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Sie spricht ss hoffnungsvoll — wenn sie doch auch so fühlte I Doch Lucy hat volles Vertrauen zu dem Muth der edlen Schwester und trocknet ihre Thränen.
«Herr Walcker kommt heute zum Thee," spricht sie; „vor einer Stunde war er hier und sagte, er käme wieder."
Ist es des Feuers matter Schein, der Röschens Wangen plötzlich so erröthen macht? Mit einem Male ist sie wie verwandelt; aber nur die schwache Flamme sieht das Lächeln um ihren Mund, das Glück in ihren Augen. All' diese Monate hindurch ist er ihr Freund gewesen. Armuth und Sorge hat sie einander nahe gebracht, wie in glücklich ungetrübter Zeit re nie hätte kommen können. In vergangenen Tagen hätte die stolze, glückliche Besitzerin von Lorringshöhe bet der Idee gelacht, daß der Ton von eines Mannes Stimme, die Berührung von eines Mannes Hand ihr leichtes Herz könnte schneller schlagen machen. Doch jetzt, wenn sie die Wahl hätte zwischen ihm und Lorringshöhe, würde ihr theures, altes Heim nur wenig Aussicht haben.
Wie plötzlich sich besinnend, ruft sie dann schnell: „Wir haben nichts zum Thee I Und, Lucy, Du weißt, wie angestrengt er des Tages über ist und des Abends dann der kräftigen Kost bedarf. Ich eile, um schnell noch etwas einzukaufen.' Mit der kleinen, schlechtgefüllten Börse in der Hand läuft sie davon, nach alter Weise mit ihrer hellen Stimme ein munteres Liedchen trällernd.
„Wie schade, daß auch er so unvermögend istl" denkt Lucy, mit sinnendem Blick in die Flamme schauend.
Mit vor Freude strahlendem Auge, mit leerer Börse und vollem Korb kehrt Röschen heim.
„Hier ist Fleisch, große schöne Eier und frische Butter I« ruft sie voll Stolz. „Lucy, schau', war ich verschwenderisch? Ich kaufte eine Flasche guten Weins — es ist so kalt und ungesunde, feuchte Luft," setzt sie, halb entschuldigend, hinzu und schaut auf ihre Schätze nieder, aus Furcht, die Schwester könne ihre vor Glück und Freude strahlenden Augen sehen.
Dann macht sie sich behend daran, den Tisch zu decken.
„Wenn wir nur, wie einst auf Lorringshöhe, ein paar schöne Rosen für unsere Tafel hätten," meint sie lachend, mit vergnügtem Blick noch einmal Alles überschauend.
Man hörte Schritte auf der Treppe und gleich darauf tritt Walcker bei ihnen ein — mit einem Korbe in der Hand.
„Sie sind mir doch nicht böse?" spricht er, zu Röschen gewandt. „Ich habe Geburtstag heute; gern hätte ich meine Freunde im eigenen Hau» gesehen. Doch, da ich wußte, Lucy konnte nicht kommen, bringe ich mein Geburtstagsmahl mit her zu ihr."
„Herr Walcker . . . ." hebt Röschen verlegen und et# röthend an.
„Wenn Sie mir zürnen, will ich wieder gehen. Doch ist's ein traurig Ding, allein zu trinken auf das eigene Wohl I Ich ward so reich bedacht mit allerhand Geschenken." Ohne noch der Worte mehr zu machen, setzt er den Korb nieder und hebt den Deckel. „Zuerst hier diese Blumen — ein Strauß Reseda und duftender Veilchen!"
„Wie die Blumen auf Lorringshöhe!" haucht Röschen. Indem er ihr die Blumen reicht, hebt er den Blick und ihre Augen begegnen sich.
Die Veilchen reicht Röschen der Schwester, die Reseda behält sie für sich.
„So üppig, so schön, so duftend, als wären sie aus meinem Garten!" spricht sie weich.
„Das sind sie auch," erwidert Jener schuldbewußt. — „Doctor Sinklar sandte sie mir. Und diese Vögel," fährt er fort und zieht ein Bündel Schnepfen hervor, „die geben Sie Ihrer Magd, daß sie sie zum Abend bereite. Ist's mir ge» stattet, so bleibe ich heMe hier."
