Ausgabe 
15.1.1895
 
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das Militär dabei thätig sein wird, auch hier in dieser Noth gefunden hat. Sie sollen sehen, daß ich Recht habe, Herr Nachbar!*

In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet, der Sohn des Rechnungsrathes, welcher Buchhalter in einem großen Geschäft war, schleppte einen Seffel herein.

Bitte um Entschuldigung, Herr Hauptmann," sagte er lächelnd,der Raum ist durch die vielen Gegenstände so be- schränkt geworden, daß wir auch dieses Zimmer mit in An­spruch nehmen müssen."

Ei, zum Henker, das ist ja mein eigenes Möbel, lieber Herr!" rief Ehrhard verdutzt.Hier ist die Entschuldigung und zwar meinerseits an eine andere Adresse zu richten. Und da kommt, so wahr ich lebe, noch mehr von meinem Eigen- thum hereinspaziert. R-in, Herr Rechnungsrath, dagegen muß ich protesttren, das heißt die Gastfreundschaft brand­schatzen und Ihnen jede Behaglichkeit rauben- Rufen Sie, bitte, meine Tochter doch gleich mal hierher." Er erhob flch erregt.

Aber, Herr Hauptmann," sprach der alte Beamte sehr ernst,wofür halten Sie uns denn eigentlich? Wir sind doch Ihre nächsten Nachbarn und wobnen zusammen unter einem Dachei Liegt nicht in diesem Umstande schon die einfache Pflicht, sich einander beizustehen in Noch und Gefahr?"

Ja, ja, Sie haben ganz recht, Herr Nachbar I" erwiderte der Hauptmann, sich beschämt wieder niederlaffend.Ich danke Ihnen und werde fortan besser denken von meinen Nachbarn, die, wie ich annehmen muß, allesammt bei der Bergung mei­ner Sachen mtthelfen."

Na, darin wird wohl Keiner zurückstehen wollen, ich wette, daß der zwölfjährige Bruder des Geigers sich dabei am meisten auszeichnet, da der Bursche Sie, Herr Haupt­mann, verehrt und bewundert, auch durchaus Artillerist wer­den und es bis zum Osfizier bringen will."

Sieh', steh', das ist mir ja erfreulich, zu hören," sagte Ehrhard lächelnd,wenn sein Bruder nur die verflixte Violine in Ruhe ließe, wie in aller Welt kann ein Mensch daran Ver­gnügen finden?"

Mein Himmel, Herr Hauptmann, der arme Geiger er­nährt ja seine Mutter, den Bruder und eine blinde Schwester damit. Er ist am Orchester angestellt und gibt außerdem noch viele Stunden. Der reine Sclave, sag' ich Ihnen."

Der alte Ehrhard zupfte an seinem grauen Schnurrbart und nickte nachdenklich vor sich hin.

Hm, dann freilich," brummte er,indessen mir ist die Geigerei ein Greuel, er müßte sich ein Häuschen miethen."

Wie gern thäte er's, aber so etwas findet stch nicht, da er nicht viel Mtethe zahlen kann. Man muß Nachsicht üben, Herr Hauptmann, und solche Dinge zum Exempel nur als Geräusch, ein bischen Geplänkel und dergleichen aufnehmen."

Gut, ich will'» versuchen, Herr Nachbar. Aber was sagen Sie zu dem Claviergetrommel: Wird damit auch eine Familie ernährt, he? '

Der Rechnungsrath lachte.

Nein, F-. äuletn Wedemeier hat das gottlob nicht nöthig. Aber ihre Eltern und ihr Verlobter halten sie für eine große Künstlerin. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, erzeigt die Dame uns durch ihre Grattsvocträge einen Extragenuß."

Den Teufel auch!" rief der Hauptmann mit komischem Entsetzen.Das fehlte noch, sie verlangt wohl gar An­erkennung für ihre Folterei.. Können Sie das aushalten?"

Na, sie spielt ja nicht immer Wagner. Im Uebrigen ist die junge Dame sehr harmlos, verheirathet sich schon zu Weihnacht und nimmt ihr Instrument mit-"

Gott sei Dank," seufzte Ehrhard aus tiefster Brust, dann kann man mal wieder aufathmen, obwohl die ewigen Tonleitern einen normalen Menschen auch nach und nach um den Verstand bringen können."

Er schwieg eine Weile und meinte dann, daß es an diesem Abend doch im Grunde frivol sei, über solche Dinge zu klagen, während draußen in dunkler Nacht arme Menschen, j

worunter er selber liebe Freunde habe, stch in Todesnoch be­fänden.

