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Und obgleich ihm schwindelte und seine Glieder von Erschöpfung zitterten, entschloß er sich doch, in den finsteren Steinbruch hinabzusteigen.
Cora war schon unten, und mit jedem Schritte, den der ihrer Obhut Anvertraute vorwärts that, stieg ihre Hoffnung, als Lord Belfort infolge eines Fehltrittes ausglitt und das letzte Stück herabstürzte.
Cora hatte Geistesgegenwart genug gehabt, rasch herzu« zuspringen und dadurch das heftige Auffallen des Lords auf den harten Boden zu verhindern. Als sie ihn aber dann ansah, sank ihr der Muth, und kalt durchrieselte es ihren
Körper.
„Ist er tobt l«
Das war ihr erster, unwillkürlicher Ausruf, und Lord Belfort empfand bei diesem Klageton eine wohlthuende Freude, die ihn trotz seiner großen Schmerzen sich rasch aufraffen ließ.
„Nein, neinl" murmelte er mit all' der Kraft, die ihm zu Gebote stand. „Ich bin unverletzt .... so glaube ich wenigstens."
Aber als er aufstehen und den Fuß bewegen wollte, auf den er mit der ganzen Körperlast gefallen war, entrang sich ihm ein Schrei.
„Haben Sie sich den Fuß verletzt?" fragte das Mädchen
besorgt.
„Ich fürchte... ja. Er schmerzt mich entsetzlich, wenn ich mich bewege, aber ich glaube nicht, daß er gebrochen ist," sagte er, indem er zu lächeln und heiter zu sprechen versuchte.
Cora rollte zu seiner Stütze schweigend einen Stein herbei, während er sich zu überzeugen suchte, ob ein Knochen gebrochen sei.
„Ich glaube, er ist der Knöchel," sagte er; „dort fühle ich den Schmerz. Offenbar bin ich zum Unglück bestimmt," setzte er mit mattem Lächeln hinzu. „Cora, ich bin selbst, süchtig, daß ich Sie mit in mein trauriges Loos ziehe. Neber- lasien Sie mich meinem Schicksal! Ich will nicht mehr gegen dasselbe ankämpfen- Gehen Sie, geliebte Cora! Noch find wir vor Argwohn sicher. Ueberlassen Sie mich meinem Loose. Es ist ja nur Leben um Leben," setzte er mit traurigem Kopfschütteln hinzu, „und ich darf mich ja nicht beklagen."
„Ich werde nicht gehen," erwiderte sie entschlossen. „Ich habe keine glänzenden Aussichten, daß mir Gefahr und Sorge so entsetzlich wären. Verlieren Sie nur nicht den Muth und es wird uns schon noch gelingen, zu entkommen."
Sie nahm aus der Kleidertasche einige Erfrischungen, die sie, bevor sie Schloß Biddulph verließ, zu sich gesteckt hatte und reichte sie ihm, und nachdem die Bläffe des Schmerzes und der Erschöpfung ein wenig wieder von den Wangen und Lippen ihres Gefährten gewichen war, sagte sie heiter: „Nun lassen Sie mich Ihren Fuß verbinden und Ihnen einen mög» lichst bequemen Ruheplatz bereiten. Ich bin überzeugt, daß wir, auch wenn Sie länger hier bleiben müßten, als wir glauben, doch sicher sind. Kein Mensch wird daran denken, hier in dieser dunklen Höhle Sie zu suchen."
Während ihrer Worte bereitete sie ein Lager, so gut der Ort er ihr gestattete. Der Mantel, den der Lord getragen hatte, diente als Unterlage; ein großer indischer Shawl, den Cora um ihre eigenen Schultern geschlungen hatte, war das Kiffen unter de« Kranken Kopf; und nachdem sie den Patienten mit einiger Mühe auf dieses Lager gebettet hatte, machte sie sich daran, ihm den Schuh auszuziehen und den Knöchel, der schon anfing, anzuschwellen, zu untersuchen und zu verbinden.
Es war dem jungen Edelmann ein unaussprechlich wohl- thuendes Gefühl, so gepflegt zu werden, doch überschritt er weder durch ein Wort, noch durch einen Blick oder eine Bewegung die Grenzen des Respects, den er einem so tapferen, edlen und doch so schutzlosen Mädchen schuldig war.
Erst nachdem Alles geschehen, was unter diesen Umständen möglich war und Cora sich endlich müde und erschöpft auf einen Stein gesetzt hatte, drückte er seine innigste Dankbar
keit aus-
„Cora," sprach er, „ich habe mich in den einsamen Stun
den, zu denen ich in letzter Zeit verurtheilt war, oft darüber gewundert, warum Sie mir geholfen und so viel für mich gewagt haben. In glücklicheren Tagen haben Sie mich stets gemieden ... ja, Sie schienen mich zu Haffen. Warum handeln Sie jetzt so ganz anders?"
