Ausgabe 
16.5.1895
 
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Donnerstag dm 16. Mai.

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UntrrhaUungsblatt ?«m Gießener Anzeiger (Orneral-AnMer).

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Die Tochter des Meeres.

Roman von A. Nicola.

(Fortsetzung.)

Es kommt mir nicht zu, Dich zu tadeln, Rupert," sagte Adele indesien zögernd,und mein Herz ist Dir zu aufrichtig zugethan, um nicht jeden Schmerz, den Du leidest, mit Dir zu empfinden. Doch vergib der armen Adele, wenn sie wagt, Dich daran zu erinnen, daß Cora von keinen wirklichen Ban- den an ihre momentane Heimath gefeffelt wurde. Es darf Dich nicht zu sehr wundern, daß sie Reichthum und Luxus der verhältnißmäßigen Armuth dieses lieben Hauses vorzieht, das für mich so viele Reize hat. Ach, Rupert, wenn Du nur wüßtest, wenn Deine Augen nicht so blind wären!" fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort.Aber die Zeit wird er Dir zeigen, und ich, Deine Cousine, muß den Schmerz und die Demüthigung ertragen, Dich, meinen edlen Rupert, so getäuscht zu sehen."

In ihren Augen glänzten Thränen und durch die kristallenen Tropfen strahlte so unverkennbare Liebe und Zärt­lichkeit für den bekümmerten Rupert, daß derselbe kein Mann hätte sein müssen, wenn er ihrem Einfluß hätte widerstehen können.

Rein, nein, sprich nicht so, Adele!" sagte er und ergriff ihre Hand.Du bist ungerecht gegen mich wie gegen Dich selbst. Ich habe Dir stets als meiner lieben Cousine ver» traut und eine Freundin, eine Schwester in Dir gesehen- Aber Cora das muß ich gestehen ist die Seele meines Herzens gewesen, der Stern, den meine Phantasie in die glänzendsten Farben der Schönheit und Liebe kleidete. E» ist jetzt vorüber, sie ist fort und ich ich will den Verlust nicht ruhig ertragen, ohne mich zu rächen."

Jetzt schluchzte Adele. Ihre Wuth und Enttäuschung machten sich in einem Thränenstrom Luft, der Rupert bis in's Innerste rührte.

Beruhige Dich, geliebte Adele," sagte er tröstend.Er ist thöricht von mir, Dich so aufzuregen. Komm', laß uns den Kummer verschmerzen," fuhr er fort und ergriff ihre Hand mit mattem Lächeln.Wir wollen nicht mehr von dieser

Undankbaren sprechen. Wenigstens bist Du meiner Mutter und mir geblieben."

Und halb unbewußt legte sich sein Arm um ihre Taille und sein Kopf ruhte wie der einer ermüdeten Kinder auf ihrer Schulter.

Das sah sie als ein gutes Zeichen für die Zukunft an. Rupert suchte bei ihr Trost und Stütze in seinem Kummer. Von hier führte nur noch ein Schritt zur Liebe- Cora würde das Herz verlieren, das sie so hoch hielt und Adele es statt ihrer erhalten-

So glaubte Frau Falkners Nichte, als sie sich schüchtern aus der unfreiwilligen Umarmung befreite-

V.

In dem Schulzimmer in der Villa Lord Faros faß Cora in die tiefe Fensternische zurückgelehnt, ihren schönen Kopf auf die Hand gestützt, die Augen auf die Landschaft draußen ge­richtet. Sie war eine Andere geworden in den wenigen Monaten, die sie in ihrer neuen Heimath zugebracht hatte, aber nur insofern, als ihre Reize sich vervollkommnet hatten. Die natürliche Eleganz ihrer.Gestalt und Bewegung war mehr durch das Gefühl der Zufriedenheit, als durch den Ein­fluß Anderer ausgebildet worden.

Das Kleid, das sie trug, war einfach und zeigte nichts von Reichthum und Luxus, und doch war es ihrer schlanken, jugendlichen Gestalt angepaßt. Auch die schönen Augen und das liebliche Gesicht waren zu einem regeren Gedankenausdruck gereift und der Scharfblick, das rasche Auffaffen waren unter der Erziehung, dir man der Fremden angedeihen ließ, gleich einer tropischen Pflanze in plötzliches Wachrthum gerathen-

Ihre Gedanken weilten jetzt nicht bei dem seltsamen Wechsel ihres Lebens oder der wunderlichen Laune Lord Faro»; weder bei Lady Emilys kaltem Stolz, noch bei Rettas Muth« willen. Nein, ihre Gedanken flogen zu dem einzigen Magnet, der sie anzog, zu dem einzigen Beweggrund ihrer Handlung», weise: zu Rupert Falkner, dem Beschützer ihrer Kindheit, dem treuen Freunde ihrer Jugend, der geheimen Liebe ihres noch kindlichen Herzens.

Rupert, um Deinetwillen, nur um Deinetwillen geschah es und vielleicht hassest und verachtest Du die arme Cora wegen der scheinbaren Undankbarkeit, die sie Dir gezeigt hat!