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nöthigt, wie so viele seiner Kameraden zagend und bangend vor dem unumgänglichen Geständniß, den Vater um Berichtigung der gemachten Schulden zu bitten, welche nur zu oft ein Verhängniß nicht nur für den jungen Offizier, sondern auch für die ganze Familie werden.
Damals bet der Ueberfiedelung aus der Provinzialstadt in die Residenz nahmen sowohl Paul als die Mutter tief, bewegt Abschied von der lieben Heimath, so sehr auch Beide die Freude theilten an dem glänzenden Aufstieg in der Carriers des Gatten und Vaters, der vor so vielen Offizieren den Vorzug genoß, General in der Residenz zu werden.
Elisabeth empfand damals nur das stolze Gefühl der Genugthuung und die Erfüllung ihrer heißesten Wünsche. Ganz in der Stille belächelte sie wohl der Mutter Bedenken, keine zu theure Wohnung in der Residenz zu wählen und den dringenden Vorschlag, nur die unumgänglich nöthigen Besuche zu machen, um einer zu großen, mit vielen Ausgaben verknüpften Geselligkeit zu entgehen. Elisabeth ließ sich nur von ihren eitlen Wünschen leiten, kannte zu wenig, welche erhöhte Anforderungen des Vaters neue Stellung mit sich brachte, wenn auch sein Gehalt nun weit höher als früher war-
Die Neigungen von Vater und Tochter standen nun aber im vollen Einklang, was das Halten eines glänzenden Hauses in der Residenz anbetraf, und die Mutter gab, wenn auch mit schwerem Herzen, nach, denn ihre Gatte erklärte schließlich, daß er seiner Stellung als General eine glanzvolle Repräsentation schulde. Eine theure Wohnung in bester Lage mit eleganten Gesellschaftsräumen wurde daher gemtethet und die ganze Einrichtung, neu nach modernstem Stil angeschafft, verursachte erhebliche Ausgaben; ebenso kosteten auch die neuen großen Toiletten der Damen schweres Geld, so viel auch die Frau General von Kronau Einschränkungen für sich und ihre Tochter versuchte.
Seit einem Jahre war nun die Familie des Generals von Kronau nach der Residenz übergesiedelt. Man stand am Ausgange des Winters mit seinen zahlreichen Festen in und außer dem Hause. Frau von Kronau verglich mit wahrem Schrecken die Ausgaben und Einnahmen, denn die ersteren überstiegen die letzteren um bedeutende Summen. Wohin soll ein derartiges unwirthschaftliches Leben führen? Bestürzt setzte sie ihren Gatten davon in Kenntniß. Er nahm die Mtttheilung aber leichter, meinte, das erste Jahr erfordere eben große Opfer, zum Glück habe man noch etwas zuzujetzen.
„Und wenn wir so weiter leben, werden wir unsere kleinen Hilfsmittel nur zu bald erschöpfen," entgegnete seine Gattin. „Was soll dann werden? Woher schaffen wir eine Aussteuer für unsere Tochter, im Fall sie sich verheirathet? Findet sie aber keinen Gefährten für das Leben, für ein vornehmes, aber unbemitteltes Mädchen ein sehr naheliegender Fall, womit wollen wir sie dann versorgen? Hilflos bleibt sie zurück, wenn wir sterben. Nicht im Stande, sich selbst ihren Unterhalt zu erwerben, verfällt sie dem Schicksal so vieler Töchter vornehmer, aber armer Familien, sie wird Anderen zur Last und damit sich selbst."
„Schwarzseherin!" Mit diesem Worte klopfte der General seiner Gattin lächelnd auf die Schulter und sagte: „Unser schönes, blühendes Kind stehst Du schon al» verblühte, welke Blume? Die gefeierte Tänzerin auf allen Festen soll al« alte Jungfer sterben? Mein Gott, wo denkst Du hin, Frau?"
„Aber sie ist noch von Niemand zur Gattin begehrt worden," entgegnete Frau von Kronau scharf.
„Nun wohl, so bleibt ihr eine Stellung als Hofdame gewiß. Prinzessin Lora bemüht sich beinahe um Elisabeths Freundschaft."
„Prinzessin Lora? Ihr zuletzt würde ich meine Tochter anvertrauen; ihre unglückliche Ehe kann nicht von gutem Einfluß auf ihre Umgebung sein, umsomehr, als man allgemein ihr die Schuld beimißt und ihren Gemahl beklagt."
„Laß uns hier nicht richten, Verläumdungen sind schnell ausgesprochen, schwer werden sie vergeffen," bemerkte der General. „Wir dürfen in diesen hohen Kreisen nur sehr vor- flchtige Urtheile fällen." i
„Aber Herbert von Löwen hat mir selbst davon gesprochen, und mich um Elisabeths Willen gewarnt, daß sie bei der Prinzessin Lora Hofdame werde."
