Ausgabe 
14.12.1895
 
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Sie sind ganz stumm geworden?" fragte die junge Lame, während er so in sich hinein grübelte.Habe ich. Sie beleidigt? Da« sollte mir leid thun. Aber ich dachte"

O nein, nein," fiel er, sich aufraffend, ein-Wie können Sie da« denken? Ich bin Ihnen ja im Gegentheil sehr dank­bar Sie haben mir die Augen geöffnet. Ich war ja wohl wirklich ganz blind. Und nein, ich will noch nicht« ver­sprechen" Er warf ihr einen feurigen Blick zu.Aber wenn wenn er kann etwa» geben, wa« mich zu einem heroischen Verzicht bewegen wird freilich nur da« eine. Denn, wenn ich da» nicht erreiche"

Ein Ausruf frohen Erstaunens von ihren Lippen unter­brach ihn. Sie hatten die Höhe des waldigen Vorberges jetzt erreicht und der rothe Backsteinbau eine» hirschgeweih­geschmückten Forsthause» grüßte au» dem Buchengrün zu ihnen herüber.

Sind wir zur Stelle?" fragte sie in freudiger Erregung. Hier ist'» aber wirklich gut sein. Und hungrig bin ich! Man wird uns doch etwa» zu effen geben? Sie haben'» ver­sprochen."

In fünf Minuten sind wir angelangt," versicherte er und wie» auf einen ebenen Platz oberhalb de» Forsthauses, wo unter alten Buchen ein paar Bänke und Tische standen, da oben ist'« herrlich. Und im Vorbeigehen bestellen wir bei der alten Frau Försterin Speise und Trank. Sie sollen nicht zu klagen haben."

Und seine Vorhersagungen bestätigten sich. Wenige Minuten später saßen die Beiden droben unter den Schatten- wipseln der Waldriesen bei einander, die weißhaarige Frau Försterin brachte ihnen eigenhändig die bestellten Erfrischungen herauf und nun schweiften ihrer Beider Blicke von der kühlen Höhe über die nachbarlichen Waldhügel hinab in dar weite, sonnenübergoffene Thalgelände mit seinen wogenden Korn- breiten, au« deren schier endlosem Meer da« Städtchen wie eine rothüberdachte Insel auftauchte.

Ein Weilchen hatten sie nicht« zu sprechen, nur immer einander in entzückten Ausrufen zu überbieten. Und Eugen konnte dazwischen Manche» zeigen und deuten. In der wetten Ferne, wo der blaudunstige Horizont auf die Erde stieß, er* kannt^ sein geübte» Auge sogar den Kirchthurm von Altstädt. Und da recht», jensett» de« Kiefernwaldes, ist dann Storkow!"

Nach einiger Zett, al« die junge Dame schweigend und mit, großer Eßlust ihr Frühstück verzehrt hatte, wobei er ihr in wachsendem Behagen zugesehen, sagte Eugen, während ihre Blicke noch immer an dem reizvollen Landschaftsbllde hingen: Wir sitzen hier nun so friedfertig bei einander und ich habe Ihnen in merkwürdiger Offenheit so viel von mir erzählt eigentlich Alle», meine ganze Lebensgeschichte sozusagen, darf ich da nicht hoffen, daß nun auch Sie mir ein bischen Sie müssen doch begreifen, daß ich allmälig furchtbar neugierig geworden bin und*

Sie zeigte beim Lachen ihre kleinen weißen Zähne.

O," machte sie und nahm einen herzhaften Schluck au« ihrem Bierglase,wirklich? Aber von mir ist sehr wenig zu erzählen, nicht«, was Sie gerade für mich einnehmen wird, Herr Referendar. Denn ich gehöre auch zu jenenarmen Dingern", die Gouvernante «erden müssen, weil'« im Eltern- hause kein bequemes Familienbrod für sie giebt und weil sie auch sonst noch keine Versorgung gefunden haben. Arme Mäd­chen heirathet ja heutzutage Keiner mehr. Und augenblicklich bin ich einmal wieder stellenlos mein Zögling hat »feine Bildung" beendet und da geh' ich vorläufig für ein paar Wochen auf Verwandtenbesuch, um mich zu erholen, bis sich wa« Neue» gefunden hat. Da» ist meine ganze Lebens­geschichte."

Er sah sie mit unverholenem Erstaunen an.