Ich bitte um Entschuldigung, Herr Nachbar, ich meine es nicht so," fügte er reumüthig hinzu,aber wo in aller Welt sollen wir für diese Nacht bleiben? Vielleicht überlassen Sie mir den behaglichen Platz hier am Ofen."

Seien Sie deshalb ganz unbesorgt, Herr Hauptmann," beruhigte ihn der Rath,wir sind ja noch drei Parteien hier oben, die wohl für zwei kleine Familien auf eine kurze Zeit Platz schaffen können. Diese Sorge wollen wir getrost den Frauen überlaffen. Ah, da haben wir unfern künftigen Artilleristen," setzte er hinzu, als die Thür geöffnet und ein schlanker Knabe sichtbar wurde.Komm', Arnold, ich will Dich dem Herrn Hauptmann vorstellen."

Der etwa zwölfjährige Knabe kam mit hoch aufgekrempel­ten Beinkleidern, durchnäßten Stiefeln und erhitztem Gesicht zögernd näher- Man sah's ihm an, daß er wacker geholfen hatte-

Ich bin so naß, Herr RathI" entschuldigte er sich. Das gnädige Fräulein läßt anfragen, wie es dem Herrn Hauptmann ginge."

Nun, mir geht'S ganz vortrefflich," rief Ehrhard, ihm freundlich zunickend,melde nur, daß ich mir einen sehr be­haglichen Plotz in Feindesland erobert und bereit» ein Blind« niß geschlossen hätte. Alle Wetter, mein Bursche, Deine Stiefel machen ja wahre Wasserbäche, Tu bist jedenfalls für meine Umquartierung thätig gewesen und wirst Dir eine tüch­tige Erkältung zugezogen haben. Komm', gib mir die Hand und laß Dir danken, habe es gar nicht gewußt, daß Du ein so tapferer kleiner Kerl bist- Dein Bruder, der Geiger, sitzt wohl oben bei Mutter, wie?"

O nein, Herr Hauptmann, er hat mitgeholfen, aber seine Hände haben Blutschwielen bekommen. O, Sie hätten Fräulein Wedemeier sehen sollen, Herr Hauptmann, wie sie mit aufgeschürzten Kleidern und langen Männerüiefeln dem gnädigen Fräulein geholfen hat. E» war zu possirlich, aber nun ünd wir fertig."

Er lachte lustig auf und verließ dann auf de» Rath- Geheiß rasch das Zimmer.

Der Bursche setzte uns am Ende auch noch unter Wasser," meinte er,und es geht doch nichts Über die.Behag- lichkeit."

Er holte selber ein Scheuertuch, um die Wasserpfuhle aufzuwischen, wobei er hier und da einen humoristischen Seitenblick auf den Hauptmann warf, der nachdenklich und unbeweglich vor sich hinstarrte.

Die aufgeschürzten Kleider und hohen Männerstiesel der verhaßten Clavier-Trommlerin schienen ihn nicht loslaffen zu wollen, so etwas an Aufopferung erleben zu müssen, das schien ihn um alle Fassung zu bringen.

Golt sei Dank," murmelte er,daßßste Weihnachten heirathet und den Musikkasten mitnimmt."

Na, damit wären wir glücklich fertig," tief in diesem Augenblicke der Professor, die Schwelle betretend.Das wat eine Arbeit, lieber Hauptmann, an welcher Männlein und Weiblein sich glücklicher Weise tapfer betheiligt haben."

Treten Sie doch näher, Herr Professor!" bat der Rech­nungsrath.

Nein, ich muß jetzt eilen, nach Hause zu kommen, ei« Freund Ihres Herrn Sohnes hält mit einem Boot vor der Thür. Ich preise diesen Zufall, da mir sonst die Heimkehr unmöglich gewesen wäre und meine Familie sich halb tobt ge­ängstigt hätte- Gute Nacht, meine Herren!"

Tausend Dank, alter Freund, für Ihre Aufopferung, die ich Ihnen leider nicht vergelten kann," sagte Ehrhard, sich erhebend und zu ihm hinstolpernd, um ihm gerührt die Hand zu drücken.

Wer weiß, Hauptmann," erwiderte der Professor mit einem verschmitzten Lächeln,vielleicht fordere ich über kurz ober lang auch mein Dankopfer von Ihnen, da» Sie mir dann hoffentlich ebenso bereitwillig bringen werden."

Mein Wort darauf," sprach Ehrhard feierlich,es würde