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„Run denn, so will ich Graf Treville sprechen," sagte sie tU^9’,2ßett darf ich melden, Miß?"
Ladn Marian Biddulph."
Nach wenigen Minuten wurde die Erbin von Biddulph in das Bibliothekzimmer geführt.
Es war leer und Marian hatte Muße, die Umgebung des wunderlichen Grafen zu betrachten.
Da waren Bücher, Bilder und Büsten, die in solchen Räumen selten fehlten, aber als Marian einen Blick auf den Tiick warf, der mit den verschiedensten Studiengegeuständen des Grafen bedeckt war, bemerkte sie ein kleines Album, das halb verborgen unter einigen anderen Büchern lag.
Ein vielleicht tadelnswerther Trieb veranlaßte sie, es zu
Es enthielt höchstens ein Dutzend kleiner Bilder, kleine Landfchaften und Personen, die sie seltsam fesielten. Dem Strauchwerk und den Bäumen nach waren es Gegenden aus einem fremden Lande, und die Gesichter hatten durchaus keinen englischen Typus. Und doch schienen Sie Lady Marian an irgend etwas ihr Bekanntes zu erinnern und voll Eifer be- trachtete sie dieselben, um sich womöglich in's Gedächtniß zurück« zurufen, wo sie dieselben schon einmal gesehen hatte-
ES war eine weibliche Gestalt, die zwischen üppigem Buschwerk saß ... - aber Lady Marian konnte sich keiner Dame ihrer Bekanntschaft entsinnen, die so schön wie diese gewesen wäre. Nur Cora war ebenso brünett.
Die anders Gestalt war ein junger, eigenthümlich aus« sehender Mann. Er war vielleicht nicht ganz so hübsch wie Lord Faro, aber doch erinnerte sie ein gewisses Etwas an Nettas verstorbenen Vater; und sie war fest überzeugt, daß das Bild den Grafen Treville in seinen jungen Jahren vorstellte.
Und wenn dem so war, wer war dann die hübsche Gefährtin in seiner Einsamkeit? Lebte sie nicht mehr in dieser Welt und war ihr Tod die Erklärung für die wunderlichen Gewohnheiten des alten Junggesellen?
Kaum war dieser Gedanke Lady Marian in den Kopf gefahren, als die Thür sich aufthat und eine Gestalt eintrat, die sie sofort als das Original des Bildes erkannte.
Der Eingetretene verneigte sich mit einer Eleganz, die bewies, daß er nicht das vornehme Benehmen verlernt hatte, das einst feine zweite Natur gewesen war.
„Darf ich fragen, womit ich Lady Biddulph dienen kann?" fragte er in einem Tone, der einige Verwunderung über den Besuch verrieth.
Die so Angeredete gerieth fast in Verlegenheit, als sie dem kalten, verwunderten Blick des Grafen begegnete, doch ihr Stolz kam ihr rasch zu Hilfe und ruhig erwiderte sie: „Ich brauche mich wohl nur mit meinem Namen bei Ihnen einzuführen. Sie werden sich erinnern, daß unsere Wohnung nicht weit von Villa Faro war und. daß eine entfernte Verwandtschaft zwischen unseren beiden Familien besteht."
Lord Treville verneigte sich und sagte kalt: „Ich glaube mich dessen zu erinnern; ich bin aber so lange fern von England gewesen, daß mir die Familienverhältnisse allerdings etwas fremd geworden sind."
„Jedenfalls wird es meinen Wunsch erklären, meine Bekanntschaft mit Ihrer Nichte, Miß Netta, zu erneuern. Deshalb komme ich heute hierher."
„Ich glaubte, Sie wünschten mich zu sprechen, Lady Marian," sagte der Graf. „Ich bedauere, daß mein Diener so einfältig war."
„Durchaus nicht, Mylord! Ich fragte nach Ihnen als dem Herrn im Haufe und Miß Nettas Vormund. Ich will mich nicht ohne Ihre oder Lady Emilys Erlaubniß Ihrer Nichts nähern."
Da zeigte sich auf des Grafen Gesicht ein Ausdruck halb der Bewunderung, halb des Zweifels.
„Weshalb zweifeln Sie, ob Sie willkommen sind, Lady Marian?" fragte er-
„O, woher sollte ich wissen, wie Sie darüber denken?"
