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ja nur die Bezahlung einer Ehrenschuld bedeuten. — Gute Nacht, Herr Professor!"
„Gute Nacht! — Noch eins zu Ihrer Beruhigung, Hauptmann!" rief er, die Thür wieder öffnend. „Es haben sich muthige Männer vom Militär und der Feuerwehr gefun» den, welche den Kampf mit dem Element ausgenommen und schon viele der Bewohner aus der Niederung und vor den Thoren gerettet haben sollen. Die Melchiors werden jedenfalls darunter fein."
Er schloß die Thüre und eilte hinaus. Der Hauptmann faltete unwillkürlich feine Hände.
„Gott sei dafür gepriesen, er stehe ihnen bei, diesen Braven! Habe ich's nicht gesagt, Herr Nachbar, daß man die Unglücklichen retten werde trotz dunkler Nacht und Gefahr?"
VIII.
Am nächsten Morgen begann das Wasser, welches während der Nacht eine noch nie erlebte Höhe erreicht hatte, wieder zu sinken. Der Sturm hatte sich gelegt und gegen Mittag schien sich der Himmel ein wenig aufzuheitern.
Das „Tageblatt", dessen Herstellungsräume von der Fluth nicht erreicht werden konnten, erschien heute etwas später als gewöhnlich, weil es nicht früher ein volles Bild der schrecklichen Katastrophe hatte geben können. Nachdem der Bericht dieselbe in ihrer furchtbaren ZerstörungSwuth sehr anschaulich geschildert, pries er in schwungvollen Worten die heldenhafte That eines Fremden, der durch sein plötzliches Erscheinen, seine zündende Rede und vor allen Dingen durch sein opferfreudiges Vorgehen und seine sachgemäßen Rathschläge sowohl Militär wie Feuerwehr zur Nacheiferung hingerissen und im Verein mit diesen wackeren, todesmuthigen Männern die Rettung aller bedrohten Menschenleben vollbracht habe.
„Leider," so fuhr der Bericht fort, „wurde der Helden- müthige Fremde, dessen Namen wir bis zur Stunde nicht haben erfahren können, noch schließlich bei der Rettung der alten Gärtnersleute, welche er mit höchster Lebensgefahr in's Werk setzte, von einem niederstürzenden Theil eines Daches getroffen und nur mit großer Mühe, da er schwer verwundet worden, den Fluthen entrissen. Die Aerzte sollen wenig Hoffnung haben, ihn am Leben zu erhalten, was mit uns gewiß die ganze Stadt beklagen wird. So viel wir erfahren konnten, soll er ein Amerikaner und erst gestern Abend hier angekom- men sein."
Selbstverständlich wurde auch schließlich den einheimischen Rettern das gebührende Lob und der wärmste Dank dargebracht, da Jener ohne sie doch nichts hätte ausrichten können.
Auf des Hauptmanns Wunsch hatte Elisabeth Ehrhard diesen Bericht, der sie auf's Tiefste bewegte und zuweilen zu übermannen drohte, laut vorgelesen und zwar in Gegenwart des Rechnungsraths und feiner Frau, deren Gastfreundschaft sie zu ihrem Leidwesen noch immer in Anspruch nehmen mußten, da das Wasser in ihrer Wohnung noch fußhoch stand. Der Wirth hatte sich mit seiner Familie auf der anderen Seite bei dem Rentier ein quartiert, wo Fräulein Wedemeier in diesem Augenblick zum Entsetzen Ehrhards zu spielen besann, um ihren Gästen etwas Unterhaltung zu verschaffen.
Zu Elisabeths Erstaunen und Genugthuuug blieb Papa Ehrhard jedoch ganz sanft und ruhig bei der in der That barbarischen Handhabung des schönen Instruments, das unter der Mißhandlung abfeiten dieser unkünülerischen Finger ächzte und stöhnte. Der alte Herr dachte an das selbstlose Opfer, welches die junge Dame ihm in dieser Roth gebracht, sah sie in der komischen Beleuchtung mit aufgeschürzten Kleidern und hohen Männerstiefeln und lächelte still vor sich hin.
Plötzlich aber wurde er Feuer und Flamme.
„Habe ich's Ihnen nicht vorhergesagt, Herr Nachbar?" rief er triumphirend. „Da sehen Sie den Helden, der mit seinem Beispiel Wunder gewirkt hat! — Ich als alter Soldat muß dergleichen kennen. Gott segne den Braven und erhalte ihn am Leben, und wenn er es anders beschlossen haben sollte, sann ist der Tapfere wie ein Held auf dem Schlachtfelde ge
storben und dann soll nichts mich davon zurückhalten können, ihm die letzte Ehre zu erweisen."