„Gern," versetzt Röschen herzlich. „Warum aber haben Sie all' Ihre Schätze uns gebracht?"
„Weil sie von Lorringshöhe sind," antwortete er schnell, „und Sie darum das meiste Anrecht darauf haben. Auch möchte ich bitten, daß Sie und Lucy auf meine Gesundheit
trinken," fährt er fort, zwei Flaschen Champagner aü» dr« Korbe nehmend.
„Die aber sind nicht von Lorringshöhe," sagt Rösch, in fast verweisendem Tone. „Herr Walcker, Sie sind;t verschwenderisch!"
„Rur einmal im Jahre — nur heute an meinem @( burtstagsfest," antwortete er lächelnd.
Den ganzen Abend hindurch trägt Röschen den klein! Strauß Reseda von Lorringshöhe an der Brust.
III.
Drei Tage später — drei kalte, trübe Rovembertag« - schreitet Röschen durch die nassen, schlüpfrigen Straßen m Walckers Seite in ernster Unterhaltung.
„Ich will Alles thun — will jedwede Stellung annehm» aber die arme Lucy muß bleiben, wo sie ist. Ich werd! arbeiten; wie viele Mäschen und Frauen helfen sich feltz ständig durch die Welt."
„Sie aber paffen für ein solches Leben nicht."
„Dann muß ich's lernen," entgegnet sie. Und wie j um die Straßenecke biegen, fügt sie hinzu: „Ich hoffe, Luc;! Arbeit hängt nicht mehr am Fenster- War sie gestern Aber! noch da?"
„Ich kann mich in der That nicht entsinnen," entgegnt! er und meidet ihren Blick.
„Sie haben wohl kaum daran gedacht," lacht sie uni schaut zu ihm auf. Doch bei dem zärtlichen Ausdruck, mit dem fein Auge auf ihr ruht, senkt sie rasch die SBimpttn; schneller schlägt ihr Herz und dunkle Röthe färbt plötzlich ihn Züge. Hat sie in vergangener Zeit wohl ein Glück gekannt, das dieser stummen Liebe glich?
Sie haben den Laden erreicht und Röschen hat bii Freude, den Platz leer zu sehen, wo Lucy» Arbeit hing.
Während ihr Begleiter draußen auf sie wartet, triff Röschen ein. Kaum fünf Minuten später kehrt sie froh is erregt zu ihm zurück.
„Fünfzig Mark! Wie wird sich Lucy freuen! Wer «. die Arbeit wohl genommen haben?"
„Was liegt daran?" erwidert Walcker und fährt dm plötzlich fort: „Ich habe eine Neuigkeit, die auch Sie uii Ihre Schwester interessiren wird."
„Eine Neuigkeit?"
„Ja; ich hörte, Ihr Vetter Humbert Lorring gedenk« sich nächstens eine Frau zu nehmen."
„Ich kenne ihn nicht — weshalb sollte e» mich denn in teresstren?"
„Wenn er ledig bliebe, würden Sie einst wieder Herrn der Besitzung werden," fährt Jener fort und schaut da» Md chen forschend an.
„Meinen Sie nicht, daß ich auch ohne dies könnte ßlfii' lich fein?“ versetzte sie weich, doch ohne auszublicken.
„O ja, da» glaube ich wohl. Doch wenn Sie morgn hörten, es sei ihm irgend etwas zugestoben, Lorringshöhe fti wieder Ihr Eigenthum — wären Sie darob nicht glücklich! Kehrten Sie nicht froh dahin zurück und vergäßen gern d« jüngsten trüben, sorgenvollen Zeit?"
„Warum sagen Sie mir dies Alles?"
Ein Blick aus ihren Augen — und Glück und Fren! strahlt aus seinen Zügen.
„Röschen," hauchre er, „rathe ich recht? — Wenn § die Wahl hätten zwischen Lorringshöhe und mir — » wählten Sie?"
„So können Sie noch fragen?" entgegnet sie mit stolzes glücklichem Gesicht.
Und in Regen und Kälte wiederholt sich die alte, B Geschichte.
„Aber ich bin so arm," kommt es stammelnd von M chens Lippen; „ich wäre Dir doch nur eine Last."
„Muß mich die Arbeit nicht glücklich machen, wen« für Dich ist, für meine kleine Frau!" entgegnete er voll ®>0-! und Glück-


