Ausgabe 
15.6.1895
 
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an wußte ich, daß Netta nie meine Gemahlin werden würde. Lord Faros Gedanken stimmten bald mit bett meinigen nur zu sehr überein. Er sah, daß ich nicht die Absicht hatte, mich um die Hand seiner Tochter zu bewerben. Ebenso scharf war sein Auge in Bezug auf meine Gefühle Ihnen gegenüber... Cora, ist es möglich, daß Sie blind gewesen wären für Lord Faros Zuneigung, die er für die Gesellschafterin hegte? Jetzt begreifen Sie doch die ganze Affaire und das verhängnißvolle Duell zwischen uns." , . _

Des Mädchens Kopf war tief herabgesunken. Das Ge­hörte war ihr vielleicht nichts Neues, aber es war das erste Mal, daß es in Worts gekleidet wurde und das ergriff und schmerzte sie tief.

XXV.

Eine Nacht und ein Tag war über die zwei Flüchtlinge in ihrem seltsamen Versteck hinweggezogen und noch hatte sich ihnen weder Hilfe noch die geringste Gefahr der Entdeckung genähert.

Belforts kranker Fuß war nicht beffer geworden; der Schmerz und die Geschwulst hatten sich eher verschlimmert, und Cora hatte kein anderes Hilfsmittel, als den Bach, der zu ihren Füßen dahinfloß. In diesen tauchte sie fortwährend das Tuch, das sie um das entzündete verletzte Glied wand.

Auch die Lebensmittel nahmen rasch ab, nur noch etwas Zwieback und Wein waren übrig geblieben ... und auch diese konnten kaum noch vierundzwanzig Stunden ausreichen.

Bei Belforts Zustand war an ein Weitergehen gar nicht zu denken und nun drohte ihnen eine neue Gefahr ... der Hunger.

Was war zu thun? Woher konnte sie etwas zu essen bekommen?

Auf diese Frage gab es nur eine Antwort: Cora mußte sich an irgend einen arglosen Hüttenbewohner in der Nähe wenden. Und sie konnte keine andere Vorsicht beobachten, als eine Stunde zu wählen, wo die Männer bei ihrer Arbeit außer dem Hause sein würden.

Es ängstigt Sie doch nicht, wenn ich Sie allein lasse? Sie sind doch von meiner Rückkehr überzeugt?" sagte Cora zu ihrem Gefährten.

So undankbar bin ich nicht," entgegnete er,wenn auch eine hilflose Gefangenschaft an einem solchen Ort sogar das stärkste Herz mit Bangigkeit erfüllen muß. Aber ich verdanke Ihnen mein Leben, Coral Sie werden mich nicht verhungern lassen."

Niemals!" antwortete sie und begann ihre mühselige Wanderung.

Vor ihr führte ein schmaler Pfad nach dem Wasserfall hin und wieder über steile Stufen und gebrechliche Brücken. Dort war vielleicht eine Hütte zu finden, bevor der Weg hinter den grünen Bergen abbog und dorthin lenkte Cora ihre Schritte. Furchtlos eilte sie den schmalen Pfad hinab, bis sie in die Nähe eines weißen Häuschens gelangte, dessen untere Fenster durch dichtes Buschwerk verdeckt wurden. Die einfache, einsam gelegene Wohnung sah vielversprechend aus und als Cora das Ziel ihres Laufes wor sich sehen konnte, verdoppelte sie ihre Schnelligkeit. Jetzt war die Thür erreicht und sie klopfte möglichst laut an.

Einige Momente blieb es still.

Dann meinte Cora flüstern zu hören und nach kurzer Pause wurde die Thürklinke niedergedrückt und es erschien eine Frau von etwa dreißig Jahren, mit frischem Gesicht und leb­haften Augen, der echte Typus der Bergbewohner.

Können Sie mir etwas zu essen geben?" fragte Cora nach einem freundlichem Gruß.Ich will gern bezahlen, was Sie verlangen, wenn Sie mir etwas geben wollen."

Was gut für uns ist, ist auch gut für Andere," lautete die rauhe Antwort,aber wir verkaufen nichts."