„So halten Sie mich für eigensinnig-und launenhaft?" fragte er mit fpöttischem Lächeln.
„Ich kann nur dem Scheine nach urtheilen," entgegnete Lady Marian.
„Sind Sie so unfehlbar in Ihrem Urtheil?" rief er gereizt- r, .
„In manchen Dingen . . . ja," lautete die unerschrockene Antwort. , ,, ,
„Und doch fühlten Sie sich verpflichtet, meine Erlaubniß einzuholen?"
„Das war ich Ihnen fchuldigl"
„Jedenfalls besitzen Sie Verstand, wenn Sie vielleicht auch hochmüthig und eigensinnig sind," fagte der Graf- „Und das ist sicher eine Eigenschaft, die nicht Viele Ihres Geschlechtes besitzen. Außerdem sind Sie auch keiner Täuschung fähig, da Sie Ihren eigenen Wünschen nicht folgen wollten, ohne das Recht dazu zu besitzen, wie Sie es nennen . . . Netta besitzt wohl schwerlich Ihre Eigenschaften, Lady Marian, und wenn es auch nicht so leicht sein mag, mit Ihnen zu verkehren, so würde ich ihr doch eine Natur wie die Ihrige vorziehen. So weit ich darüber zu entscheiden habe, sehe ich es gern, daß Sie Ihren Einfluß so viel als möglich bei Netta geltend machen."
„Ich verstehe Sie kaum, Mylord," erwiderte sie hastig.
„So? Dann sind Sie weniger aufrichtig oder weniger fchlau, als ich glaubte."
„Mylord, ich bin nur meinem Vater und meinem eigenen Gewissen verantwortlich," sprach sie stolz, während sie sich der Thür zu wandte.
Und mit anmuthiger, aber stolzer Verneigung des Kopfes näherte sie sich der Thür, welche der Lord Graf Treville ihr diensteifrig öffnete.
„Ich hoffe, wir werden Freunde werden, Lady Marian, sagte er, indem er ihr die Hand reichte. „Es ist ein sonderbarer Anfang, aber wir werden in unserem späteren Verkehr nicht vergessen, daß dasselbe Blut in unseren Adern fließt."
„Sie ist ein vornehmes, geistreiches Mädchen," dachte er, als die Thür sich hinter ihr schloß. „Sie gefällt mir. Gegen ein solches Mündel würde ich, wenn es fein müßte, nichts einzuwenden haben- Man sollte meinen, daß ein Mädchen wie sie Nettas bald überdrüssig sein müßte. Ach, wenn ich eine solche Tochter hätte, ich würde den Mangel eines Sohnes, der die Ehren unserer Familie erbte, gar nicht beklagen."
Er sah in das Album, das Marian vor Kurzem betrachtet hatte, und versank in tiefes Nachdenken. (Forts- folgt.)
Madame Sans Gone.
Roman »ach Bietorien Sardou und F. Morre««. Deutsch von «del» »«tgt«.
(Fortsetzung.)
Stets von dem Gespenst der Familie verfolgt, und stets das traurige Phantasiebild vor Augen: feine Mutter Lätitia, umgeben von einer zahlreichen Ktnderhorde, vor einem immer erloschenen Herde und einem oftmals leeren Speiseschrank, schreckte Bonaparte vor der Verantwortlichkeit zurück, die er übernahm, indem er sich zum Oberhaupte der Familie erklärte.
Vor allem quälte und beschäftigte ihn die Zukunft seiner drei Schwestern. Er sehnte sich mit Ungeduld, sie versorgt zu sehen, und suchte überall Gatten für sie. An diesem Tage war er Hoche begegnet, und er wäre nicht böse gewesen, wenn er der jungen Pensionärin von Saint-Cyr gefallen hätte. Hoche war bloß Kapitän, aber es war vorauszusehen, daß er dabei nicht stehen bleiben würde.
„Ein Mann soll sich nicht verheirathen, so lange er Kapitän ist," murmelte er gereizt vor sich hin. „Aber Mädchen ohne einen Heller, was haben die zu riskieren?"
Dann fuhr er fort, als fetze er eine geheime Berechnung fort, die er im Herzen machte:-„Ein Kapitän hat Recht, sich zu verheirathen, wenn er eine angenehme, wohlhabende, ei « flußreiche Frau findet, die ihm Verbindungen schafft, ihm