„Ist es nicht etwas ganz Anderes, ob man Jemandes vertrauter Freund ist'oder ihm in großer Roth und Gefahr beisteht?" versetzte sie ausweichend.
„Und alles das ist . . . nur Mitleid?" fragte er in gedämpftem Tone. „Ich kann ja auch nicht mehr erwarten, da ich in Ihren Augen als Schuldiger und Verräther dastehen muß. Als ich an die Vergangenheit dachte, an Ihre Beziehungen zu dem unglücklichen Lord Faro, da hätte ich von Ihnen eher Haß und Abscheu, als auch nur Mitleid erwartet."
Sie schwieg einige Zeit.
„Lady Marians Glück schien von Ihrer Flucht und Sicherheit abzuhängen," antwortete sie endlich.
„Marian ist ein gutes, liebes Mädchen," sagte er ungeduldig, „aber ich kann mir kaum damit schmeicheln, daß mein Schicksal irgendwie Einfluß auf sie haben könnte, außer vielleicht, daß es ein vorübergehendes Gefühl des Mitleids für einen alten Jugendfreund erweckt. Und Sie sind doch wohl nicht so bekannt mit ihr, daß Sie um ihretwillen Alles opfern würden? Cora, Sie sprechen nicht aufrichtig, wenn Sie das als Grund angeben. Doch, ich habe vielleicht kein Recht dazu, Sie weiter zu fragen."
„Ich konnte es nicht ertragen, Lady Marian so traurig und Sie so hilflos zu sehen. Sie hegt eine wahre, edle Liebe für Sie, Mylord, und es wäre Unrecht von Ihnen, wenn Sie undankbar gegen sie wären."
„Und doch glaube ich nicht, noch will ich glauben, baß sie mehr als schwesterliche Liebe für mich empfindet," sagte er. „Marian Biddulph kann mir niemals mehr sein und ich hoffe, daß sie nie mehr als brüderliche Zuneigung von mir wünschen wird. Aber," fuhr er plötzlich aufschreckend fort, „was für ein Thor bin ich, so etwas zu sprechen oder auch nur zu denken! Als ob die Erbin von Biddulph auch nur einen Moment an einen armen Flüchtling denken könnte, der eines Verbrechens wegen verfolgt wird."
„Glauben Sie, die Liebe hänge von solchen Zufälligkeiten ab?" fragte Coea kalt. „Wenn ich so reich und hochgeboren wäre wie Lady Marian, so würden doch meine Gefühle gegen Jemand, den ich meiner Liebe werth hielte, dieselben bleiben. Der Kummer würde mich nur um so fester an ihn binden."
„So denken Sie! Ach, möchten Sie doch stets so treu und edel sein!" sprach er traurig. „Wenn ich stets an einen Character wie den Ihrigen geglaubt hätte, Cora, so wäre Manches anders geworden, woran ich jetzt nur mit Beschämung denke."
Wieder entstand eine Pause, nach welcher Ernst in ruhigerem Tone fortfuhr: „Cora, mir ist zuweilen der Gedanke gekommen, daß Sie meine Handlungsweise gegenüber der Tochter Ihres Beschützers nicht sür eine ehrliche halten müssen. Darf ich Ihnen, ohne eitel oder anmaßend zu erscheinen, die volle Wahrheit sagen?"
„Es kann für mich von wenig Interesse sein, doch wenn Sie es wünschen, höre ich gern, was Sie mir zu sagen haben," entgegnete Cora mit halbabgewandtem Gesicht.
„Dann will ich mich kurz fassen," sprach er. „Um des Tobten wie um meiner selbst willen werde ich nicht auf Einzelheiten eingehen, die besser begraben bleiben. So viel aber muß ich sagen, daß von meiner Kindheit, ja, von Nettas Geburt an Pläne zu einer Vereinigung unserer Familien gemacht wurden ... und ich, im thörichten Stolz der Jugend, hatte beinahe Freude an dem Gedanken, das Schicksal eines jungen, hübschen Mädchens in Händen zu halten, mich nach Belieben um sie bewerben zu dürfen oder nicht. Ich hätte es vielleicht ausgeführt, hätte vielleicht mit Nettas Eitelkeit mein Spiel getrieben, meine eigene Eitelkeit befriedigt und schließlich tm Einklang mit meiner thörichten Phantasie gehandelt, wenn ich Sie nicht gesehen hätte, Cora. Das genügte. Von der Stunde