»Ich hoffe doch, daß Sie ein gutes Herz haben und Mit- leid mit einet Verirrten fühlen, der es an Nahrung fehlt und die dafür bezahlen kann," entgegnete Cora stolz.

Aber wenn wir nur gerade genug für uns haben?" sagte die Frau.Außerdem habe ich Leute hier im Hause, ä

die sich nicht gern stören lassen. . . . Darum thäten Sie gut, Ihrer Wege zu gehen. Ich kann weder Sie noch Ihr Geld brauchen."

Sie werden mir doch nicht die Thür weisen, wenn ich Ihnen sage, daß ich in dieser einsamen Gegend ohne Schutz und ohne Nahrung bin?" sagte Cora.

Sie sind keine Stunde von der Stadt entfernt. Dort gibt er Verkaufsläden genug," erwiderte die unbarmherzige Frau.

Sie war eben int Begriff, vor der entrüsteten Bittenden die Thür zu schließen, als sie Jemand aus dem Innern des Hauses tief. Sie zog die Thüt halb zu und eilte in dar Nebenzimmet.

Cota wat unschlüssig, ob sie das ungastliche Haus ver­lassen ober warten sollte, bis bie Frau zurückkehrte, aber es war keine anbere Wohnung in Sicht und es wäre unüberlegt gewesen, eine Aussicht auf Erfüllung ihres Wunsches auf­zugeben. Geduldig wartete sie auf die Rückkehr der Frau.

Es vergingen einige Minuten, die ihr in ihrer Ungeduld wie Stunden erschienen; dann kehrte die Frau zurück.

Sie mögen hereinkommen und ausruhen," sagte sie, während ich etwas zu essen hole, aber lange können Sie hier nicht rasten, sonst kommt mein Mann zurück und jagt Sie aus dem Hause ... und mich hinterdrein."

Nein, wenn Ihr Mann böse werden sollte, trete ich nicht ein," Hub Cora zurückweichend an.

Aber die Hand der Frau legte sich auf ihren Arm und zog sie in das Haus.

Ich werde gleich mit Fleisch und Milch zurückkehren," sagte sie und rückte einen Stuhl zum Kamin, den sie dem müden, fröstelnden Mädchen anbot.

Cora setzte sich und die Frau verließ bas Zimmer.

Die Zeit verstrich langsam. Nichts regte sich in dem Hause. Endlich vernahm Cora Schritte und ein Geräusch, wie wenn Geschirr weggeräumt würde; sie hörte das Rauschen eines Kleides und das Rascheln von Papier. Von Zeit zu Zeit meinte sie auch leises Flüstern zu hören.

Ihre Situation begann ihr unbehaglich zu werden. Die Sonne ging unter und Cora begann zu befürchten, daß sie in der Dunkelheit den Rückweg nicht würde finden können, ganz abgesehen von der Angst, die der Kranke empfinden würde, wenn sie so lange ausblieb.

Beffer war es, zurückzukehren, ohne ihre Absicht erreicht zu haben. Sie stand auf und rückte die Stühle und Sessel möglichst geräuschvoll bei Seite, in der Hoffnung, ihrer Wirthiu dadurch ein Zeichen zu geben. (Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Gwe.

Roman nach Victorien Sardou und F. Morrea«. Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

Die Thür öffnete sich und ein junger Mann |in der Uniform eines Infanteristen erschien.

Es war ein hübscher, junger Mann, frisch, rosig, zart, noch bartlos, mit fchönen, schwarzen Augen voller Energie.

Auf dem Aermel des Rockes glänzte noch ganz neu der Streif des Sergeanten.

Was wünschen Sie?" fragte Bonaparte rauh.Ohne Zweifel befinden Sie sich in einem Jrrthum."

Der junge Sergeant grüßte militärisch.

Ich habe doch die Ehre, mit dem Artilleriecapitän Bonaparte zu sprechen?" sagte er mit sanfter Stimme.

Jawohl. Was führt Sie her?"

Ich heiße Rens," begann der kleine Soldat etwas zögernd.

Rens sonst nichts?" fragte Bonaparte, seinen durch­dringenden Blick, der bis in die innerste Seele spähte, auf den Unbekannten richtend.