Gouvernante!" sagte er in naiver Aufrichtigkeit.Das hätte ich nun zu allerletzt vermuthet. So sehen Sie gar nicht an». Sie brauchen übrigen« nicht zu denken, daß ich etwas gegen diesen ehrenwerthen Beruf einzuwenden hätte, - natürlich, gar nicht« hab' ich dagegen einzuwenden. Nur die Vertreterinnen dieses Berufs, die ich bisher kennen lernte,

waren ich möchte Ihnen keine faden Eomplimente machen, aber die waren wirklich ganz ander» al» Sie, merk­würdig reizlos, während"

Sie lachte schon wieder hell auf und winkte ihm mit der Hand, das Weitere für sich zu behalten.Ich könnte Ihnen sogar noch wa» viel Wunderbarere« erzählen: Ich bin auch eine Pastorentochter!"

Ah! aber doch nicht vom Lande?"

Vom Lande!"

Alle-guten Geister! Da« ist ja gar nicht möglich. Und da haben Sie vorhin meine Ausfälle gegen diese Eategorie junger Mädchen mit angehört, ohne mich mit einem einzigen Wort zu unterbrechen, ohne mir zu verrathen Ah! Ver­zeihen Sie, aber da« war heimtückisch."

Er sah jetzt wirklich gekränkt au«.

Warum hätt' ich denn da« thun sollen? Mich meinten Sie ja doch wohl nicht und ich fühlte mich auch gar nicht getroffen. Im Uebrigen aber hatten Sie gar nicht so ganz Unrecht." (Fortsetzung folgt.)

Das wahre Hkück.

Weihnachts-Erzählung von W. Hogarth.

(Fortsetzung.)

In einer der vornehmsten Straßen zog dagegen die die lange Reihe hellleuchtender Fenster die Blicke der Vor­übergehenden aus sich.Der reiche Commercienrath Kronberg kann es bezahlen," meinten die Leute,er hat Geld im Uebersluß."

In den mit großem Luxus ausgestatteten Räumen ging die Frau vom Hause auf und nieder; die lange Schleppe ihre« rothen Seidenkleides rauschte leise auf den kostbaren Teppichen. Mit scharfer, hochmüthiger Stimme ertheilte sie ihre Befehle, während sie die langen, mit den reichsten Geschenken beladenen Tafeln musterte. Der Diener vermochte kaum allen Aufträgen gerecht zu werden; bald sollte er diese« Geschenk ander« stellen, bald jenes noch herbei schaffen. Dann sollte er an dem beinahe die Decke de« hohen Salon« erreichenden Weihnachtsbaum noch mehr Kerzen anbringen, und die Flammen der Kronleuchter in allen Räumen mehr noch herausschrauben, denn die Frau Commercienrath wollte Tageshelle verbreitet haben. Dazwischen wendete sie sich mit Aufträgen an die junge Dame an ihrer Seite.

Fräulein," sagte sie befehlend zu derselben,mahnen Sie die Köchin nochmal« zur Pünktlichkeit, sie wird immer saumseliger. Prüfen Sie auch die Anzüge der Kinder, damit nichts daran fehlt. Die Vasen mit Blumen werden auf die Tafel gestellt! Heute kann ich Ihre Anwesenheit nicht entbehren, morgen mögen Sie den Abend bei Ihren Eltern verleben- Wir werden ausfahren."

Das junge, anmuthige Mädchen, in ihrem schlichten Anzug einen großen Abstand zu ihrer Herrin bildend, dankte, trotz der hochfahrenden Art, mit welcher sie behandelt wurde, freudig erröthend für die gewährte Erlaubniß, morgen die Eltern besuchen zu dürfen und gab sich doppelte Mühe, den vielfachen Ansprüchen der Frau Commercienrath gerecht zu werden. Wenn sie wehmüthig empfand, heute nicht bei den Eltern sein zu dürfen, dachte sie um so freudiger an den morgenden Feiertag, den sie mit den Eltern und dem Bruder verleben durfte, denn die« war ein seltener Genuß in ihrer oft schwierigen Stellung.

In seinem am Ende de« langen Vorsaales gelegenen Zimmer saß der Hausherr Commercienrath Kronberg an dem reichgeschnitzten Schreibtisch. Kaum in der Mitte der fünf­ziger Jahre stehend, erschien er um viele Jahre älter, sein Haar schimmerte vollständig weiß und fein schmale« Gesicht zeigte zahlreiche Falten. Er schrieb Notizen in da» vor ihm liegende Buch, rechnete und zählte, um bald wieder die Feder wegzulegen und wie in tiefer Ermüdung den Kopf schwer in die Hand zu stützen. Bald darnach sprang er auf, ging un­ruhig auf und ab, warf, am Fenster lehnend, den Blick auf