Elisabeth war an's Fenster getreten, um ihre Thränen, die sie nicht mehr zurückzuhalten vermochte, zu verbergen. Wer von den beiden Fremden konnte es gewesen sein, der so heldenhaft mit dem Rettungswerk vorangegangen war? Sie wußte nichts von den späteren Vorgängen im Hause des Professors, nichts von Hamsons Verhaftung, und konnte dem tollen Gedanken, daß Willibald das sichere Asyl bei Tante Dorothea verlassen, nicht Raum geben.
Es mußte folglich Hamson sein, der so beispiellos kühn und edel sein Leben gewagt und es voraussichtlich auch geopfert hatte. Was würde der arme Verfolgte bei dieser Nachricht leiden! O, wenn der Professor doch nur käme, um ihr Kunde davon zu bringen, da ihr Herz so todestraurig war, daß sie es kaum mehr ertragen konnte.
„Dort kommt der Professor mit Leonore," rief sie plötzlich so überlaut, daß es wie ein Schrei der Erlösung klang.
„Na, was hast Du denn nur?" schalt der Hauptmann. „Wir sind doch nicht taub!"
Bald darauf trat Leonore mit dem Vater in'» Zimmer.
„Es ist doch Alles in Ordnung bei Ihnen, Professor?" fragte der Hauptmann, seine Hand festhaltend. „Unser Schelm dort ist so ungewöhnlich ernst."
„Ei, sie trauert über das Schicksal des braven Mannes," erwiderte der Professor ebenfalls sehr ernst; „es ist tragisch, sollt' ich meinen: er kommt Über's Weltmeer, um hier am ersten Abend seiner Ankunft im Dienst der Menschenliebe sein Leben zu verlieren."
„Ist er denn schon tobt?" lautete ringsum die erregte Frage.
„Nein, noch nicht; ich sprach vorhin unfern Sanitäts« rath, der ihn behandelt. Er gab wenig Hoffnung auf sein Leben. Die allgemeine Theilnahme für diesen Fremden ist natürlich sehr groß, sie bildet ausschließlich das Tagesgespräch."
„Er stirbt wie ein Held!" sprach der Hauptmann feierlich.
„Eigentlich noch beneidenswerther, als ein solcher," bemerkte der Rechnungsrath, „da er keine Menschenleben vernichtet, sondern sie gerettet hat."
„Das Schlachtfeld rettet bas ganze Vaterland durch die Vernichtung seiner Feinde!" rief der Hauptmann stirnrunzelnd. „Ehre, dem Ehre gebührt, Herr Nachbar!"
Am Fenster unterhielten sich die beiden jungen Damen leise und erregt.
„Ich glaubte, es müsse der Andere gewesen sein," flüsterte Elisabeth ganz fassungslos, „wie konnte er so kopflos handeln, seine Freiheit und schließlich sein Leben zu opfern! — O, weshalb hat ihn Tante Dorothea, weshalb Dein Papa nicht zurückgehalten?"
Leonore sah sie erstaunt an und schüttelte dann miß- billigend den Kopf.
„Ich verstehe Dich nicht, Liebste! Hättest Du ihn lieben, ja nur noch achten können, wenn er sich in sein sicheres Versteck hätte zurückführen lassen? — Das wäre mir ein schöner Held gewesen. Nein, Lisbeth, besinne Dich und sei stolz auf den Geliebten, der schon in den ersten Stunden der Heimkehr bewiesen hat, daß ein Mann nicht der Uniform bedarf, um muthig und tapfer zu fein. Sieh' nicht so unheimlich; starr darein, er lebt ja noch, Theuerste, und wo Leben ist, winkt auch die Hoffnung."
„Ich muß ihn sehen," stieß Elisabeth halblaut hervor, „nur einmal noch in diesem Leben."
Sie schluchzte krampfhaft aus, ihre ganze Gestalt bebte im heftigsten Seelenschmerz. Leonore legte, ihr beschwichtigende Worte zuflüsternd, den Arm um sie, während der Professor besorgt zu ihnen hinüberblickte.
„Es sind die Folgen des Schreckens und der übermäßigen Anstrengungen," bemerkte die Frau Rath, sich dem Fenster näheknd, „legen Sie sich noch ein wenigs im Nebenzimmer aufs Sopha, liebes Fräulein, ich bereite Ihnen eine Taffe Thee."
Wortsetzung folgt.)