„Ah — der; nun, er hat wohl Grund, sein Interesse für unsere Tochter macht ihn parteiisch. Uebrigen« könnte er uns ein willkommener Schwiegersohn sein. Unsere Elisabeth wäre als Frau geborgen, er ist ein braver Offizier und hat Vermögen."
„Wie Gott es fügt, lieber Mann, mag er Elisabeth treulich führen I Mir wird nicht leicht, ihr zu rathen, Elisabeth entzieht sich nur zu gern jeder Bevormundung und ist doch noch recht unüberlegt."
„Ja, ja, mir ist aber nicht Angst um das Mädel, sie hat wohl ihr Köpfchen für sich, allein ich denke, sie wird sich ihren Weg schon bahnen, wenn sie ihn auch nicht so sicher verfolgt wie unser Paul. Das steht man an ihm und an Marie, seiner Braut. Eine bessere Wahl konnte er nicht treffen."
„Ihn hat einzig die Liebe geleitet," entgegnete Frau von Kronau. „Marie steht unfern Herzen nahe, wie eine geliebte Tochter, möge Elisabeth sich ihr mehr und mehr schwesterlich anschließen, sie kann von ihr nur lernen."
Die Meldung des Dieners, daß des Herrn Generals Pferd gesattelt sei, beendete die ernste Unterhaltung der Gatten. Herr von Kronau nahm zärtlich Abschied von seiner Frau. Trotz mancher Verschiedenheit in ihrem Wesen und Character hatten sie sich stet» die innigste Neigung bewahrt.
„Also frischen Muth, liebe Frau! Man darf nicht nur schwarze Wolken am Horizont sehen," rief der General noch im Rahmen der Thür; sie nickte ihm lächelnd zu; erst als sie sich allein wußte, sank sie ermüdet in einen Sessel, denn sie konnte ihre Sorgen doch nicht los werden.
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Wenige Wochen vor dem ereignißvollsn Hoffeste hatte diese Unterredung zwischen dem Ehepaare stattgefunden. Verschiedenen anderen Festlichkeiten in und außer dem Hause wurde auch noch seitens des Generals und seiner Familie beigewohnt und schon jetzt fühlte sich Frau von Kronau angegriffen, dachte voll Sehnsucht der stillen Friedenszett in der früheren Heimath und machte sich doch Vorwürfe, daß sie nicht besser gelernt, sich den Neigungen der Ihrigen anzupassen. Leider waren ihre Müdigkeit und Verstimmung nicht ohne Grund, sie erkrankte an einem langwierigen Lungenkatarrh und mußte ihre Tochter ohne ihre Begleitung alle Vergnügungen aufsuchen lassen. Einestheils wüns dte der General durchaus nicht, daß sein verwöhntes Töchterchen sich etwas versage, andererseits dachte Elisabeth in ihrer Eitelkeit selbst nicht an die Möglichkeit, derartige Opfer zu bringen- Allgemein fand man es daher vollständig gerechtfertigt, daß eine Pflegerin bei der kranken Mutter weilte, während die Tochter von Vergnügen zu Vergnügen eilte, denn die Krankheit der Mutter galt ja nicht als lebensgefährlich, sondern nur als langwierig.
„Sie sorgen so am besten für sich und Ihre Frau Mutter," versicherte Elisabeth eine vornehme Dame, „denn Sie erhalten sich frisch und gesund, treten mit heiteren Eindrücken in das Zimmer Ihrer Mutter und ermuthigen dadurch die Leidenoe zur Genesung."
Elisabeth fühlte sich durch diese eitlen Worte sehr befriedigt in ihrem Egoismus und ärgerte stch, daß einzig Herr von Löwen durchaus nicht begreifen wollte, daß sie so wenig zu Hause bei der leidenden Mutter bleibe.
An jenem Abend nach der Heimkehr vom Hofball zog sich Elisabeth schnell auf ihr Zimmer zurück. Sie war sehr beruhigt, daß die Mutter schlief; sie wollte derselben heute nicht gern Bericht erstatten, nur zu fest von ihrer Unzufriedenheit über das neueste Ereigniß überzeugt. Sie entließ rasch ihr Mädchen, nicht um die Ruhe zu suchen, sondern um im Geiste noch einmal alle Erlebnisse an sich vorübergehen zu sehen.
Hofdame der Prinzessin Lora zu sein und der Aufenthalt im Süden, im schönen Italien, wohin die Prinzessin demnächst


