herr Ellis während des ganzen gestrigen Tages nicht habe blicken lassen, al» sie durch den Eintritt des Consuls in ihrer Unterhaltung gestört wurden.
Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, als die kleine, aus fünf Reitern bestehende Cavalcade am folgenden Abend auf ihrer Heimkehr aus den Bergen die weite, sumpfige Ebene von Yokohama wieder erreichte.
Man hatte sich während des ganzen Tages vortrefflich unterhalten und war überaus befriedigt von dem Vergnüzen des scharfen Rittes wie von den mannigfachen, fremdartigen Naturschönheiten, die man genossen. In der letzten Chaya (Theehau»; für die japanische Bevölkerung vertreten diese Häuser die Stelle unserer Restaurants) an der Straße hatte man sich etwas länger aufgehalten, als es im Programm des Ausflugs eigentlich vorgesehen war, und man ließ die flinken Ponnys nun rascher ausgretfen, um die Versäumniß wieder einzubringen und nicht allzuspät in der Nacht nach Yokohama zu gelangen.
Der schlechte Weg, der sich bald zwischen morastigen Reisfeldern, bald zwischen dichten, dunklen Gebüschen hinzog, wurde jetzt so schmal, daß die Reiter nicht mehr wie bisher zu Zweien und Dreien nebeneinander bleiben konnte», sondern daß sich Jeder vorsichtig hinter seinem Vordermanns halten mußte.
Georg war der Vorletzte in der Reihe und da er sein Pferd, um eine kleine Unordnung am Zaumzeug zu beseitigen, zwei Minuten lang hatte im Schritt gehen lassen, war zwischen ihm und dem Dritten eine größere Distanz entstanden. Der Letzte aber war dicht hinter dem jungen Deutschen und sie hatten eben noch ein paar fröhliche Scherzworte miteinander getauscht, als der Nachzügler deutlich wahrnahm, wie eine hohe, dunkle Gestalt in langem, gürtellosem Gewände aus dem Gebüsch hervorsprang, mit weiter Armbewegung einen Schlag oder Stoß gegen Georg Stralendorf führte, um dann noch in demselben Augenblick mit der Lautlosigkeit und Behendigkeit einer Katze wieder zu verschwinden.
Ein halb erstickter Aufschrei nur «ar aus dem Munde des hinterrücks Angegriffenen gekommen. Ein paar Sekunden lang noch suchte er sich im Sattel zu halten. Dann fiel er vornüber auf den Hals seines Pferdes und sein zum Tode erschrockener Hintermann kam nur eben noch rechtzeitig an seine Seite, um da« unruhig werdende Thier festzuhalten und den bewußtlosen Reiter mit seinen Armen zu stützen-
„Mörder! Zu Hilfe! Mörder!" rief er, so laut es ihm seine Lungen gestatteten und es verging nur eine kurze Spanne Zeit, bi» auf diese» Geschrei hin auch die anderen Theil- nehmer de» Ausfluges an der Unglücksstelle waren.
Die kleinen Blendlaternen, mit denen Jeder von ihnen versehen war, beleuchteten da ein trauriges Bild, welches die tapseren jungen Herzen mit Bestürzung und Entsetzen erfüllte.
Georg Stralendorf, den man sanft hatte zu Boden gleiten lassen, lag mit geschloffenen Augen da und unter der sonnengebräunten Haut zeigte sein hübsches, jugendliches Gesicht eine leichenhafte Bläffe. Sein Athem ging mühsam, fast röchelnd, und auch auf seinen Lippen wurden jetzt ein paar Helle Blutstropfen bemerklich.
„Er stirbt!" sagte einer der tief erschütterten Gefährten leise. „Aber wo ist der Mörder? — Denkt den Niemand daran, den verruchten Mörder zu ergreifen?"
Herr Herbert Elmrley, der bis zum Schluß seiner Amtsstunden stets eine besonders feierliche Miene unnahbarer Hoheit und Würde zur Schau zu tragen pflegte, sah heute so merkwürdig aufgeregt und verstört au», daß seine Schwester, die sich in einer beständigen geheimen Angst vor ihm befand, sofort zaghaften Tone» nach seinem Befinden fragte.
„Wie soll ich mich befinden, wenn solche Dinge passiren!" rief er ingrimmig, das Zimmer mit langen Schritten durch- meffend. „Es ist eine Sache, die mich im Grunde durchaus nichts angeht, denn der Mann ist nicht einmal britischer Unterthan. Aber man bestürmt mich nichtsdestoweniger von


